Die deutsch-polnische Versöhnung vor neuen Herausforderungen

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Annäherung der beiden Völker nur zögernd – bis ab 1960 auf breiter gesellschaftlicher Basis die Aussöhnung geradezu beispielhaft voranschritt. Jetzt braucht es neue Ziele.

Das Problem der Versöhnung in den internationalen Beziehungen ist nach wie vor eines der Schlüsselthemen und bleibt aktuell. Sie ist eine Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen zuvor gegnerischen und konfliktreichen Parteien. In den letzten Jahren scheint das Thema in Europa an Schärfe und Bedeutung verloren zu haben. Dafür kann es mehrere Gründe geben. Der Krieg und seine Auswirkungen werden von vielen Europäern heute als vage Erinnerung, als Gegenstand in Geschichtsbüchern und nicht als gemeinsame Lebenserfahrung wahrgenommen, deren Erinnerung ständig gepflegt werden sollte. Darüber hinaus lassen die Zusammenarbeit und die engen Kontakte zwischen den europäischen Nationen einen Kriegszustand zwischen ihnen nicht mehr zu. In einer solchen Situation werden moralische Fragen wie Versöhnung weniger Gewicht und Interesse erhalten. Macht es heute noch Sinn, über Versöhnung zu sprechen? Ja, das macht es. Schauen wir dies am Beispiel der deutsch-polnischen Beziehungen an.

Hier hat das Thema seine Relevanz nicht verloren. Die letzte Meinungsumfrage zu den deutsch-polnischen Beziehungen im Zentrum für Öffentliche Meinungsforschung (CBOS) im November 2017 ergab, dass die Polen mit großer Sensibilität auf den Wandel im politischen Kontext und die antideutsche Rhetorik ihrer Regierung reagierten. Sie waren der Meinung, dass sich die deutsch-polnischen Beziehungen deutlich verschlechtert haben und gaben der polnischen Seite die Schuld dafür, was eine Art Novum ist. Gleichzeitig stellten sie fest, dass die polnischen und deutschen Interessen in Europa unterschiedlich sind.

2015 kam die rechtspopulistische Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen wieder an die Macht. Die Äußerungen bedeutender Politiker dieser Partei offenbarten (und tun es bis heute) eine negative Einstellung gegenüber Deutschland und sehr kritische Einschätzungen des Zustands der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Kritik dieser Partei trifft nicht nur die Deutschen, sondern auch Polen - nämlich bestimmte Kreise, konkrete Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die seit Jahren am deutsch-polnischen Dialog beteiligt sind und die nach 1990 einen wichtigen Beitrag zu der guten Nachbarschaft geleistet haben.

„Beziehungen zu Deutschland“ - sagte in einem Interview der Vorsitzende der Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski am 17.03.2017 – „müssen sich an der deutschen Politik uns gegenüber orientieren. Diese Politik, von der Geschichts- bis zur Energiepolitik, ist gegen unsere Interessen gerichtet. Daraus müssen Lehren gezogen werden“.

Die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Fall des Kommunismus waren seiner Meinung nach von erzwungener Zusammenarbeit geprägt und die polnische Elite verhielte sich zu freundlich gegenüber Deutschland, sie habe nicht die notwendige Härte gezeigt.

Diese negative und einseitige Wahrnehmung der deutsch-polnischen Beziehungen zeigt, dass ein Teil der politischen Szene die Beziehungen zu ihrem westlichen Nachbarn immer noch durch das Prisma historischer Fehler betrachtet, als ob der Prozess der Versöhnung und der Überwindung der Last der Geschichte nie begonnen hätte. Und es steht zu vermuten, dass es hier um wohlkalkulierte Positionierungen eines Politikers geht, der um Wählerstimmen kämpft, auch um den Preis des Erwachens nationaler Empfindungen.

