Die Macht der ernsten Augen

Luigi Toscano erfährt weltweit viel positive Resonanz für seine Porträts von Überlebenden des Holocaust. Barbara-Maria Vahl hat mit ihm über seinen persönlichen Bezug zum Thema, die Ausstellung und schließlich auch die mutwillige Zerstörung einiger der öffentlich zugänglichen Bilder gesprochen, die eine Welle zivilgesellschaftlichen solidarischen Protests hat.

Andrzej Korczak-Branecki aus Warschau. Geboren 1930. Während des Warschauer Aufstandes 1944 festgenommen, nach Dachau deportiert. Dort als Zwangsarbeiter selektiert. Kam nach Mannheim-Sandhofen in ein Außenlager des KZs Natzweiler-Struthof, wo er für Daimler arbeiten musste. Danach wurde er ins KZ nach Buchenwald überführt, dann als Zwangsarbeiter zu den Adlerwerken nach Frankfurt am Main, dann wieder Buchenwald, dann ins KZ Flossenbürg und wieder nach Dachau. Dort wurde er am 25. April 1945 befreit. Andrzej Korczak-Branecki überlebte drei Todesmärsche.

Barbara-Maria Vahl: Herr Toscano, in dem Projekt "Gegen das Vergessen" zeigen Sie 78 Porträts von Überlebenden des Holocausts, die Sie seit 2015 in Europa und den USA fotografiert haben. 78 von 400 Porträtierten. Was war der Auslöser für dieses Projekt?

Luigi Toscano: Ich habe hier in Deutschland die politische Situation verfolgt, die ja zunehmend aggressiver geworden ist, antisemitischer, rechtsradikaler und ich habe mich gefragt, was kann ich dagegen tun. Dann kam ich auf den Gedanken, es wäre gut zu wissen, ob es noch Holocaust Überlebende gibt – um die aufzusuchen, zu porträtieren und in den öffentlichen Raum zu stellen.  

Wie haben Sie die denn gefunden?

Am Anfang habe ich schwer Zugang bekommen. Dann bin ich durch einen glücklichen Zufall über eine sehr gute Freundin an Dagmar Pruin und ASF geraten. Sie hat mir weitergeholfen und auch bei der ersten Vernissage der Ausstellung gesprochen. Es gingen dann viele Türen auf und es ist ein weltweites Netzwerk entstanden.  

Hatten Sie sich denn bereits zuvor intensiver mit dem Holocaust beschäftigt?

Es gab vor allem eine für mich sehr einprägsame Geschichte: Als ich 18 Jahre alt war, bin ich einmal allein nach Auschwitz gereist. Ich war sehr naiv und in dem Glauben, dass da jemand ist, der mir alle Fragen beantworten kann. Natürlich war da niemand … Aber ich glaube, ich werde dieses Bild nie vergessen: Ich stand vor dem großen Berg an Kinderschuhen und ich wollte und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen Kinder ermordet haben. Ich stand ganz paralysiert davor, eine ganze Stunde lang. Und ich glaube, das hat mich sehr geprägt in meiner späteren Entwicklung.  

Diese Ausstellung ist inzwischen in vielen Ländern gezeigt worden, unter anderem auch in der UN-Generalversammlung in New York – wie viele Ausstellungen in wie vielen Städten waren es bisher?

Es sind jetzt mit Kansas City und Pittsburgh 16 Ausstellungen, auf der ganzen Welt. Natürlich kann ich das Ganze noch gar nicht richtig realisieren, bin meist in so einem Funktionsmodus. Ich habe jetzt vor Kurzem die Zusage bekommen, wieder in einem UN-Gebäude auszustellen, in Genf, und ich darf aller Wahrscheinlichkeit nach zum Internationalen Holocaust-Gedenktag auch im EU-Parlament ausstellen. Das fühlt sich ziemlich spektakulär an und ich kann es kaum glauben. Es macht mich glücklich, denn die Ausstellung hat ja eine Funktion, sie steht im öffentlichen Raum und jeder hat Zugang. Und was für mich wichtig ist: Dass die junge Generation auch Zugang bekommt. Ich glaube, wir müssen die Jüngeren mitnehmen, sagen: Schaut da hin, seht zu, dass sowas nicht noch mal passiert – ohne erhobenen Zeigefinger. Das ist eigentlich meine Message.  

