Es braucht den „Aufstand der Anständigen"

Sigmount A. Königsberg von der Jüdischen Gemeinde in Berlin, im Interview mit Dagmar Pruin über Antisemitismus im Alltag und was dagegen zu tun ist.

Foto: Gundi Abramski

Dagmar Pruin: Herr Königsberg, was sind Ihre Aufgaben?

Sigmount A. Königsberg: Ich bin zuallererst Ansprechpartner für Gemeindemitglieder, die mit Antisemitismus konfrontiert werden. Häufig passiert das im schulischen Kontext: Dabei erlebe ich oft eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Schulleitungen, aber genauso oft, dass die Probleme nivelliert und bagatellisiert werden.

Ich versuche ein umfassendes Netzwerk aufzubauen, beispielsweise mit dem Berliner Netzwerk RIAS, der Amadeo-Antonio- Stiftung, der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA), dem Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle und natürlich mit dem Zentralrat der Juden.

Und ich bin Ansprechpartner der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (LADS), nehme Stellung, wenn antisemitische Vorfälle passieren und versuche, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Und geben Sie diese Vorfälle auch an die Meldestelle (RIAS) weiter oder ermutigen Sie dazu, diese Vorfälle weiterzugeben?

Ich bitte die Menschen, diese Vorfälle weitergeben zu dürfen, aber ich unternehme nichts gegen den Willen der Betroffenen. Wir überlegen zusammen, wie es weitergeht, auch wenn das manchmal schwierig ist. Nehmen wir die Schulen: Je kooperativer die Schule ist, desto höher ist die Chance auf eine Lösung, die Frieden schafft und die ersichtlich macht, zu welcher Verletzung es gekommen ist. Das Beispiel des Worst-Case-Szenarios ist der Vorfall vor einem Jahr an der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin. Die Schule hat zuerst dem Vorfall nicht die Priorität gegeben, die nötig gewesen wäre. Am Ende sind die Eltern an die Öffentlichkeit gegangen, weil es für das gemobbte Kind unerträglich wurde. Das zeigt: Wenn ein Fall an die Öffentlichkeit kommt, gibt es nur noch Verlierer. Da renne ich aber oft gegen vermeintliches Schutzdenken an. Man will die Probleme dann nicht offensiv angehen, sondern den Deckel drauf halten.

Der größte Teil der antisemitischen Übergriffe, die Ihnen gemeldet werden, kommen also in der Schule vor?

Ja. Und das sind nicht nur dumme Sprüche, sondern sehr verletzende Sätze wie „Man hat vergessen, Dich in Auschwitz zu vergasen“ oder „Juden sind Mörder“ bis zum tätlichen Angriff. Oft stehen die Lehrer* innen dem hilflos gegenüber. Deshalb tut hier mehr Fortbildung not. Thema 15 Generell hängen die vielen Meldungen aus der Schule wohl auch damit zusammen, dass Übergriffe auf Kinder anders gewertet werden als Übergriffe auf Erwachsene. Ich denke aber, dass es noch viel mehr Vorfälle gibt. Es gibt Studien, die schätzen, dass 80 Prozent der Vorfälle nicht gemeldet werden. Das ist bedenklich.

Und wie schätzen Sie die Lage in Berlin ein?

In Berlin werden die meisten antisemitischen Vorfälle registriert und es wird dann gesagt, Berlin sei die Hauptstadt des Antisemitismus. Es gibt seit vier Jahren die RIAS (siehe auch S. 10/11, Anm. d. Red) und die Menschen beginnen ihr zu vertrauen. Das ist mit ein Grund, dass in Berlin mehr gemeldet wird als anderswo.

Sie sind jetzt zwar erst seit zwei Jahren im Amt – aber vielleicht können Sie trotzdem sagen, welchen Weg die Entwicklung genommen hat.

Es sind heute Dinge sagbar geworden, sowohl was die Richtung, als auch die Schärfe des Tons betrifft, die waren vor zehn Jahren nicht denkbar. Wir kennen die sogenannte Hatespeech von der politischen Rechten wie auch die Angriffe von der politischen Linken. Man ist nicht mehr bereit, dem anderen zuzuhören.

