Das Antisemitismus-Paradox

Wie äußert sich Judenhass heute?
Der Frankfurter Historiker Meron Mendel spricht von einem Antisemitismus-Paradox: der Vorwurf des Antisemitismus scheint oftmals schwerer zu wiegen als der Judenhass selbst.

2002 erschien das Satiremagazin Titanic mit einem Titelblatt, auf dem ein Hitler-Porträt zu sehen war – darunter die Schlagzeile: "Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?" Dieses provokante Titelblatt spielt auf ein aktuelles Paradoxon an: Oft scheint in der öffentlichen Diskussion der Antisemitismusvorwurf schwerer zu wiegen als der Antisemitismus selbst. Vor dem Hintergrund eines breiten gesellschaftlichen Konsenses gegen Antisemitismus scheint Antisemitismus in der deutschen Gegenwart unmöglich zu sein, seine Artikulation gilt als abwegig. Antisemitismus transportiert die Aura des Verbots, das gar nicht ausgesprochen werden muss, um den Konsens der Distanzierung zu reproduzieren. Die Ablehnung von Antisemitismus gehört zum Selbstverständnis der Bundesrepublik und – bis auf wenige gesellschaftliche Randgruppen – zum Selbstverständnis eines Großteils der Bevölkerung. Selbst die AfD inszeniert sich gerne als Bollwerk gegen Antisemitismus, obwohl hier sowohl eine völkische Ideologie, für die Antisemitismus konstitutiv ist, als auch ein genereller Geschichtsrevisionismus vorherrschen, der wiederum der verbreiteten Erzählung einer erfolgreichen »Aufarbeitung« zuwider läuft. Der Selbsteinschätzung ungeachtet zeigen aktuelle Studien wie der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, dass antisemitische Einstellungen nach wie vor in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet sind. In einer "gefühlten Aufarbeitung" liegt das zeitgenössische Paradox des Antisemitismus begründet.

Was genau aber ist eigentlich Antisemitismus? Die Frage scheint zunächst leicht zu beantworten: Antisemitismus, das ist die Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden, aus keinem anderen Grund als dem, dass sie eben Jüdinnen und Juden sind. Gerne werden Kurzdefinitionen dieser Bauart noch mit Beispielen expliziert, etwa indem die "Working Definition Antisemitism" der International Holocaust Remembrance Alliance zitiert wird, in der es unter anderem heißt: "Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. […] Antisemitismus umfasst oft die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass 'die Dinge nicht richtig laufen'." So griffig diese Definitionen auch sind, so wenig sollte man sich doch darüber hinwegtäuschen, dass sie bestenfalls eine Handreichung für die Praxis liefern. können und keine Arbeit am Begriff ersetzen. Antisemitismus ist mehr als "lediglich" eine "bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann". Das Ressentiment produziert eine Denkform, die nicht nur Jüdinnen und Juden verzerrt wahrnimmt, sondern sich wie eine Linse vor sämtliche Erfahrung stellt. Antisemitismus ist eine affektiv motivierte Art und Weise, den Blick auf die Welt und auch auf sich selbst zu richten.

Magda Brown (geb. Perlstein) wurde im Juni 1927 in Miskolc in Ungarn geboren. Am 11. Juni 1944, Magdas 17. Geburtstag, wurde sie mitsamt ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Später wurde sie nach Allendorf in ein Außenlager des KZs Buchenwald und in die dortige Munitionsfabrik verbracht. Auf einem Todesmarsch nach Buchenwald im März 1945 gelang ihr und anderen Gefangenen die Flucht und das Versteck in einer Scheune, bis US- amerikanische Soldaten sie fanden. Nur ihr Bruder, sechs Cousins und Cousinen und sie überlebten von über 70 Familienmitgliedern die Shoah. Mit der Hilfe von Onkel und Tante in den USA konnte sie nach Chicago, Illionis, im September 1946 auswandern. Magda ist ein aktives Mitglied und ehemalige Präsidentin der American Association of Medical Assistants, Illinois Society. Sie legt unermüdlich Zeugnis ab über ihr Er- und Überleben der Shoah und ist seit über zwei Jahrzehnten Freundin und Mentorin der ASF-Freiwilligen. Foto: Luigi Toscano

Irreführung des eigenen Bewusstseins - viele Antisemiten weisen es weit von sich, solche zu sein

