»Es gibt leider keinen rassismusfreien Ort.«

Gedanken der Freiwilligen Tonya Frankenberger zu Black Lives Matter

Foto: privat

Label »Schwarz«

Noch vor ein paar Monaten hätte ich mich nie so bezeichnet. »Schwarz« – ein Wort, das sonst in negativen Kontexten auftaucht: Schwarzfahren, Schwarzarbeit, schwarzes Schaf. Es steht für Falschheit, Schlechtes und Ungewissheit. Ich habe mich angegriffen gefühlt, wenn ich als »schwarz« bezeichnet wurde. Mich störte zum einen das Wort, da ich faktisch keine schwarze Haut habe, aber auch, dass meine Hautfarbe überhaupt zu einem Thema gemacht wurde. So fühlte ich mich herausgedeutet von allen anderen Menschen um mich herum. So, als wäre ich anders.

Seit dem »Revival« der Black-Lives-Matter-Bewegung* (BLM) im März 2020 setze ich mich viel mehr mit meinem Schwarz-Sein auseinander. Ich bezeichne mich nun bewusst als Schwarz* (mit großem »S«). Schwarz sein bedeutet für mich, Teil einer gesellschaftlichen Gruppe zu sein, die ähnliche Erfahrungen aufgrund von sozialen Konstrukten und Vorurteilen macht.

Eine Erfahrung in diesem Kontext ist besonders prägend für mich: In der achten Klasse lasen wir zwei Zeitungsberichte über einen Ort in Norddeutschland im Deutschunterricht. Der erste Text vermarktete den Ort als tolle Entspannungsoase, perfekt für eine Urlaubsreise. Der andere berichtete von rassistischen Angriffen auf Schwarze Menschen. Nachdem wir beide Texte gelesen hatten, wandte sich mein Lehrer zu mir und fragte mich: »Tonya, würdest du denn zu diesem Ort reisen?« Ich war erschrocken, dass nur ich gefragt wurde. Schließlich hatte ich mich gar nicht gemeldet. Außerdem kam mir gar nicht in den Sinn, dass dieser Zeitungsartikel irgendetwas mit mir zu tun haben könnte. Wieso sollte nur ich eine Meinung dazu haben sollen? Als ich antwortete, hatte ich einen riesigen Kloß im Hals. Warum wusste ich eigentlich nicht so genau. Doch das Gefühl, anders als die anderen wahrgenommen und behandelt zu werden, war sehr schmerzhaft. Ich schaute meine beste Freundin an, da ich dachte, dass sie diese Situation als genauso unangenehm empfinden müsste. Doch bemerkte sie mein Unwohlsein überhaupt nicht. So wurde mir klar, dass, obwohl wir am selben Ort geboren und aufgewachsen sind, wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen und ebenfalls anders behandelt werden können.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung

Die Zeit im März und April 2020 war intensiv. Auf den BLM-Kundgebungen habe ich viele Schwarze Menschen gesehen, die durch ihr Tun die Welt bewegen. Das war sehr inspirierend für mich. Ich fühlte mich sehr verbunden mit ihnen. Trotz dessen empfand ich die Zeit auch als anstrengend und belastend. Plötzlich wurde in jedem Gespräch das Thema Rassismus angesprochen. Auch wurde ich oft nach eigenen Rassismus-Erfahrungen oder Tipps gefragt, wie man sich als weißer Mensch verhalten sollte. Es war toll, dass meine Freund*innen eine Konversation führen wollten, doch fühlte ich mich sehr erschöpft und leer. Erfahrungen von Ausgrenzung sind durchaus schmerzhaft. Wenn also Menschen mir von Rassismus-Erfahrungen anderer Schwarzer berichten, werde ich mit vielen Schicksalen konfrontiert, die auch mir eventuell passieren können oder sogar schon passiert sind. Mehr als zuvor wurde ich in dieser Zeit auf der Straße von weißen Männern sexualisierend oder erschrocken angestarrt, sodass ich manchmal einfach nicht das Haus verlassen wollte. Dementsprechend versuchte ich, mich möglichst wenig mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen. Ein paar Monate später aber hatte ich dann die Kraft und Lust, dies zu tun.

Aufgewachsen ohne Repräsentation

Ich wäre gerne mit einem Schwarzen Vorbild aufgewachsen, hätte gerne Schwarze Lehrer*innen gehabt und hätte gerne Schwarze Menschen in jedem Bereich des Lebens gesehen. Es ist ein tolles Gefühl, eine Autoritätsperson vor sich stehen zu haben, die so aussieht wie du selbst. Repräsentation bewegt und inspiriert. Denn so werde ich bestärkt, meine Ziele anzustreben, weil ich Schwarze Menschen in allen Bereichen des Lebens sehe. Diese Wahrnehmung gibt mir die Gewissheit, dass viele Bereiche auch mir offenstehen. Als ich ein Praktikum in einer Grundschule machte, passierte etwas Wundervolles. Ein Junge kam zu mir und sagte: »Du siehst aus wie meine Mama!« Dann erzählte er mir, dass er ein Spion sei und eine riesige Kiste voll mit Schätzen hortete. Der Junge fühlte sich aufgrund meines Aussehens verbunden mit mir, obwohl er mich gar nicht kannte.

