„Aus der Komfortzone heraus und streiten"

Der Journalist und Buchautor Arnd Henze legt im Gespräch mit Thomas Arzner dar, welche Möglichkeiten Kirche hat, sich für die Demokratie einzusetzen.

Foto: Solveig Böhl

Thomas Arzner: Herr Henze, Ihr Buch trägt den Titel „Kann Kirche Demokratie?“. Einmal umgekehrt gefragt: Warum muss Kirche Demokratie können?

Arnd Henze:

Wir haben gesehen, wohin es fuhrt, wenn sich die Kirche der Demokratie verweigert. Bis 1933 stand die Mehrheit der Protestantinnen und Protestanten auf der deutschnationalen, demokratiefeindlichen Seite und hat damit auch den Nationalsozialismus möglich gemacht. Die Unfähigkeit, die Chancen der Demokratie zu erkennen und den Wertekanon des Grundgesetzes mit starkzumachen, blieb aber auch nach 1945 auffallend. Es hat bis in die 60er-Jahre hinein gedauert, bis der Protestantismus wirklich seinen Frieden mit einer Staatsform gemacht hat, die nicht auf der „Obrigkeit“, nicht auf dem Autoritären, dem Nationalen und dem Volskischen basierte. Es gab dann eine wirklich beeindruckende Lernkurve.

Aber heute haben sich viele in der Komfortzone der Demokratie eingerichtet. Dabei steht die Demokratie global unter Druck und befindet sich in einem existenziellen Stresstest. Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur gute Demokratinnen und Demokraten geworden und in der Demokratie angekommen sind, sondern dass wir dafür auch streiten können – weil sie dem christlichen Menschenbild am ehesten entspricht.

Sie haben geschrieben, dass nach dem Zweiten Weltkrieg führende evangelische Geistliche, wie der EKD-Ratsvorsitzende Otto Dibelius, die Demokratie abgelehnt haben. Gleichzeitig waren aber führende demokratische Politiker*innen dieser Zeit überzeugte Christinnen und Christen. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Als das Grundgesetz geschaffen wurde, haben sowohl die katholische wie auch die evangelische Kirche vor allem ihre Besitzstande aus der Zeit von vor 1933 verteidigt. Aber den freiheitlichen Gedanken des Grundgesetzes, dass der Staat für die Burger*innen da ist, dass der Rechtsstaat jede und jeden Einzelnen auch vor möglicher Uber Griffigkeit des Staates schützt, das war gerade im Protestantismus ein ganz fremder Gedanke. Diejenigen, die wir – wie etwa Gustav Heinemann – heute als die ganz großen Gestalten im Zusammenhang von Protestantismus und Demokratie sehen, gehörten damals zu einer Minderheit in der Kirche. Es ist ja kein Zufall, dass Heinemann als Präses der EKD-Synode in den 50er-Jahren abgewählt wurde.

Darf sich die Kirche mit ihrer Geschichte, in der sie Demokratie und Freiheit abgelehnt hat, heute denn in die aktuellen politischen Debatten, wie die Flüchtlingspolitik, überhaupt einmischen?


Zu der Lernkurve, die die evangelische Kirche sich in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren erarbeitet hat, gehörte ja auch die Hinwendung zu den sozialen und politischen Debatten dieser Jahre. Da haben wir unseren Platz in einer sich verändernden Zivilgesellschaft gefunden. Und da gehören wir in einer Demokratie hin. Wir müssen heute wieder, gerade wenn wir die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sehen, streitbar werden – und dabei verstehen, wie die Angriffe auf die Demokratie laufen und wo die Kirche ihre eigenen Abfälligkeiten für autoritäres, nationalistisches und ausgrenzendes Denken hat. Es ist ja kein Zufall, dass die Wahlergebnisse unter den Kirchenmitgliedern fast identisch mit denen der Gesamt Bevölkerung sind. Das bedeutet: In Teilen von Sachsen hat ein Drittel der Kirchenmitglieder die AfD gewählt. Wenn wir uns jetzt Uber die Grunde für den Rucktritt des sächsischen Landesbischofs streiten, überlagert dies das viel größere Problem: Mitten in unserer Kirche entwickelt sich wie in anderen Ländern auch eine religiöse Rechte, die nach extrem rechts bewusst offen bleibt.