"Versöhnung" - Eine begriffliche Annährung

Das Konzept der „Versöhnung“ ist polysemisch. Es besteht kein Konsens darüber, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sie bestehen kann. Man kann drei Möglichkeiten vorschlagen (nach Valerie Rosoux), das Thema im Kontext der Versöhnung zu sehen: strukturell, sozialpsychologisch und spirituell. Der erste Ansatz betrifft die sicherheitspolitische, wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zwischen den Konfliktparteien. Der zweite betont die kognitiven und emotionalen Aspekte. Der dritte akzeptiert einen Prozess der kollektiven „Genesung“, der auf der Rehabilitation von Opfern und Tätern basiert. Der strukturelle Ansatz befasst sich mit den Interessen und Problemen des Staates im Allgemeinen, während sich die anderen auf die Beziehungen zwischen den betroffenen Nationen und Einzelpersonen konzentrieren. Strukturen und Institutionen können schnell aufgebaut werden. Sie reichen jedoch nicht aus, um langwierige Konflikte zu lösen. Dieser Prozess ist sehr langwierig und kompliziert und verläuft nicht linear, denn während des Prozesses entstehen neue Konfliktsituationen, die erneute Anstrengung erfordern. Dazu gehört, über den Kreis der Führungsstile hinauszugehen. Versöhnung muss eine soziale Aktivität sein, die auf der Grundlage moralischen Engagements auch  „Freiwilligkeit“ miteinbezieht.   

Etappen des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses

Die Tatsache, dass Polen vor 30 Jahren seine Unabhängigkeit wiedererlangt hat, gibt genügend Zeit, um den Prozess der Versöhnung kritisch zu hinterfragen. Polen hatte nach dem Ersten Weltkrieg schlechte Beziehungen zu Deutschland, der nächste Krieg war eine echte Katastrophe in dem gemeinsamen Beziehungsgeflecht. Von Deutschland besetzt, verlor Polen fast 6 Millionen Einwohner, darunter drei Millionen Juden, mehrere Millionen waren zur Zwangsarbeit gezwungen. Das Land wurde zerstört und ausgeplündert. Die Hauptstadt Polens, Warschau, wurde 1944 nach einem gescheiterten antideutschen Aufstand vollständig zerstört.

Bis 1989 gehörte Polen zum Ostblock, der der UdSSR unterstellt war. Die Beziehungen zum anderen deutschen Staat, der DDR, waren offiziell freundschaftlicher Natur, aber von Misstrauen geprägt. Neben der ungünstigen äußeren Situation verzögerten auch andere Umstände den Beginn des Versöhnungsprozesses erheblich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Polen die Hälfte seines Vorkriegsgebietes an die UdSSR, während es durch die Beschlüsse der Anti-Hitler-Koalition östlich der Oder und der Lausitzer Neiße deutsches Gebiet erhielt. Mit der Verschiebung Polens von Ost nach West wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben. Dieser Umstand wurde von der Bundesrepublik Deutschland erst 1970 akzeptiert. Die Frage der Errichtung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße sowie die Vertreibung der Bevölkerung warf auch später noch einen großen Schatten auf die gegenseitigen Beziehungen. Sie werden auch durch die Erinnerung an die deutschen Gräueltaten während des Krieges und das Fehlen einer angemessenen Entschädigung für die Opfer belastet.

All dies machte ein Übereinkommen zwischen Polen und Deutschland für Jahrzehnte unmöglich. Die kommunistischen Machthaber nutzten diese Situation geschickt für antideutsche Propaganda.

Der Durchbruch gelang in den 1960er Jahren. Die Veränderungen wurden vor allem von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Katholischen Kirche in Polen initiiert. Die Einleitung der Annäherung war das Werk von Menschen, für die der Krieg eine lebendige biographische Erfahrung, oft ein Trauma, war. 1965 wurde eine EKD-Denkschrift veröffentlicht, die die Anerkennung des Grenzverlaufs und die Aufnahme des Dialogs mit den Polen forderte. Die katholische Kirche in Polen ging noch einen Schritt weiter. Am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils richteten polnische Bischöfe einen Brief an ihre deutschen Amtskollegen, in dem die berühmten Worte "Wir vergeben und bitten um Vergebung" ausgesprochen wurden. Nicht lange darauf wurden polnische Bischöfe zum Angriffsziel der polnischen kommunistischen Behörden. Der Prozess der Versöhnung unter den Bedingungen des kommunistischen Staates wurde von der Kirche eingeleitet, ihr schlossen sich in den folgenden Jahren aber auch katholische Laien an. Bei ihnen handelte es sich um das einzige von den Kommunisten unabhängige Milieu in Polen. Die Antwort der deutschen katholischen Bischöfe wurde jedoch als unzureichend angesehen. Sie mobilisierte jedoch die deutschen Laien zum Handeln.

Eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Versöhnung war ein Besuch des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt in Polen im Dezember 1970 und sein Kniefall in Warschau vor dem Denkmal für die Ghetto-Helden. Als Ergebnis von Brandts Besuch in Warschau wurde ein Normalisierungsabkommen unterzeichnet, das zwei Jahre später zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Warschau führte. Es entstanden schnell Institutionen, die dem deutsch-polnischen Dialog dienen sollten. Die ersten Städtepartnerschaften wurden abgeschlossen. Der wissenschaftliche Austausch wurde intensiviert. Ein wichtiges Ereignis war die Schaffung eines Beratungsforums zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Und während also der westdeutsche Teil des Landes sich für den Ausbau des Dialogs mit Polen engagierte, beobachtete der ostdeutsche kommunistische Staat dies Treiben unwillig, ebenso wie alle Anzeichen eines polnischen Widerstands gegen den Kommunismus.

Die Wahl eines Polen zum Papst im Jahr 1978 – mit Unterstützung des deutschen Episkopats - und die große Welle spontaner Hilfe aus der westdeutschen Gesellschaft (auch die Bürger der DDR schlossen sich der Hilfe an) nach der Einführung des Kriegsrechts durch das kommunistische Regime am 13. Dezember 1981, das die antikommunistische Bewegung "Solidarität" zerstören sollte, war eine Art Beweis für den Abbau nationaler Spaltungen und eine Bestätigung für intensive Zusammenarbeit und Dialog. 

Erst als Polen 1989 seine Unabhängigkeit wiedererlangte und Deutschland ein Jahr später wiedervereinigt wurde, wurden die umfassenden Voraussetzungen für eine Partnerschaft und die Beschleunigung des deutsch-polnischen Aussöhnungsprozesses geschaffen. Auf allen Ebenen gab es viele Menschen, die die Annäherung von Polen und Deutschen nicht nur als Voraussetzung für die Wiederherstellung ihrer Beziehungen, sondern auch für den Frieden in Europa betrachteten.

Deutschland unterstützte das polnische Bestreben, der NATO und der Europäischen Gemeinschaft beizutreten. Es wurden ein Austausch von Vertretern verschiedener politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bereiche organisiert, formelle und regelmäßige Kommunikations- und Konsultationskanäle zwischen Beamten geschaffen und gemeinsame Institutionen und Organisationen eingerichtet.

Die Öffnung der Grenzen zwischen Polen und Deutschland ermöglichte den direkten Kontakt und Austausch, Meinungsumfragen förderten gute Bewertungen zutage. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre tauchten jedoch erste Anzeichen von Missverständnissen auf, die zu einer Wiederherstellung von Konfliktsituationen führten. Die Geschichte stand wieder im Weg.

Herausforderungen für die Zukunft

Der Prozess der deutsch-polnischen Versöhnung ist seit mehreren Jahren ins Stocken geraten, zumindest auf polnischer Seite wird er in den Beziehungen zu seinem westlichen Nachbarn nicht als eine der Prioritäten behandelt. Dennoch wurde viel erreicht. Es hat einen Generationenwechsel gegeben, und es ist notwendig, neue Ziele für die deutsch-polnische Versöhnung und nicht nur historische Kontexte zu identifizieren.

Krzysztof Ruchniewicz, Prof. Dr. habil, Historiker, Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, Polen, Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am selben Zentrum. Er hat diverse Publikationen zu Deutschland und deutsch-polnischen Beziehungen veröffentlicht. Zuletzt erschienen: Schauplatz Geschichte. Entdecken und Verstehen in den deutsch-polnischen Beziehungen, Berlin: dpgbv, 2018.

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