Und wie sieht es in anderen Ländern aus - in puncto Antisemitismus?

Antisemitismus in Großbritannien

Vor einigen Monaten bekam ich als Privatperson eine E-Mail mit einer Anfrage, ob ich im Rahmen einer Vorlesungsreihe einen 40-minütigen Vortrag halten könnte. Das Thema könne ich, sofern es sich im Feld "Peace and Social Justice" bewege, frei wählen. Sofort dachte ich, dass dies eine gute Gelegenheit sei, über die Arbeit von ASF zu sprechen und uns damit ein wenig bekannter zu machen. Ich schrieb also zurück und skizzierte in groben Zügen, worüber ich gerne spräche. Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von der Organisatorin der Vorlesungsreihe. Zuerst fragte sie mich, ob wir eine jüdische Organisation seien und dann, ob wir mit jüdischen Organisationen zusammenarbeiteten. Hörbar beschämt versuchte sie mir zu vermitteln, dass sie persönlich auf gar keinen Fall Antisemitin sei und die Zuhörergruppe ihrer Vorlesungsreihe sicher auch nicht, dass der Vortrag, den ich vorgeschlagen hatte aber politisch schwierig sei, da sich viele in ihrem Zuhörerkreis in der BDS-Bewegung gegen Israel engagierten (BDS = Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen).

Dieses Telefonat bestätigte leider, was ich zuvor schon von vielen unserer Projektpartner* innen gehört hatte: Das derzeitige Klima der antiisraelischen und antisemitischen Stimmung in Großbritannien scheint eine erschreckende Wirkung auf Teile der britischen Gesellschaft ausgeübt zu haben und führt dazu, dass viele Jüdinnen und Juden darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, dieses Land, welches in der Vergangenheit immer als besonders offen und tolerant gegenüber dem Judentum gesehen wurde, zu verlassen. Auch die Unwilligkeit der Labour-Partei, sich entschieden gegen den antisemitischen Diskurs von Teilen ihrer Mitglieder zu stellen, hat dazu beigetragen, eine Atmosphäre der Angst zu schaffen. Wenn kulturelle Organisationen Bedenken haben, Vorträge von pro-jüdischen Organisationen in ihr Programm aufzunehmen, dann ist Großbritannien einen großen Schritt zurückgegangen. Auch wenn Antisemitismus in Großbritannien sich bisher meist noch nicht in physischer Gewalt ausdrückt, so frage ich mich doch: Gibt es Juden – zum Beispiel Wissenschaftler*innen, Ingenieur*innen und Professor*innen – denen in Großbritannien der Arbeitsplatz verweigert wird oder Unternehmer* innen, die aufgrund von Vorurteilen Aufträge verlieren? Vor fünf oder zehn Jahren hätte ich gesagt, dass dies höchst unwahrscheinlich sei. Nach meiner jüngsten Erfahrung – und nach dem, was ich über den Anstieg von Antisemitismus gelesen und von Projektpartnern gehört habe – würde ich sagen, dass dies durchaus möglich ist. Und das weiß ich: Wenn jemand pro-jüdische Organisationen nicht willkommen heißt, weil er*sie eine Gegenreaktion befürchtet, dann ermöglicht diese Feigheit den Hassern, ihre irrationale Abneigung gegen jüdische Menschen zu verbreiten und sie als akzeptabel erscheinen zu lassen. Und ich frage mich: Ist das wirklich die "neue Normalität", die wir für Großbritannien wollen?  

Sabrina Gröschel ist Landesbeauftragte in Großbritannien. Sie lebt dort – mit Unterbrechungen während der Studienzeit – seit dem Jahr 2000.

Antisemitismus in Frankreich

Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich ist auch im Jahre 2019 die größte in Europa. Jüdisches Leben, jüdische Kultur haben einen festen Platz in einer vom Laizismus geprägten Gesellschaft. Das Judentum in Frankreich ist nicht einheitlich. Konservative Organisationen stehen neben reformorientierten jüdischen Gruppen, ein Netz unterschiedlicher jüdischer Schulen überspannt das Land, LGBTQ+-Gruppen und Studierendenorganisationen sowie unterschiedliche Vereine zeigen ein lebendiges Bild des Judentums im heutigen Frankreich.

