Was habe ich in meiner Zeit bei ASF von Demokratie verstanden?

Foto: Sebastian Laubert

Bernd Rieche nahm als 17-jähriger Hallenser 1987 am Pilgerweg von Ravensbrück nach Sachsenhausen teil – ein (Demokratie-) Erlebnis, das Weichen für sein Leben stellte.

Mit 16 Jahren fuhr ich 1986 zum ersten Mal in ein Jugendsommerlager von Aktion Sühnezeichen und anschließend zu den jährlichen Jahrestreffen zwischen Weihnachten und Silvester in Ostberlin. Dort erlebte ich das Bemühen, eine Organisation durch freie Wahlen des Leitungskreises und offene Diskussionen und Abstimmungen demokratisch zu gestalten. 1987 wurden wir im Sühnezeichen-Jugendlager im KZ Sachsenhausen/Oranienburg vom Westfernsehen ("Kennzeichen D") lange und umfangreich interviewt. Das war meine große Lernerfahrung in Bezug auf "freie Westmedien". Wir hatten versucht, dem Fernsehteam unsere Hoffnung auf und unseren Beitrag zu einem gerechteren, demokratischeren und freien Ostdeutschland zu vermitteln. Gezeigt wurden wir dann jedoch als Jugendliche in Totalopposition, die die DDR bekämpfen wollten. Auf Einladung von ASF nahm ich auch am Olof-Palme-Friedensmarsch bzw. Pilgerweg 1987 von Ravensbrück nach Sachsenhausen teil, der gemeinsam mit der staatlichen Jugendorganisation FDJ durchgeführt wurde. Dies war das einzige Mal, dass das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" geduldet getragen werden konnte und die DDR-Machthaber ihnen nicht genehme Transparente nicht einfach verboten, sondern in langen Diskussionen versuchten, einen Konsens herzustellen – eine kurze Hoffnung auf gelebte Demokratie in der DDR. Für mich war der Marsch endgültiger Anlass, die – begrenzte legale – Möglichkeit zu nutzen, den Waffendienst zu verweigern und mich zu den Bausoldaten zu melden. Daraus ist wesentlich meine Motivation entstanden, in den 90er-Jahren den Friedenskreis Halle aufzubauen und auch heute hauptberuflich Friedensarbeit zu machen.

Bernd Rieche wurde 1970 in Halle an der Saale geboren. Nach dem Dienst als Bausoldat studierte er Musik- und Sprechwissenschaft in Halle. Er gründete und baute den Friedenskreis Halle e. V. mit auf und wechselte 2003 mit seiner Familie nach Bonn. Dort arbeitet er als Referent mit Schwerpunkt "Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensbildung" bei der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF).

Obrońmy demokrację! Wolność, Równość, Demokracja! Jette Helberg hat während ihres Freiwilligenjahres in Polen die Erfahrung gemacht, dass Demokratie sich auch selbst abschaffen kann.

Am 19. Juli 2017 wurde im polnischen Parlament die teilweise Reform der Justiz beschlossen, die unter anderem umfasste, dass der Justizminister die Befugnis hat, Richter*innen einzusetzen und zu entlassen, wie es ihm beliebt. Am 20. Juli 2017 gingen über 50.000 Menschen auf die Straße. Ich auch. Der Vater meiner Freundin Kasia sagte zu mir, er wurde demonstrieren, weil er wolle, dass seine Tochter nie solch undemokratische Verhältnisse wie im Staatssozialismus erlebe. Ein Meer von Kerzen stand am Ende der Demonstration vor dem Sejm, dem polnischen Parlamentsgebäude, und es sah aus, als wäre jemand gestorben. Tags darauf schrieb ich, das sei ja auch der Fall, die Demokratie sei tot. Im Jahr 2019 wurden ein neues Europaparlament und ein neues polnisches Parlament gewählt. Beide Male gewann die PiS. Die Partei, die Abtreibung illegalisieren und endgültig kriminalisieren will, die die Justiz unter ihre Kontrolle brachte und so die Gewaltenteilung gefährdete und die zuletzt verkündete, Sexualkundeunterricht gehöre verboten und unter Strafe gestellt. Hier zeigt sich das Spannungsfeld. Das Problem ist, dass die Demokratie an dieser Stelle Gefahr läuft, sich selbst ein Bein zu stellen. Die Partei, die die Demokratie sukzessive abschafft, ist hier gleichzeitig eine bereits mehrfach demokratisch legitimierte Partei. Was ich also während meines Jahres in Polen über Demokratie gelernt habe? Ganz einfach: Demokratie ist nicht selbstverständlich und muss jederzeit aktiv geschützt werden.

Verteidigen wir die Demokratie! Freiheit, Gleichheit, Demokratie! (Kampfrufe der Demonstrant*innen vom 20. Juli 2017)

Jette Helberg war 2016/17 Freiwillige in Warschau. Sie studiert Geschichte in Leipzig und engagiert sich für die ASF-Regionalgruppe Leipzig sowie die Initiative Aufbruch Ost.

Tetiana Hutsalenko hat in ihrem Freiwilligenjahr in Polen die Einsicht gewonnen, dass Demokratie nur erfolgreich sein kann, wenn ein Staat die Grundbedürfnisse seiner Bürger sichert.

