Antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft

Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft ist in den Medien häufig Thema. Oft fällt der Blick in der Debatte einseitig auf antisemitische Ressentiments von Migrant*innen und es zeigt sich eine Tendenz, die rassistische Vorurteile reproduziert, indem Antisemitismus besonders Migrant*innen beziehungsweise Muslim* innen zugeschrieben wird und dabei der Blick auf den Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft verloren geht. Eine Differenzierung des Antisemitismus nach Gruppen von Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichten oder im Kontext einer jeweiligen Religionszugehörigkeit bleibt unterkomplex, wenn damit in starren ethnischen und religiösen Zuschreibungen verharrt wird, unabhängig von der jeweiligen Sozialisation, politischen Einstellung und des Wissens. Für unsere Bildungsarbeit zu Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft ist es daher von Bedeutung, die Dynamiken der Gesamtgesellschaft in den Blick zu nehmen. Das schließt insbesondere die Verschränkung antisemitischer Ideologie mit Rassismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ein. Zur Migrationsgesellschaft gehören alle in Deutschland lebenden Menschen – mit und ohne Einwanderungsgeschichten.

In den Bildungsprogrammen des ASF-Arbeitsbereichs „Geschichte( n) in der Migrationsgesellschaft“ wenden wir uns schwerpunktmäßig an Menschen mit Einwanderungsgeschichten, zum Beispiel die Stadtteilmütter aus Neukölln, die als Familienberater* innen arbeiten, Frauen aus der Minderheit der Roma und Menschen, die nach Deutschland geflohen sind. Die Seminarreihen gehen auf eine Initiative von Stadtteilmüttern zurück, die sich an uns gewandt haben, weil ihnen Wissen über die Zeit des NS fehlte und sie das Gefühl hatten, in den Debatten über die Geschichte nicht mitreden zu können. Unsere Bildungsprogramme richten sich insbesondere an Menschen, die bisher wenig Zugang zur Beschäftigung mit der deutschen Zeitgeschichte oder ein besonderes Interesse an der Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur haben. Unser Impuls, die Seminare durchzuführen ist nicht, dass wir finden, Menschen mit Migrationshintergrund hätten eine Beschäftigung mit der NS-Geschichte und mit Antisemitismus nötiger als Menschen ohne Migrationshintergrund. Eher ist es so, dass wir Menschen in den Dialog über Geschichte einbeziehen wollen, die häufig davon ausgeschlossen sind. Wir freuen uns sehr über deren Initiative und Interesse, weil wir von den Teilnehmenden lernen können: über ihre Perspektiven auf die Erinnerungskultur in Deutschland und über ihre eigenen Geschichten, die zur deutschen Geschichte dazugehören.

In den Seminarreihen kommen wir mit den Teilnehmenden über die Geschichte des Nationalsozialismus ins Gespräch und setzen uns mit der Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums, dem Völkermord an den Sintezze*Sinti und Romnja*Roma sowie der Verfolgung und Ausgrenzung anderer Minderheiten auseinander. Wir nähern uns den Themen mit Methoden der historisch-politischen Bildungsarbeit, etwa mit Besuchen von historischen Orten, Gedenkstätten und Ausstellungen sowie Begegnungen mit Zeitzeug*innen und ihren Nachkommen. Lokalhistorische Auseinandersetzung verbindet die „große“ Geschichte mit dem eigenen Lebensumfeld.