Die Herausforderung, Antisemitismus zu erkennen, ist ein relativ neues Problem. Solange Antisemitismus eine Eigenbezeichnung, ein "kultureller Code" (Shulamit Volkov) war, reichte es aus, eine Person zu fragen, ob er oder sie Antisemit sei – wie etwa den Journalisten Wilhelm Marr, der 1879 einer von ihm geschaffenen Vereinigung ganz offen den Namen "Antisemiten-Liga" gab. Nach 1945 verwandelte sich der Begriff von einer Selbst- zu einer Fremdbezeichnung. Selbst die NPD behauptet heute auf ihrer Website, keine antisemitische Partei zu sein. Die Antisemitismusforscher Werner Bergmann und Rainer Erb bezeichnen die Artikulation von Antisemitismus in der Bundesrepublik als einen Zustand von "Kommunikationslatenz": Da offen antisemitische Aussagen im öffentlichen Diskurs unerwünscht sind, werden entsprechende Meinungsäußerungen entweder nur im privaten Bereich oder durch Umweg-Kommunikation artikuliert. Die alten antisemitischen Bilder, vom christlichen und islamischen Antijudaismus bis zum modernen Antisemitismus, tauchen in ähnlicher Form wieder auf – nur dass mit Synonymen gearbeitet wird. Anstatt von Juden oder dem Judentum ist jetzt von den Rothschilds, der Weltverschwörung, dem Ostküstenkapital, der Zinsknechtschaft und natürlich immer wieder von Israel die Rede. Wenn man um die Herkunft der zitierten Bilder weiß, ihre geschichtlichen Traditionen kennt, tritt ihre Absicht deutlich zutage. Solche latenten Ausdrucksformen von Antisemitismus werden immer dann artikuliert, wenn ein vermeintlicher deutscher "Schuldkult", Israel oder die Zirkulationssphäre angegriffen werden. Es handelt sich um eine Form der Judenfeindschaft, die sich gerade aus der Distanzierung zum Nationalsozialismus ergibt. Es war wahrscheinlich der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix, der das Motiv dahinter treffend benannt hat: "Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!" Birgit Rommelspacher spricht in diesem Zusammenhang von "sekundärem Antisemitismus", dessen Kern im Wunsch liege, "die Verbrechen des Nationalsozialismus zu vergessen und sich auch all der damit verbundenen Gefühle zu entledigen".

Das Antisemitismus-Paradox führt nicht nur die Außenwelt in die Irre, sondern auch das eigene Bewusstsein, welches den Deckerzählungen ebenso Glauben schenkt. Die antisemitischen Agitatorinnen und Agitatoren, die von sich behaupten, keine zu sein, stellen diese Behauptung – mit Ausnahme einiger zynischer Fälle – nicht wider besseres Wissen auf, sondern halten sich wirklich für geläutert und den an sie gerichteten Antisemitismusvorwurf für gänzlich absurd. Es genügt, den Verlauf öffentlicher Diskussionen etwa um das Gedicht von Günter Grass "Was gesagt werden muss" von 2012 oder um Äußerungen des Publizisten Jakob Augstein über Israel zu betrachten: Stets zeigt sich die tiefe Kluft zwischen dem Selbstbild der prominenten Autor*innen, nicht antisemitisch zu sein, auf der einen und ihrem tiefverwurzelten Ressentiments gegen Jüdinnen und Juden und Israel auf der anderen Seite. Wie können wir also Antisemitismus erkennen, benennen und bekämpfen, wenn sich die Täter selbst von Antisemitismus distanzieren? Nachdem der Schriftsteller Martin Walser den Kritiker Marcel Reich-Ranicki in dem Roman "Tod eines Kritikers" (2002) antisemitisch karikierte, wurde im deutschen Feuilleton viel über den Charakter des Wiederholungstäters Walser sinniert. Hanno Loewys Einwurf zu dieser Debatte ist für unsere Fragestellung besonders aufschlussreich: "Ist er nun ein Antisemit oder nicht? Eine dumme Frage: Wer weiß schon, was jemand wirklich 'ist'. Die Frage hat den Vorteil, dass man sie nicht beantworten, das heißt: endlos debattieren kann. Vielleicht wäre es interessanter zu fragen, warum Bücher voller antisemitischer Bilder so einen Erfolg haben?" Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, solange zeitgenössische Analysen des Antisemitismus seine paradoxe Selbstdistanzierung nicht mitreflektieren, bleibt seine Bekämpfung bloße Kulissenschieberei.

Dr. Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main. Er studierte Geschichte, Jüdische Geschichte und Erziehungswissenschaften in Israel und Deutschland. Mendel hat zu den Themen Migrationsgesellschaft, Erinnerungskultur sowie Antisemitismus publiziert und engagiert sich in zahlreichen Friedensinitiativen.

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