Offene Rechnungen

Deutsche Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland

Bei Sommerlagern in Griechenland treffen sich ASF-Freiwillige mit Dorfbewohner*innen zu Gesprächen und Unternehmungen.

Am 3. Oktober 1943 befanden sich die Bewohner*innen von Lingiades, dem „Balkon von Ioannina“, zur Walnussernte in den Bergen. Zurück im Dorf blieben zumeist Kinder und Alte. Am Nachmittag überfiel die 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht das Dorf und richtete unter den Zurückgebliebenen ein Massaker an. Die Deutschen töteten 82 Bewohner*innen, darunter 34 Kinder unter 12 Jahren. Sie zerstörten und verbrannten die Häuser und machten die Überlebenden zu Obdachlosen. Lingiades ist nur eines von vielen Dörfern in Griechenland, in denen während der deutschen Besatzung brutale Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung verübt wurden. Etwa  100 Gemeinden schlossen sich seit 1998 zu einem Netzwerk der Märtyrerdörfer und -städte zusammen.

1989 zeichnete der deutsche Rechtshistoriker  Christoph U. Schminck-Gustavus Tonbandinterviews mit Überlebenden von Lingiades auf. Mit diesen Tonbändern reiste 2013 der griechische Regisseur Chrysanthos Konstantinidis noch einmal in das Dorf und spielte sie den Nachkommen der Überlebenden vor. Sein Dokumentarfilm „To Balkoni“ (www.tobalkoni.gr) zeigt zutiefst bewegend die generationsübergreifenden Auswirkungen des Massakers. Die Menschen von Lingiades leiden bis heute an dem traumatischen Ereignis und an der sozialen und ökonomischen Verwüstung ihres Dorfes.

47 Jahre nach dem Massaker von Lingiades, am 3.Oktober 1990, trat die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei; damit war die Einheit Deutschlands wieder hergestellt. Bei Eintreten dieses Falles, so sieht es das Londoner Abkommen von 1953 vor, seien offene Reparationszahlungen abschließend zu klären. Der sogenannte „Zwei-plus-Vier-Vertrag“, der 1990 anstelle eines Friedensvertrags und nur zwischen den Alliierten und den beiden deutschen Staaten geschlossen wurde, regelt nach Auffassung der Bundesregierung abschließend alle Rechtsfragen bezüglich von Kriegsfolgen und Reparationspflichten, so auch gegenüber Griechenland. Diese Auslegung lässt jedoch Fragen und mehr noch Rechnungen offen und entlässt Deutschland nicht aus seiner Verantwortung.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste unterstützt die Forderungen des Vereins „Respekt für Griechenland“ zu „Deutscher Kriegsschuld und Verpflichtungen gegenüber Griechenland“. Gemeinsam fordern wir die Bundesregierung auf, mit der griechischen Regierung deren Anspruch auf Rückzahlung eines vom Deutschen Reich erzwungenen Kredits aus dem Jahr 1942 rechtlich klären zu lassen.

Weitere Forderungen betreffen das von der deutschen Besatzungsmacht 1942 eingeforderte Lösegeld für jüdische Zwangsarbeiter aus Thessaloniki, welche nur wenige Monate nach ihrer Auslösung ermordet wurden, sowie die Einrichtung eines Fonds zur nachhaltigen Entwicklung des ländlichen Raums unter besonderer Berücksichtigung von Märtyrerdörfern. Über einen solchen Fonds könnten auch die Menschen in Lingiades Unterstützung erhalten. Der volle Wortlaut der Erklärung und die Liste der Erstunterstützer*innen lassen sich hier nachlesen: http://asf-ev.de/respekt-fuer-griechenland

Thomas Heldt ist ASF-Freiwilligenreferent und Koordinator der Freiwilligenarbeit.

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