Ich habe das Gefühl, dass ein Jahr Freiwilligendienst für die meisten Menschen eine neue und aufregende Erfahrung ist, die sie dazu bringt, über verschiedene Begriffe nachzudenken. Sogar über solche, die vorher zu alltäglich, allgegenwärtig und offensichtlich erschienen, um sie überhaupt erst zu reflektieren. In einem anderen Land, umgeben von einer anderen Kultur, eröffnet sich viel Raum zum Vergleichen. Das führt zu Erkenntnissen und manchmal zu noch mehr Fragen. Demokratie war eines der Themen, die ich während unserer Seminare oft mit anderen Freiwilligen diskutierte oder einfach mit meinen Freunden beim Biertrinken in einer Bar besprach. Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir damit verbracht haben, über Demokratie zu reden, aber das Textäquivalent davon wäre definitiv länger als 1.500 Zeichen. Das Thema ist so komplex, dass man stundenlang über alle Aspekte und Nuancen diskutieren kann und am Ende trotzdem nur drei Prozent besprochen hat. Zu einer wichtigen Erkenntnis über Demokratie wurde für mich jedoch, dass sie als Konzept nur dann erfolgreich sein kann, wenn Menschen über alle notwendigen Rahmenbedingungen verfügen, um ihre demokratische Macht praktisch ausüben zu können. Damit meine ich nicht solche Dinge, wie jedem und jeder Einzelnen das Recht zu wählen zuzugestehen (was in der Theorie nicht immer und definitiv in der Praxis nicht immer der Fall ist). Um das Wahlrecht wirklich nutzen zu können, müssen die Grundbedürfnisse aller Bürger*innen, unabhängig vom Wahlergebnis, befriedigt sein. Wenn diese sehr grundlegenden Bedingungen nicht erfüllt sind, eröffnet sich Raum für Manipulationen. Denn eine Person, die um ihre Existenz kämpft, wird sich eher für eine sofortige bessere finanzielle Situation entscheiden, als an das globale oder langfristige Bild zu denken. Sofern ein Staat nicht für alle Grundbedürfnisse der Gesellschaft sorgt, kann er sich nicht als demokratisch bezeichnen, egal wie gleichberechtigt und frei seine Bürger*innen per Gesetz sind.

Tetiana Hutsalenko ist ehemalige ASF-Freiwillige bei Brama Grodzka – Teatr NN, einer kulturellen Organisation, die die jüdische Geschichte Lublins und seiner Umgebung erforscht und durch Bildungsarbeit popularisiert. Sie lebt und arbeitet heute in Kyiv, Hauptstadt der Ukraine.

Jakob Stürmann wurde der Wert einer liberalen Demokratie im Zusammenhang mit seinem Freiwilligendienst in der Ukraine deutlich – und er fragt sich, welche Unterstützung dort erforderlich ist, wo sie noch mangelhaft entwickelt ist oder unter Druck steht.


Die kürzlich verstorbene Philosophin und Soziologin Agnes Heller setzte sich für die liberale Demokratie und gegen den starker werdenden ethnischen Nationalismus ein. Als Holocaust-Überlebende, ungarische Dissidentin und scharfe Kritikerin der Regierung Orban erlebte sie in ihrem Leben drei unterschiedliche Systeme und Regierungsformen, die sie ablehnte. Ich denke, dass sich bei unserem wichtigen Einsatz für Demokratie und Toleranz in Deutschland auch ein Blick nach Ost(mittel)europa lohnt. Personen wie Heller streiten bewusst für eine liberale Demokratie. Sie fordern gleiche politische Rechte und Chancen, den Schutz von Minderheiten, Gewaltenteilung und unabhängige Forschung und Presse. Ungarn, Polen und Russland sind Länder, in denen Parteien oder Personen regieren, die absolute, relative oder qualifizierte Mehrheiten als Freifahrtschein für jegliche Durchsetzung ihrer Programmatik missverstehen (wollen) und dabei liberale demokratische Strukturen missachten. Minderheiten spüren das Fehlen solcher Strukturen meist sehr schnell, die Bevölkerungsmehrheit oft erst, wenn sie diese politischen Vertreter*innen loswerden will. Letzteres wurde mir 2004 und 2014 in "meinem Freiwilligenland" – der Ukraine – deutlich vor Augen geführt. Was fehlende liberale Demokratie auf individueller Ebene bedeuten kann, lehrten mich Erfahrungen während meines Freiwilligendienstes. Unser soziales Projekt hatte mit Gerichtsverfahren zu kämpfen. Dabei sahen wir uns falschen Anschuldigungen und einer Rechtsprechung gegenüber, die auf Bestechung und Willkür zu basieren schien. Für mich eine neue, für meine Kolleg*innen offenbar eine Alltagserfahrung. Der Blick ins östliche Europa sollte nicht zu Überheblichkeit fuhren. Als zivilgesellschaftliche Akteur*innen sollten wir stattdessen überlegen, welche Unterstützung dortige Strukturen, die für liberale demokratische Werte einstehen, benötigen. Ferner müssen wir uns fragen, inwieweit ähnliche Entwicklungen im heutigen Deutschland möglich sind. Vor einiger Zeit merkte Agnes Heller dazu an, dass sie mehr Vertrauen in die USA habe, wo die Demokratie aus der Mitte der Gesellschaft entstanden sei. In Europa sei dagegen Frankreich das einzige Land, das in der Geschichte immer für eine liberale Demokratie gestimmt habe.

Jakob Stürmann promoviert am Lehrstuhl für Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Er ist Beisitzer im ASF-Vorstand und war von 2004 bis 2006 ASF-Freiwilliger im Projekt Naš dom [Unser Haus] in Simferopol ( Ukraine).

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