Die Kirchen im Kampf gegen Antisemitismus - auf schwierigem Terrain

Wie weiter mit der Kritik des Antisemitismus?

Die Kirchenleitungen in Deutschland nehmen seit Jahrzehnten eine eindeutige Haltung ein und verurteilen jedwede Form des Antisemitismus. Dies schließt selbstkritische Reflexionen der christlichen und protestantischen Judenfeindschaft ein, die die Gesamtgeschichte des Christentums prägt. Gleichzeitig belegen alle einschlägigen wissenschaftlichen Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten, dass Antisemitismus unter Protestant* innen in etwa gleich stark verbreitet ist wie in der Gesamtbevölkerung. Dabei ist im Wesentlichen unerheblich, ob „protestantisch“ durch die Kirchenmitgliedschaft, die Selbsteinschätzung oder die Häufigkeit des Kirchenbesuches definiert wird.

 Diesen Befund gegen die Kirchenleitungen zu wenden, führte in die Irre. Allerdings drängt sich die Frage auf, wie die antisemitismuskritische Haltung der Kirchen weiter ausbuchstabiert und zugleich eine Reduktion judenfeindlicher Einstellungen befördert werden kann. So unabdingbar geboten mir diese Ziele sind, so wenig glaube ich, dass das Problem des Antisemitismus lösbar ist. Realistisch müssen wir davon ausgehen, dass wir auf alle absehbare Zeit mit Antisemitismus zu rechnen haben. Umso mehr stellt sich die Frage als Daueraufgabe: Wie können wir Antisemitismus begrenzen, seine Wirksamkeit beschneiden? Ich möchte drei (komplementäre) Themen ansprechen, um die sich protestantische Personen und Institutionen wie ASF und Evangelische Akademien perspektivisch kümmern sollten.

 1.   Der grundlegende Ansatz in der Sensibilisierung gegen Antisemitismus ist Selbstreflexion – nicht weil wir alle Antisemit* innen wären und den Antisemitismus in uns zu entlarven hätten. Vielmehr beruht dieser grundlegende Ansatz auf der Einsicht, dass allen Abgrenzungen gegen „die Juden“ ein positiv bestimmtes nicht-jüdisches „Wir“ entspricht: Wir Christen, wir Deutsche, wir Arier, wir Muslime, wir Ungarn und so weiter. Das gilt auch für Stereotype im Einzelnen: Altes versus Neues Testament, Gesetz vs. Gnade, Geld vs. Arbeit, Wurzellosigkeit vs. Blut und Boden. Wenn positives Selbstbild und abwertendes Judenbild wie zwei Seiten einer Medaille in einer Person oder Weltanschauung festgefügt sind, haben wir es mit manifestem, kaum noch aufklärbarem Antisemitismus zu tun. Die darin festgezurrten Selbstbilder aber sind weit über manifesten Antisemitismus hinaus attraktiv und virulent. Was heißt christlich sein, was heißt deutsch sein? Wir müssen die antijüdische Beantwortung dieser Fragen, die über viele Jahrhunderte in die Kultur unserer Selbstverständigung eingeschrieben wurde, weiterhin kritisieren. An die Wurzel des Problems aber kommen wir erst, wenn die Fragen der eigenen personalen, religiösen und sozialen Identität nicht mehr durch die Abgrenzung von anderen gegeben werden kann. Dies meint „Selbstreflexion“. Sie zielt auf die Versöhnung von Identität und Differenz, von Besonderem und Universalismus. Ihr Gegensatz ist essentialistische, hermetische und exkludierende Identität.

2.   Für beide Seiten der Medaille – Selbstbild wie Judenbild – ist es gerade auch in der Antisemitismusforschung üblich, strikt zwischen christlichen und säkularen Bedeutungen zu unterscheiden. So gilt der Vorwurf des Gottesmordes (während „wir“ den Messias haben) als christlich, die Vorstellung vom „jüdischen raffenden Geld“ (während „unser Volk“ ehrlich und freudig arbeitet) als säkular. Dementsprechend ist die gängige These, dass die christliche Judenfeindschaft im 19. Jahrhundert durch einen säkularen (nationalistischen und rassistischen) Antisemitismus ersetzt wurde. Diese klare Trennung trifft allerdings weder systematisch noch historisch zu. Die Rede vom „jüdischen Geld“ findet sich in unendlich vielen theologischen Texten. Zugleich greifen dezidiert säkulare Antisemit*innen sehr gerne auf christliche Versatzstücke zurück. Hitler zitiert aus der Bibel, das „christliche Abendland“ wird von der AfD und Konsorten verteidigt. Leider hat die Antisemitismusforschung – inklusive der theologischen – dieser Verschränkung von Religiösem und Säkularem wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist es gerade in Deutschland und gerade für den Protestantismus evident, wie sehr protestantische und deutsche Selbstbilder miteinander verwoben und beide zugleich antijüdisch ausgerichtet wurden. Für kirchliches und theologisches Engagement gegen Antisemitismus heißt dies: Die Fokussierung aufs Christliche geht am real existierenden Antisemitismus von Christ*innen vorbei. Antisemitismus ist ein Amalgam aus Christlichem, Säkularem und mannigfaltigen Hybriden, die wir noch viel zu wenig verstanden haben.

3.   Im Protestantismus wie in der Gesamtgesellschaft gibt es seit den 1970er Jahren eine bedeutsame Strömung, die rassismuskritisch und antikolonial orientiert ist. Sie hat viel Gutes bewirkt, insbesondere im Bereich der Migrationspolitik, der globalen Partnerschaften und der Entwicklungszusammenarbeit. Ihren blinden Fleck aber hat sie bis heute bewahrt: Wendet man den rassismuskritischen und antikolonialen Blick auf den Nahostkonflikt, kommen unweigerlich Problemlagen hinzu, die aus diesem Blickwinkel nicht eingesehen werden können: der Staat der Überlebenden der Shoah als Besatzungsmacht, Palästinenser* innen als Entrechtete diverser arabischer Staaten, islamistisch und antisemitisch Aufgehetzte, die an israelischen Sperranlagen erschossen werden und so weiter. Schon diese wenigen Formulierungen machen deutlich, welchen Dilemmata man sich in der Beurteilung des israelisch-palästinensischen Konfliktes gegenübersieht. Mit solchen Dilemmata aber lässt sich keine Identitätspolitik betreiben, um die es im Konflikt über den Nahostkonflikt vermutlich weit häufiger geht als um den Nahostkonflikt selbst. Das führt zur Abschottung der antikolonialen Rassismuskritik gegen die Antisemitismuskritik. Aus dem Bedürfnis nach Eindeutigkeit erklärt sich, warum so erbittert über Israel gestritten wird: Israel lässt sich (wie vormals „der Jude“) zur entscheidenden Frage „unserer“ Identität als postkolonialer, antirassistischer Verteidiger der Menschenrechte stilisieren. Nordkorea taugt dafür nicht.

Dr. habil. Klaus Holz ist Soziologe. Er arbeitete von 1988 bis 2000 an diversen soziologischen Instituten. 2000 bis 2009 leitete er das Evangelische Studienwerk e. V. Villigst und ist seitdem Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland e. V. Er war Kuratoriumsvorsitzender des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus und im Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages. Etliche Publikationen, unter anderem: Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburger Edition 2010.

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