In den Bildungsprogrammen erleben wir bei den Teilnehmer* innen ein großes Interesse an der Beschäftigung mit der NS-Geschichte sowie eine große Empathie und Anteilnahme gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen. Die Teilnahme an der Seminarreihe ist für viele Anknüpfungspunkt für ihr persönliches Engagement gegen die Ideologien der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Herausfordernd ist die Beschäftigung mit der NS-Geschichte besonders dann, wenn die eigene Familie selbst von der Verfolgung und Gewalt betroffen war, etwa als Zwangsarbeitende oder als Angehörige verfolgter Minderheiten. Das Interesse an dem Seminarprogramm entspringt oft auch dem Wunsch nach Teilhabe an einem gesellschaftlich relevanten Thema, das zum Verständnis der Gesellschaft, in der wir miteinander leben, bedeutsam ist. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte, der Erinnerungskultur und den aktuellen Entwicklungen im Umgang mit der NS-Zeit bietet insbesondere den Teilnehmer* innen unserer Programme, die in jüngster Zeit eingewandert sind, ein Angebot der Orientierung in der deutschen Gesellschaft. Abhängig von der Sozialisation und vom Bildungshintergrund sind bei unseren Teilnehmer*innen Vorurteile und Wissen unterschiedlich stark ausgeprägt. Es kann Unterschiede geben in den Geschichten, die über Jüdinnen und Juden erzählt werden und die sich auf Narrative in den jeweiligen Communities beziehen können, aber ebenso auch auf Narrative in der Mehrheitsgesell- Antisemitismuskritische Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft schaft. Wir kommen in fast jeder Seminarreihe auch auf Israel zu sprechen, weil die Beschäftigung mit der Verfolgung des europäischen Judentums bei den Teilnehmenden immer auch Fragen zu Israel hervorruft. Diese Debatten können mit Menschen mit Einwanderungsgeschichten ebenso herausfordernd sein wie mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Die Haltungen können sich auf kollektive Narrative aus anderen Ländern beziehen und damit teilweise auch auf dort vorhandene offen antiisraelische und antisemitische Darstellungen Bezug nehmen. Meist erleben wir, dass die Haltungen sich aus den Debatten hier in Deutschland speisen. So erzählte uns ein aus Syrien zugewanderter Teilnehmer unseres Seminars von den Lehrinhalten seines Integrationskurses in Deutschland: Sein Lehrer erklärte ihm, die Juden seien an der Verfolgung selbst schuld gewesen, da das Kapital in ihren Händen lag.

Wir versuchen, einen differenzierten Dialog über Antisemitismus, Israel und den Nahostkonflikt zu führen. Der dialogische Ansatz der Bildungsprogramme ermöglicht es uns, die Wirkung von antisemitischen Ressentiments zu reflektieren und einseitige Narrative, an denen antisemitische Weltbilder anknüpfen, zu hinterfragen.

Die Beschäftigung mit der Geschichte führt uns in den Bildungsprogrammen auch zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in unserer Gegenwart – in einer Gesellschaft, in der (bis) heute Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu Diskriminierung, Ausgrenzung und Hassverbrechen führen. Viele unserer Teilnehmer*innen sind als Migrant*innen, Muslim*innen oder Romnja*Roma persönlich von Rassismus betroffen. Mit biografisch- orientierten Bildungsmethoden arbeiten wir zu den eigenen und anderen Lebensgeschichten und geben Raum für die Beschäftigung mit Rassismuserfahrungen. Die Teilnehmer* innen berichten von stereotypen Bildern, mit denen sie konfrontiert sind, und von den alltäglichen Situationen, in denen sie immer wieder als anders, als nichtdazugehörig ausgegrenzt werden. Die Biografiearbeit bietet in den Bildungsprogrammen eine Möglichkeit, die eigene Geschichte in einer Erzählung zu entfalten, mit anderen zu teilen und Wertschätzung für heterogene Lebensverläufe zu erfahren. Mit Blick auf die Vielfalt der Biografien in unserer Migrationsgesellschaft ist dies ein wertvoller Ansatz, der Gemeinsamkeiten, aber auch gesellschaftliche Chancenungleichheiten sichtbar werden lässt.

Diese Wertschätzung für Vielfalt und die Kritik an Ungleichheitsideologien tragen Publikationen und Veranstaltungen des Arbeitsbereichs über die Seminarräume hinaus in die Öffentlichkeit. Aus unseren Bildungsprogrammen entstanden neue Ideen für Seminarreihen und Projekte, die das Engagement für eine solidarische Gesellschaft weitertragen. Erst wenn die Erfahrungen von Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft mehr Gehör finden, können ein differenziertes Wissen und ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für diese Ideologien, ihre (verwobenen) Geschichten ebenso wie ihre gegenwärtigen Erscheinungsformen entstehen.

Sara Spring, geboren 1987, studierte Geschichte und Public History in Berlin und Jerusalem, seit 2006 ist sie in der historisch- politischen Bildung tätig und seit 2015 Projektkoordinatorin des ASF-Arbeitsbereichs „Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft“.

Jutta Weduwen studierte in Hamburg, Jerusalem und Berlin Soziologie. Sie kam 2001 zu ASF als Israel-Referentin, leitete dann den Arbeitsbereich „Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft“ und ist seit 2012 Geschäftsführerin. Sie ist Mitglied im Sprecher*innenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus.

  • Gefördert vom:
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •  
  •