Antisemitismus in den USA - eine transatlantische Perspektive

Das deutsch-amerikanisch-jüdische Begegnungsprogramm Germany Close up vergibt jedes Jahr bis zu 250 Stipendien an junge nordamerikanische Jüdinnen und Juden, die für acht bis zwölf Tage nach Deutschland kommen, um sich ein Bild vom modernen Deutschland zu machen. Das Programm bietet den Stipendiat*innen einen Einblick in die aktuellen Diskussionen des Landes sowie in seinen Umgang mit der eigenen Geschichte. Dies geschieht durch Besuche und Begegnungen. Bisher haben mehr als 2.700 Menschen daran teilgenommen.
Foto: Peter Groth Bronfman

Auch im vergangenen Jahr haben wieder rund 240 junge amerikanische Jüd*innen mit unserem Programm Germany Close Up Deutschland besucht. Sie kommen aus verschiedenen Städten und Orten und repräsentieren verschiedene Facetten des jüdischen Lebens in den USA. Sie sind modern-orthodox oder aber verstehen ihr Judentum eher kulturell, ordnen sich verschiedenen jüdischen Organisationen oder Campusaktivitäten zu oder aber Synagogengemeinden – oder bewerben sich einfach über unsere Website www.germanycloseup.de. Die religiösen Überzeugungen sind ebenso breit gefächert wie die politischen – wobei der größere Teil unserer Teilnehmenden bei den Präsidentschaftswahlen demokratisch gestimmt hat. Und das verwundert nicht, da dies das Wahlverhalten amerikanischer Jüd*innen beziehungsweise der jüngeren Wähler*innen in den USA widerspiegelt. Doch jenseits aller religiösen und politischen Überzeugungen vereint unsere Teilnehmenden die Sorge um den Antisemitismus in den USA, der als zunehmend stärker und lauter werdend erlebt wird. Hier hat sich etwas verändert und das beeinflusst auch die Arbeit von Germany Close Up.

Es gibt Studien aus den letzten Jahrzehnten, die zeigen, dass der Judenhass in den USA immer weiter abgenommen hatte. In den ersten zwölf Jahren der Arbeit von Germany Close Up wurde in Diskussionen und Texten immer wieder deutlich, wie sicher sich fast alle unsere Teilnehmer*innen in ihrer Heimat fühlten. Zwar berichteten einzelne unter ihnen von wenigen Vorfällen von Schmierereien oder Situationen, in denen sie antisemitisch beleidigt worden waren, aber diese Fälle waren äußerst selten und wurden von den Teilnehmenden selbst nahezu durchgehend als die Ausnahme verstanden, die die Regel bestätigt. Die USA wurden als sicherer Hafen gesehen. Nun aber erleben unsere Teilnehmenden ein Klima in Politik und Gesellschaft, das für antisemitisch motivierte Taten einen neuen und größeren Raum schafft. Und das lässt den vermeintlich sicheren Hafen der Vereinigten Staaten von Amerika zu einem Ort der gefühlten wachsenden Unsicherheit werden.

Seit Beginn von Germany Close Up führen wir auf jedem Programm Podiumsdiskussionen zum Thema Antisemitismus und Rechtspopulismus in Deutschland durch. Analog dem grundsätzlichen Anspruch des Programms, verschiedene Perspektiven zu präsentieren, laden wir Wissenschaftler*innen, Vertreter* innen jüdischer Institutionen, zivilgesellschaftlicher Organisationen, und seit Beginn ihrer Tätigkeit auch Vertreter*innen von RIAS (vgl. S. 12/13) zu diesen Diskussionen ein. So sprechen dann junge jüdische Menschen, die sich in allen Bezirken Berlins wohl und sicher fühlen – aber auch andere, die stärker auf die (gefühlt) wachsende Bedrohung hinweisen. Das bedeutet, dass wir auch bereits 2007, als noch nicht so breit über den Antisemitismus in Deutschland gesprochen wurde, über Umfragen diskutiert haben, die zeigten, dass jede*r fünfte Mensch in Deutschland geneigt war, antisemitischen Positionen zuzustimmen – wobei die Zustimmungswerte abhängig von der genauen Formulierung der Frage höher oder geringer ausfielen. Trotz dieses kritischen Blicks sprachen unsere Referent*innen dennoch nahezu ein Jahrzehnt lang zu einer Besuchsgruppe, die sich selbst in ihrer Heimat in den USA sicher fühlte und auf dem Hintergrund dieser Erfahrung die Situation in Deutschland bewertete – 2007 wie auch in den letzten Jahren, in denen sich der Antisemitismus in Deutschland lauter und gewalttätiger Bahn brach als in den Jahren zuvor. Ich habe in diesen Diskussionen oft Sorge um die Situation in Deutschland gespürt, gerade auch weil amerikanisch-jüdische Medien sehr genau über die antisemitischen Vorfälle hier berichteten, aber gleichzeitig auch Gelassenheit und Hoffnung, dass sich die Situation zum Positiven ändern kann.