Kein Rassismusfreier Ort

Als Kind erlebte ich, dass viele andere Kinder und auch Erwachsene meine Locken toll fanden und sie berühren wollten. Mich hat das mit der Zeit etwas genervt, da es immer und immer wieder passierte. Im Kindergarten beschloss ich dann, meinen Erzieher* innen einfach Haare von mir zu schenken. Nach jedem Frisör*innenbesuch nahm ich die abgeschnitten Haare mit, packte sie in Päckchen und verschenkte sie. Für mich war das die einzige logische Lösung.

Generell war ich immer froh, in einer multikulturellen Umgebung zu leben. Trotz dessen erlebe ich auch in Frankfurt Rassismus, denn es gibt leider keinen rassismusfreien Ort! Rassismus und Situationen der Unterscheidung können überall auftreten: in der Psychotherapie (!), der Schule, in Freundeskreis und Familie, in Institutionen und so weiter. Es ist eine gesellschaftliche Konstante, die in den Köpfen der Menschen lebt. Es sind Mikroaggressionen im Alltag, die nur kurz andauern, aber in der Summe einfach schmerzhaft sind. Zum Beispiel werde ich manchmal auf Englisch angesprochen und auch, wenn ich auf Deutsch antworte, wird weiterhin Englisch gesprochen.

Gedanken und Sorgen treiben mich um. Zum Beispiel die Angst, dass ich eine Arbeitsstelle nur aus Repräsentationsgründen bekommen könnte. Oder wie Vermieter*innen einer Wohnung reagieren, wenn ich vor ihnen stehe, oder dass die Person, die mich unfreundlich behandelt, etwas Vorurteilsbehaftetes in mich hineinliest. Diese Gedanken machen mir Angst.

Ich habe viele Bewältigungsstrategien und suche nach Möglichkeiten, mit Mikroaggressionen, Angst und Schmerz umzugehen. Ein Weg ist das Erzählen.

Schwarze deutsche Geschichte

Zum ersten Mal setzte ich mich nach meinem Abitur mit Schwarzer deutscher Geschichte auseinander. Ich wusste zuvor nicht, dass Schwarze Menschen seit Jahrhunderten in Deutschland lebten. Eines Tages fiel mir das Buch »Farbe bekennen. Afro- Deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte.« auf. Das Buch thematisiert die Geschichte Schwarzer deutscher Frauen von 1872 bis in die 1980er Jahre. Diese Perspektiven wurden nie im Geschichtsunterricht behandelt. Generell kommen Perspektiven von Frauen, People of Colour und Black People of Colour* (BPoC) im Lehrplan fast gar nicht vor, dabei wäre es doch so wichtig. Es ist ein tolles Gefühl, mit der Geschichte Schwarzer Frauen in Deutschland auch meine Geschichte zu kennen und mich nicht immer nur mitdenken zu müssen.

Deutsch sein!?

Oft habe ich von weißen Deutschen gehört, dass sie sich schämen, deutsch zu sein. Der Grund sei die Nazivergangenheit. Ich hatte im Ausland schon mehrmals Situationen erlebt, in denen ich durch meine Herkunft mit dem deutschen Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wurde. Zum Beispiel wurde gesagt: »Ich lass mir nichts von jemandem sagen, der aus einem Land kommt, das zwei Weltkriege angezettelt hat.« Für mich sind das spannende Situationen. Zum einen fühle ich mich ganz komisch und irgendwie schuldig für die Taten meiner Vorfahren. Auf der anderen Seite denke ich, dass ich ja sowieso in dieser Zeit ein Opfer der Nazis gewesen wäre, was mich allerdings nicht weniger deutsch macht. Der Satz »Ich bin deutsch«, löst Freude, ein bisschen Angst vor Fragen und Ablehnung, aber auch Kraft in mir aus. Mir wird das Deutsch-Sein oft abgesprochen, daher bewerte ich diesen Satz als Akt des Widerstands und der Stärke.