Denken Sie da auch an konkrete Ereignisse?

 Eine große Wendemarke war das Jahr 2012, als die Debatte über die Beschneidung in Deutschland hohe Wellen schlug. Sowohl Muslime wie auch Juden erfuhren Angriffe aus der Zivilgesellschaft. Am meisten verletzt haben dabei die Vorwürfe, die aus dem Bürgertum kamen: von Leuten, die sich für reflektiert hielten, die meinten, sie seien aufgeklärt und vorurteilsfrei.

Die zweite Wendemarke war 2014. Damals schwieg die Zivilgesellschaft, als jüdische Menschen angegriffen wurden, als auf den Straßen „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“  gerufen wurde. Es gab dann zwar eine große Demonstration „Nie wieder Antisemitismus“  in Berlin, zu der auch ASF aufgerufen hat. Angela Merkel hat gesprochen, der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier war da und auch die Vertreter der im Bundestag damals vertretenen Parteien (Anm. d. Red.: also nicht die AfD). Aber die Demonstranten waren vor allem jüdische Menschen. Es kamen außer ASF kaum Gruppen aus der Zivilgesellschaft.

Es wird viel gegen Antisemitismus getan. Was braucht es, um die verschiedenen Formen von Antisemitismus zu bekämpfen?

Es braucht den „Aufstand der Anständigen“. In den 1990er-Jahren, als es rassistische Angriffe beispielsweise in Mölln und Solingen und in Hoyerswerda gab, da sind die Menschen aufgestanden. Zigtausende beteiligten sich an Lichterketten und wollten damit ausdrücken: „So geht das nicht“. So etwas gab es seitdem nicht mehr. Es fehlt an einem dauerhaften Zeichen, das von der breiten Bevölkerung ausgeht. Es herrscht vielmehr ein vielsagendes Schweigen.

Andere Gruppen instrumentalisieren dagegen den eigenen, angeblichen Einsatz gegen Antisemitismus: Dahinter verbirgt sich Hass auf Muslime oder Sinti und Roma. Die Partei, die das propagiert, ist selbst antisemitisch: Wenn es nach deren Programm zur Bundestagswahl geht, könnte man kein koscheres Fleisch mehr kaufen und die Beschneidung wäre ebenfalls verboten.

Was macht Ihnen Mut?

Dass sowohl in den demokratischen Parteien als auch bei den Partner*innen aus der Zivilgesellschaft das Thema mehr und mehr wahrgenommen wird. Nehmen Sie den Antisemitismusbericht der Bundesregierung: Der erste ist 2011 in den Schubladen verschwunden, den zweiten, der teilweise die gleichen Forderungen stellte, nahm man schon stärker wahr. Es wurde ein Antisemitismusbeauftragter eingesetzt, es wurden erste Maßnahmen implementiert. Das gibt mir Hoffnung. Auch in Berlin passiert etwas mit dem Präventionsprogramm des Berliner Senats. Berlin ist das erste Bundesland, das so ein Programm aufgelegt hat. Die To-Do-Listen sind aufgestellt, jetzt müssen sie auch abgearbeitet werden.

Sigmount A. Königsberg wurde im Saarland „jüdisch-französisch- deutsch sozialisiert“. Er studierte an der FU in Berlin Publizistik, Geschichte und Politik. Seit 1994 arbeitet er für die Jüdische Gemeinde in Berlin und war dort in verschiedenen Bereichen tätig. Seit zwei Jahren ist er Antisemitismusbeauftragter.

Dr. Dagmar Pruin wurde 2004 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit im Fach Altes Testament promoviert. 2007 konzipierte sie das deutsch-amerikanisch-jüdische Begegnungsprogramm Germany Close Up an der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, das sie seither leitet. Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und seit 2014 ordinierte Pfarrerin der EKBO. Seit 2014 gehört auch Germany Close Up zu ASF.

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