Für viele Jüd*innen in den USA stellt der rechtsextreme Aufmarsch in Charlottesville, Virginia, zehn Monate nach der Amtseinführung des amtierenden Präsidenten, einen Wendepunkt mit Blick auf das jüdische Leben in den USA dar. Es war der größte rechtsextreme Aufmarsch in den USA seit Jahrzehnten. Eingeladen hatten unter anderem Gruppen von Ku-Klux-Klan- Anhängern, Neonazis und bewaffneter rechter Milizen, vereint unter dem Motto „Unite the Right“. „Jews will not replace us“ – „Juden werden uns nicht ersetzen“, diese und ähnlich Rufe skandierten die Demonstrant*innen. Zahlreiche Gegendemonstrant* innen wurden verletzt und die Demonstrantin Heather Heyer getötet, als ein Rechtsextremer mit seinem Auto absichtlich in die Menge fuhr. Im Oktober des letzten Jahres stürmte ein bewaffneter Mann in die Synagoge „Tree of Life“  in Pittsburgh Thema 19 und rief „Tod den Juden!“. Daraufhin tötete er elf Menschen – es war der Angriff mit der höchsten Zahl jüdischer Todesopfer in den USA überhaupt. Der Angreifer hatte zuvor seine Nähe zum sogenannten White Supremacy und rassistische und antisemitische Haltungen in den sozialen Medien formuliert, insbesondere aber seinen Hass auf eine jüdische Flüchtlingshilfeorganisation – die „Hebrew Immigrant Aid Society“ (HIAS). Offenbar war er der Vorstellung verfallen, diese würde (muslimische) Geflüchtete ins Land bringen, die zu einer tödlichen Gefahr für Amerikaner*innen werden könnten.

 Andere tödliche Angriffe sind gefolgt. Der amtierende Präsident Donald Trump bezeichnet sich gerne als „der am wenigsten antisemitische Mensch, den Sie je in Ihrem Leben gesehen haben“. Zugleich bereitet er mit seiner rassistischen und hetzenden Wortwahl, seiner Immigrationspolitik und seiner skrupellosen Herabwürdigung von Menschen und ganzen Menschengruppen einen Nährboden und senkt Hemmschwellen für den sich lauter und gewalttätiger Bahn brechenden Antisemitismus, der sich auch in einer wachsenden Zahl antisemitischer Vorfälle zeigt.

Diese Erfahrungen bringen unsere GCU-Teilnehmenden nun mit nach Deutschland, und als wir im August eine Gruppe aus Pittsburgh zu Gast hatten, war in den Diskussionen wenig von Zuversicht und mehr von einer generellen Unsicherheit zu spüren. Zwar werden nun die Nachrichten über Antisemitismus in Deutschland und Europa anders eingeordnet, weil man sie mit der Situation in den USA vergleicht und das stärkere Verbot des Tragens von Schusswaffen als sehr positiv wahrgenommen wird, aber die Diskussionen um die Verhältnisse in Deutschland nehmen an Schärfe und Intensität zu, weil sie gleichzeitig immer auch eine Diskussion darüber sind, wie die Verhältnisse in den USA zu bewerten sind. Denn auch wenn unsere Teilnehmenden zu größten Teilen nicht für Donald Trump gestimmt haben und sich in der Ablehnung seiner rassistischen Rhetorik einig sind, sehen andere die größere Gefahr für Jüd*innen in den USA eher von der politischen Linken ausgehend, etwa in den heimischen Universitäten von der BDS-Bewegung oder auch von islamistischen Gruppen. Für diese Diskussionen müssen wir auf den Programmen Raum schaffen. Dabei ermöglichen uns die Gespräche mit den Teilnehmenden wiederum eine tiefere Einsicht auf die Situation in den USA, wie sie in Deutschland nicht oft vorhanden ist. So wurde in der deutschen Presse breit von dem Vorwurf der Illoyalität berichtet, mit dem Donald Trump die Jüdi*innen bedachte, die demokratisch wählen – dieser Ausdruck fiel im Zusammenhang mit der Entscheidung der israelischen Regierung, den beiden demokratischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib die Einreise zu verweigern, auch weil sie die BDS-Bewegung unterstützen. Dieser Vorwurf bedient das antisemitische Vorurteil, dass jüdische Bürger*innen nicht loyal sind gegenüber dem Land, in dem sie leben. In der deutschen Presse wurde breit darüber berichtet und auch darüber, dass jüdische Verbände Trump dafür mit Recht tief kritisierten. Allerdings – und dieses war nicht zu lesen – verteidigte die Republican Jewish Coalition, das Sprachrohr der jüdischen Republikaner, die Aussagen des Präsidenten. Darüber diskutierten wir mit einigen Teilnehmer* innen unseres Programms, die der Jewish Federation in Kansas angehören, Anfang September.

Was mich jedoch jenseits aller politischen Überzeugungen immer wieder beeindruckt, ist die große Tradition von jüdischamerikanischem zivilgesellschaftlichen Engagement und die Solidarität mit anderen Minderheiten, die ebenfalls durch den Rechtsruck in den USA bedroht werden. Auch hier gibt es natürlich vielfältige unterschiedliche Auffassungen unter den Teilnehmenden und nicht selten tiefe Gräben – zugleich aber ein interreligiöses politisches Engagement, von dem wir in Deutschland noch viel lernen können. Bereits wenige Stunden nach dem Anschlag in Pittsburgh begannen auch muslimische Gemeinden Spenden für die Angehörigen der Toten von Pittsburgh zu sammeln.

Dr. Dagmar Pruin wurde 2004 an der Humboldt- Universität zu Berlin mit einer Arbeit im Fach Altes Testament promoviert. 2007 konzipierte sie das deutsch-amerikanisch-jüdische Begegnungsprogramm Germany Close Up an der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, das sie seither leitet. Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und seit 2014 ordinierte Pfarrerin der EKBO. Seit 2014 gehört auch Germany Close Up zu ASF.

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