Diesem vielfältigen jüdischen Leben steht ein Antisemitismus gegenüber, der seit kurzem wieder gewalttätige Züge annimmt. Mireille Knoll, jüdische Französin und Shoah-Überlebende, ist nach Sarah Halimi das zweite Mordopfer innerhalb von zwei Jahren. Hakenkreuze auf öffentlichen Darstellungen von Simone Veil (Shoah-Überlebende und französische Politikerin, unter anderem Präsidentin des Europäischen Parlaments) und Schändungen von jüdischen Friedhöfen im östlichen Frankreich sind weitere Beispiele dieses präsenten Antisemitismus. Im Rahmen der Bewegung der sogenannten Gelbwesten kommt es vereinzelt zu antisemitischen Äußerungen und Beschimpfungen. Die Beweggründe für diese antisemitischen Übergriffe sind nicht einheitlich zu verorten. Die Gefahr der politischen Instrumentalisierung ist hingegen groß.

Der rechtsradikale Antisemitismus existiert weiterhin, obgleich der Rassemblement National, ehemals Front National, sich vermeintlich hinter Frankreichs Jüdinnen und Juden und gegen die „islamischen Kräfte“ stellt. In radikal islamischen Kreisen werden antisemitische und antiisraelische Ideen verbreitet; in geringerem Maße auch in linksradikalen Gruppierungen.

Der wachsende Glaube an verschiedenartige Verschwörungstheorien nimmt besorgniserregend zu. Die Idee einer angeblichen „zionistischen Weltverschwörung“, die die Präsidentschaft Emmanuel Macrons – eines ehemaligen Rothschild-Bankmanagers – als Beleg betrachtet, hat starke Überzeugungskraft, nicht zuletzt durch die schnelle Verbreitung im digitalen Raum. Das wird deutlich durch 22 Prozent der Befragten, die in einer 2019 veröffentlichten Studie mit „trifft zu“ ihre Überzeugung zum Ausdruck gebracht haben.

Das Problem Antisemitismus wird in der französischen Öffentlichkeit und Politik ernstgenommen. Die französische Regierung beschloss ein umfangreiches Paket von Maßnahmen zur Bekämpfung der Symptome und Ursachen des Antisemitismus. Vereine, Einrichtungen und Initiativen ermöglichen auf unterschiedlichste Weise Begegnungen und schaffen so Raum für ein Miteinander.

Camilla Brockmeyer war nach ihrem Geschichtsstudium in Paris und in der Normandie
tätig. Sie ist seit drei Jahren Landesbeauftragte von ASF in Frankreich.

Antisemitismus in Russland

Sowohl die russische Führung als auch jüdische Organisationen lassen regelmäßig verlautbaren, dass Antisemitismus in Russland derzeit kein relevantes Problem darstelle. Im Vergleich beispielsweise zu Frankreich mag diese Aussage berechtigt sein. Gewalttätige Übergriffe zumindest werden in Russland selten gemeldet. Vandalismus und antisemitische Beiträge auf diversen Internetforen und in sozialen Netzwerken nehmen hingegen zu. Dies konstatierten Teilnehmende der im Herbst 2018 zum zweiten Mal in Moskau durchgeführten internationalen Konferenz gegen Antisemitismus. Eine Studie des Moskauer Levada-Zentrums – ein unabhängiges Zentrum für Meinungsforschung – kommt zu dem Schluss, dass latent vorhandener Antisemitismus durch entsprechende Signale staatlicher Instanzen begünstigt werden könne. Vor dem Hintergrund einer aggressiven Medienberichterstattung über die Ukraine ließe sich seit 2014 eine teilweise Aufweichung der Tabuisierung von Antisemitismus in offiziellen Kreisen beobachten. Selbst führende Politiker*innen wie der Vizesprecher der russischen Duma, Pjotr Tolstoi, bedienten sich antisemitischer Klischees und Zuschreibungen. Am Vorabend des Pessach-Festes im April dieses Jahres verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf eine Jeschiwa (Talmud- Hochschule) im Moskauer Umland. Menschen kamen nicht zu Schaden, aber ein Lagerraum für koscheres Fleisch wurde komplett zerstört. Auf der anderen Seite des Gebäudes fand sich ein Hakenkreuz mit der Zahl 88 – sie steht für den Hitlergruß – und 130, was vermutlich auf den 130-jährigen Geburtstag Hitlers hinweisen sollte. Weitere Beispiele für antisemitische Straftaten finden sich zur Genüge.

Ute Weinmann ist freie Journalistin und arbeitet in Moskau als Länderbeauftragte von ASF.

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