Unverzichtbare Friedensdienste

Wo steht die christliche Friedensbewegung heute? Darüber schreiben Christine Busch, der Vorsitzenden der AGDF und Jörg Lüer, dem Geschäftsführer der Deutschen Kommission Justitia et Pax.

Foto: AGDF

Ein christliches Verständnis des Friedens findet sich bei ökumenischen Netzen und Kampagnen, Friedensfachorganisationen, Basisgruppen, Gemeinden und verfassten Kirchen. Das Ziel »Frieden« erfordert ein breites Themen- und Arbeitsspektrum. »Die« christliche Friedensbewegung war und ist keine geschlossene, uniforme Veranstaltung.

Ihre Agenda reicht von Armut, Ungerechtigkeit und Krieg über Auslandseinsätze der Bundeswehr, neue Waffensysteme und Rüstungsexporte bis zur Gefährdung internationaler Ordnungen, der nicht rückholbaren Verletzung der Schöpfung und der Spaltung unserer Gesellschaft, die sich unter anderem in wachsendem Nationalismus und Populismus zeigt. Kirchliche Friedensfachdienste sind Experten der zivilen Konfliktbearbeitung und der Friedensbildung. Organisationen wie ASF qualifizieren junge Menschen für freiwillige Friedensdienste in Deutschland und im Ausland. Was sie an Schnittstellen zur Gesellschaft leisten, ist Kirche und trägt zu ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Friedensfähigkeit bei.

Als gemeinsamer Nenner hat sich der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, der die Vision des biblischen Shalom mit der politisch-ethischen Verantwortung für einen Frieden durch Recht und Gerechtigkeit verbindet, bewährt. Seine aktuelle Gestalt, der ökumenische Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, will zu einer »Reise der Verwandlung« ermutigen. Sein Horizont ist die Fülle des Lebens, die Gott allen Menschen versprochen hat. Seine Praxis zielt darauf, Gerechtigkeit und Frieden in der Nachfolge Jesu aktiv zu leben und darin verändernde Kraft zu entfalten.

Der Pilgerweg führt an konkrete Schmerzorte, wo Frieden und Gerechtigkeit gefährdet und verletzt werden, und an Orte, wo Kraft entsteht, weil Alternativen zu zerstörerischer Gewalt gelingen. Eine seiner Stationen im Sommer 2018 ist ein Aktionstag in Büchel: ein fröhliches, nachdenkliches, kritisches und kreatives Miteinander von 500 Christinnen und Christen zwischen 5 und 85 Jahren aus vielen Teilen des Landes, aus den USA und Genf, vor dem Tor eines Geschwader-Stützpunktes. Büchel ist ein Schmerzort, denn hier liegen zwanzig US-Atomwaffen. Und es ist ein Kraftort, denn genau vor einem Jahr nahmen 122 Staaten den UN-Vertrag zum Atomwaffenverbot an – ein Verdienst der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN), der Kampagne »Büchel ist überall« und vieler anderer Initiativen.

Einige Landeskirchen stellen ihre Erneuerungs- und Entwicklungsprozesse unter das Ziel »Kirche des gerechten Friedens werden«. Die EKD-Synode 2019 wird unter dem Thema »Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens« vorbereitet. Welch eine Chance, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf gelingende zivile Konfliktprävention, gewaltfreie Konfliktlösungen, Versöhnung schaffende Strategien und das große Potenzial der christlichen Friedensorganisationen zu richten!

Christine Busch, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), seit 1987 aktiv im Konziliaren Prozess, Ökumene-Landeskirchenrätin der Evangelischen Kirche im Rheinland bis 2016

Empörung allein reicht nicht weit

Ich will ehrlich sein. Es kommt spontan Skepsis in mir auf bezüglich der Frage. Ein Hauch von friedenspolitischer Nostalgie weht mich an, wenn ich den Begriff »christliche Friedensbewegung« höre. Klingt hier nicht die trügerische Sehnsucht durch, an die Blütezeiten der – insbesondere deutschen – Friedensbewegung in Ost und West in den 1980er Jahren anknüpfen zu wollen? Ich hielte das bei aller Wertschätzung für die historischen Verdienste der Friedensbewegung in Deutschland für einen Fehler. Denn dieser letztlich affirmative Blick auf vergangene Erfolge und die damit verbundenen Hochgefühle lenkt von den heutigen Herausforderungen ab. Was soll die christliche Friedensbewegung unter den Bedingungen der sich globalisierenden Welt eigentlich sein? Ist es nicht vielmehr so, dass wir es in Deutschland, in Europa und weltweit mit einer Vielzahl von Initiativen zu tun haben, die sich nicht wirklich als die eine christliche Friedensbewegung bezeichnen lassen.

Christliche Friedensarbeit orientiert sich am Leitbild des Gerechten Friedens. Dass dieses Leitbild von den evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche ökumenisch geteilt wird, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung langjähriger Praxis und Reflexion. Es ist Ausdruck einer gemeinsamen Lernbewegung. Diese unabgeschlossene Lernbewegung hat sich an folgenden Kernaufgaben zu erweisen:

  • Gegen die politischen und ökonomischen Schwerkräfte eine langfristige Perspektive zu setzen, deren Kern eine auf Wandel zielende Auseinandersetzung mit der Gewaltförmigkeit von Welt ist.
  • Agent*innen eines Veränderungsrealismus zu werden und ein glaubwürdiges Zeugnis dieser Weltsicht zu geben.
  • Sprech- und Hörbereitschaften herzustellen sowie langfristige Dialogperspektiven zu entwickeln.

Die praktischen Antworten auf diese Herausforderungen sind je nach Kontext sehr verschieden. In Kolumbien anders als in Bosnien, in Syrien anders als in Deutschland und in Russland anders als in Israel. Damit unser Handeln Wirksamkeit entfaltet, benötigen wir eine fachlich angemessene Analyse. Der Rüstungsexportbericht der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) ist hierfür ein gutes Beispiel: Denn die Empörung allein reicht nicht weit. Wir benötigen eine uns selbst einschließende Lern- und Veränderungsbereitschaft und nicht zuletzt Konfliktfähigkeit. Gerade die jahrzehntelange Erfahrung von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste erweist sich in diesem Zusammenhang als hilfreich orientierend. Friedensarbeit ist Beziehungsarbeit auch und gerade im Konflikt. Die kontinuierliche Entwicklung und Pflege von Partnerbeziehungen sind ein Beitrag zu unserer kulturellen und politischen Europäisierung bzw. Internationalisierung. Sie helfen uns, nicht in den Engführungen unseres eigenen historischen Kontextes stecken zu bleiben oder anders gesagt, uns selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Dann schaffen wir Voraussetzungen für gemeinsames Handeln und dann kommt auch Bewegung in die Christenheit.

Dr. Jörg Lüer, Geschäftsführer der Deutschen Kommission Justitia et Pax, stellv. Vorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung, ehemaliger Freiwilliger in Oswiecim und Kuratoriumsmitglied.

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