Sie gehen davon aus, dass Mitglieder von Kirchengemeinden im Durchschnitt in höherem Maße antisemitisch und demokratiefeindlich sind als die Gesamtgesellschaft in Deutschland. Wo sehen Sie einen möglichen Grund dafür?


Einmal ist es dieses toxische Erbe, dass der Protestantismus viel zu lange in Verbindung mit dem Autoritären gebracht wurde. Das andere ist, dass gerade der Protestantismus die Tendenz hat, Deutschsein und Christsein zusammenzudenken. Viele Gemeinden sind kein Spiegelbild unserer vielfaltigen und Pluralen Gesellschaft. Die Herausforderung besteht darin, in dieser sich verändernden Gesellschaft unseren Platz zu finden, indem wir zu einem Lernraum für diese Veränderungen werden. Wenn wir das nicht tun, werden die Gemeinden zum Ruckzugsraum, wo man ein Gesellschaftsbild des vorigen Jahrhunderts pflegt. Dieser Raum wäre dann vor allem für Menschen attraktiv, die noch mal richtig deutsch sein wollen, wo sie ihren Johann Sebastian Bach hören und ihre erprobten Veranstaltungen feiern können. Im Grunde wäre das ein Closed Shop gegenüber der Gesellschaft, wie sie sich heute entwickelt.

Wie reagieren denn die Kirchenleitungen, wenn Sie sie mit Ihren Thesen und Erkenntnissen konfrontieren?

Ich merke, es gibt einen gewissen Umschwung. Am Anfang haben mich doch einige verständnislos angeschaut, als ich vom "Stresstest" sprach. Nach den Wahlergebnissen in den ostdeutschen Bundesländern und der Affäre Rentzing sind aber viele erschrocken. Was natürlich auch Wirkung gezeigt hat, ist der infame Angriff der AfD, der die Bekennende Kirche für sich reklamiert und gegen den vermeintlich rot-grünen Zeitgeist der Kirchenleitungen in Stellung zu bringen versucht. Aber es wird noch viel zu wenig strategisch darüber diskutiert. Das Erschrecken ist da, aber die Debatte liegt noch vor uns.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) wurde als Organisation aus der evangelischen Kirche heraus gegründet. Sie wendet sich heute weiter gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus. Da Sie die Organisation gut kennen: Ihre Einschätzung?

Auch ASF ist in der 50er-Jahren als wider ständige Kraft gegen den restaurativen Mainstream gegründet worden. Heute wird ASF als Stachel im Fleisch der Kirche gebraucht, was Selbstzufriedenheit in puncto Erinnerungskultur angeht. Ich merke, dass es in den Gemeinden und auch in Kirchenleitungen eine Grundhaltung gibt zu sagen: Na ja, wir haben doch unsere Geschichte aufgearbeitet, wir haben eine tolle Erinnerungskultur. Dass diese in Wirklichkeit sehr brüchig und lückenhaft ist, dass sie auch anfällig für die Angriffe von Rechts ist, das zeigt sich an vielen Beispielen, bei denen uns die toxische Vergangenheit einholt. Ganz konkret etwa im Streit Uber den Umgang mit den Hitler-Glocken. Wir müssen unsere Erinnerungskultur resilient machen gegen die Kräfte, die es mit der "180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur" bitterernst meinen. Da wird ASF mehr denn je gebraucht.

Arnd Henze ist Fernsehjournalist beim WDR. Er studierte evangelische und ökumenische Theologie in Göttingen, Heidelberg und Berkeley. Studien in internationaler Politik folgten. 1982 war er Freiwilliger von ASF. In diesem Jahr erschien sein Buch „Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest“ (Verlag Herder, ISBN 9783451379796).

Thomas Arzner, Religionspädagoge, Journalist, Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

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