Die Bilder haben eine unglaublich starke Wirkung …

… Ich glaube, es geht um die persönliche Auseinandersetzung bei diesen Bildern. Wenn ich dem Menschen gegenüberstehe und schaue mir sein Gesicht an, dann habe ich natürlich die Möglichkeit, dem Ganzen Raum zu geben und natürlich auch Raum für Interpretation. Ich möchte den Betrachter allein lassen damit. Die Wirkung ist nicht meine Angelegenheit, das will ich auch nicht behaupten.  

Welche Wirkung der Bilder beschreiben Ihnen Menschen, die Sie direkt bei den Ausstellungseröffnungen treffen?

Es gibt ganz unterschiedliche Reaktionen, einige Menschen haben angefangen zu weinen, haben sich einfach bedankt und waren emotional aufgewühlt. Speziell in Amerika sagen viele, dass diese Arbeit so wichtig ist. Es ist schön, dass die Menschen sich damit auseinandersetzen, dass sie auch kritische Fragen stellen, dass es lebhaft bleibt, das fasziniert mich. Eigentlich sind die Reaktionen, bis auf kleine Ausnahmen, durchgängig positiv.  

Einmal, in Wien, sind ausgestellte Porträts zerstört worden –

 … Ja, das war natürlich einer der dunkelsten Momente in diesem Kapitel, dass es drei Anschläge auf meine Bilder gegeben hat, angefangen mit Hakenkreuzen bis hin zum Zerschneiden der Gesichter. Davor hatten wir alle immer am meisten Angst – ein solches Bild mit einem Hakenkreuz im Gesicht. Das war für uns furchtbar und war natürlich auch für die Überlebenden einfach schrecklich. In dem Moment ist man einfach hilflos. Aber ich war auch unheimlich wütend und verzweifelt. Was da passiert ist, die Beschmierungen, die Zerstörungen, das wurde über große Zeitungen in die ganze Welt weitergetragen, die New York Times hat darüber berichtet, die Washington Post. Aber dann ist etwas ganz Wunderbares geschehen, das hatte ich dann gar nicht mehr in der Hand, das kam aus der Zivilgesellschaft: Leute haben angefangen, die Bilder sauberzumachen, die Bilder zusammenzunähen, die Bilder zu beschützen; sie haben Mahnwachen organisiert, Nachtwachen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was da los war. Und vor allem, es war unabhängig von Religion und Zugehörigkeit, junge Muslime haben aufgepasst auf die Bilder, geholfen, wo es nur ging – das waren Eindrücke, die kann ich gar nicht beschreiben. Der Oberrabbiner von Wien ist gekommen, hat sich bedankt bei den jungen Musliminnen und Muslimen. Auch der Bundespräsident kam und hat appelliert. Das waren starke Zeichen, starke Bilder, auch für uns war das so motivierend, das war phänomenal, mir bleibt immer noch die Luft weg, wenn ich daran denke. All diese Menschen haben dazu beigetragen, es bis zum Ende durchzuziehen und ein starkes Zeichen gegenüber Hass, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu verstärken, einfach denen zu sagen: Ihr kommt nicht weit mit solchen Aktionen. Da ist aus einem absolut negativen Akt etwas ganz Positives geworden. Es gibt eben auch die, die sagen: Nein. Mit uns nicht! Nur, dass es auf dem Rücken der Opfer ausgetragen wird, das tut mir im Herzen weh. Aber mich haben auch Überlebende angerufen, mir geschrieben und gesagt „Luigi, lass Dich auf keinen Fall beugen. Wir haben das auch nicht gemacht, dann machst Du das auch nicht!“

Vielen Dank für das Gespräch!

Luigi Toscano ist ein inzwischen renommierter Fotograf und Filmemacher, der in Mannheim lebt. Seine künstlerische Karriere begann Anfang der 2000er Jahre, in allen Sparten als Autodidakt. Inzwischen blickt Toscano auf zahlreiche international erfolgreiche Foto-Ausstellungen, Film-, Foto-, Videoprojekte zurück und hat Bildbände publiziert. Im Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses steht der Mensch.

Die Fragen stellte Barbara-Maria Vahl, Journalistin, Autorin und Redakteurin, freie Redakteurin für das zeichen.

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