Zugänge von ASF zu Schwarzer Geschichte

Ich wünsche mir von ASF, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit Schwarzer Geschichte stattfindet, also beispielsweise auch durch die Beschäftigung mit Schwarzen Opfern der NS-Zeit. Ich sehe, dass ASF sich bemüht. So gab es beim Vorbereitungsseminar einen Workshop zu kolonialen Strukturen und Schwarzen Lebensrealitäten. Weiterhin wurde das Thema »Weißes Privileg « mittels eines Videos thematisiert. In dem Video erzählten Jugendliche von Erfahrungen Schwarzer Menschen und strukturellen Rassismusproblemen. Am Schluss wurden weiße Menschen dazu aufgefordert, ihre Privilegien zu reflektieren. An sich eine super Idee, doch fragte ich mich, warum es weiße Menschen sind, die von Schwarzen Realitäten berichten. Braucht es das? Sollten es nicht eher Betroffene sein, die über ihre Erfahrungen sprechen? Auch fragte ich mich, warum dieses Video in unserem Seminar gezeigt wurde. Schließlich richtete es sich ganz klar nur an weiße Menschen. So wurden alle PoC und vor allem BPoC von ASF bei dem Versuch ausgeschlossen, ihre eigene Perspektive zu repräsentieren. Ich wünsche mir, dass sich ASF nachhaltig mit Schwarzen Perspektiven und Antirassismus beschäftigen wird.

Ich bin in einem wundervollen Projekt involviert: Stiftelsen Signo, einer Einrichtung für gehörlose Menschen. Oslo ist eine tolle Stadt. Die Themen Alltagsrassismus und -sexismus sind hier für mich weniger präsent als in Deutschland. Ich erlebe alle Menschen als sehr respektvoll und fühle mich viel wohler und akzeptierter als in Frankfurt. So merke ich, dass ein großes Gewicht von mir abfällt. Manchmal unterschätze ich, wie sehr mich diese Mikroaggressionen doch belasten.

Mein größter Wunsch für die Zukunft ist, dass ich durch mein Tun die Welt zu einem friedvolleren (und nachhaltig bewohnbaren) Ort mache. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir einfach nur sein können. Auch wünsche ich mir, dass ich die Welt, so wie sie ist, akzeptieren, aber gleichzeitig mit verändern kann. Na ja, eines ist sicher: Alles ist in Bewegung.

Tonya Frankenberger hat 2019 das Abitur gemacht. Danach ist sie auf das International People’s College in Dänemark gegangen und absolvierte anschließend einen Bundesfreiwilligendienst bei Creative Change e. V. Sie macht derzeit ihren Freiwilligendienst in Oslo, Norwegen, bei der Stiftelsen Signo und arbeitet dort mit gehörlosen Menschen mit Behinderungen. 

 

*BLACK-LIVES-MATTER-BEWEGUNG: BLM, so die gängige Abkürzung, ist eine Graswurzelbewegung, die am 13. Juli 2013 geboren wurde. Als der Nachbarschaftswachmann George Zimmerman in Florida des Mordes an dem afroamerikanischen Highschool-Schüler Trayvon Martin freigesprochen wurde, schrieb die Aktivistin Alicia Garza auf Facebook, sie wolle ihren schwarzen Freunden versichern, dass »unsere Leben etwas bedeuten«. Zusammen mit Patrisse Khan-Cullors und Opal Tometi gründete sie die Organisation mit dem Hashtag #blacklivesmatter. Seitdem hat sich die Bewegung international entwickelt und setzt sich gegen Gewalt gegen Schwarze und People of Color ein. Black Lives Matter organisiert regelmäßig Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Polizeibeamte und zu breiteren Problemen wie Racial Profiling.

*SCHWARZE: »Wenn es um Rassismus, unterschiedliche Erfahrungen und Sozialisationen geht, ist der politisch korrekte Begriff Schwarze. In allen anderen Fällen gibt es aber meistens gar keinen Grund, dazu zu sagen, ob eine Person Schwarz oder weiß ist.« (zitiert von www.derbraunemob. info). Farbige/farbig ist ein kolonialistischer Begriff und negativ konnotiert. Alternativen sind die Selbstbezeichnungen People of Color (PoC, Singular: Person of Color), Black and People of Color (BPoC) oder Black and Indigenous People of Color (BIPoC).

*BIPOC/BPOC/POC bedeutet Black, Indigenous and People of Color: Der Begriff BIPoC kommt aus dem anglo-amerikanischen Raum und beschreibt Individuen und Gruppen, die vielfältige Formen von Rassismus erleben und die gemeinsame, in Variationen auftretende und zugleich ungleich erlebte Erfahrung teilen, aufgrund phänotypischer und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als »anders« und »unzugehörig« definiert zu werden. Der Begriff PoC (People of Color) entstand ursprünglich unter anderem zur Solidarisierung mit Schwarzen Menschen. Schwarz und weiß sind dabei politische Begriffe. Es geht nicht um Hautfarben, sondern um die Benennung von Rassismus und den Machtverhältnissen in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Inzwischen wird häufiger von BPoC (Black and People of Color) gesprochen, um Schwarze Menschen ausdrücklich einzuschließen. 

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