Vielstimmig und klar solidarisch

Ein Gespräch über Bezüge und Standpunkte von ASF zur Arbeit in der Ukraine und zum Angriffskrieg

© ASF

Jutta Weduwen, Matteo Schürenberg, Gianna Schlichte, Jakob Stürmann

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine trifft auch die Projektarbeit von ASF, vor allem aber die Partner*innen und Freiwilligen aus dem Land hart. Fragen nach Krieg und Frieden, historischer Verantwortung und geschichtspolitischer Instrumentalisierung werden im Verein diskutiert. Zugleich sind Haupt- und Ehrenamtliche sowohl im Land selbst als auch hier in vielen Hilfsprojekten engagiert. Die Vorstandsmitglieder Gianna Magdalena Schlichte, Jakob Stürmann und die Geschäfts führerin Jutta Weduwen im zeichen-Interview mit Matteo Schürenberg, Leiter der ASF-Öffentlichkeitsarbeit.

ASF-zeichen: ASF entsendet Freiwillige in die Ukraine und junge Menschen aus dem Land machen mit ASF ihren Freiwilligendienst – wie trifft der Krieg konkret die Arbeit?

Jutta Weduwen: Der russische Angriffskrieg ist auf allen Ebenen grausam. Natürlich ist auch unsere Arbeit im Land stark betroffen und das bereits seit 2014. Im März 2014 war ich in Kyjiw, wir erlebten den großen Willen zum demokratischen Aufbruch und sahen gleichzeitig die Spuren der gewaltvollen Zerschlagungsversuche gegen die Maidan-Proteste. Die Annexion der Krim und der damals gerade von Russland informell begonnene Krieg im Osten erschütterten die Menschen. Wir mussten unsere Freiwilligen von der Krim und aus der Ost-Ukraine zurückrufen, das war schmerzhaft. Seitdem gibt es dort keine Freiwilligen mehr.

Jakob Stürmann: Der Krieg trifft ̄ das Land bereits seit 2014. Wer, wie wir, mit Partner*innen aus der Ukraine zusammenarbeitet, weiß das sehr genau. Doch seit dem 24. Februar zielen die Angriffe auf das ganze Land, jede*r ist nun von diesem Krieg direkt betroffen.

Wie reagierte ASF dann nach der Invasion im Februar?

Jutta Weduwen: Wir hatten im Februar alle Freiwilligen schon einige Tage vor der Invasion aus Sicherheitsgründen nach Deutschland geholt. Sie konnten natürlich nicht wieder zurück, ebenso wenig konnten wir Sommerlager im Land organisieren oder im September neue Freiwillige entsenden. Wir sind vor allem erschüttert über die Folgen für die Menschen im Land und auch für unsere Arbeit. Umso wichtiger ist: Freiwillige aus der Ukraine nehmen weiter an Sommerlagern und Freiwilligenprogrammen in Deutschland und Polen teil. Im September konnte ich in Krakau unsere neuen ukrainischen Freiwilligen kennenlernen. Von ihren Erfahrungen und Perspektiven zu lernen, ist für mich sehr wichtig.

Welche Nachrichten bekommt ASF von den Partner*innen und Freiwilligen aus der Ukraine?

Jakob Stürmann: Das ist sehr unterschiedlich, doch alle können nur noch von Tag zu Tag planen. Viele sind geflohen; einige innerhalb des Landes, andere ins Ausland. Auch wenn sie hoffentlich bald zurück können, ihr früheres Leben liegt oftmals nicht nur sinnbildlich in Trümmern. Über das Ausmaß der psychologischen Folgen möchte ich mir gar keine Gedanken machen. Viele im Ausland lebenden Ukrainer*innen bangen auch um Menschen, die im Land geblieben sind. Wehrpflichtige müssen ja bleiben, andere wollenbleiben: um Angehörige zu versorgen, humanitär zu helfen oder um zu kämpfen ...

Jakob, Du hingegen hast im Land 2004 einen Friedensdienst geleistet ...

... daher erschüttern mich besonders die Lebensgeschichten von Männern und Frauen, die aus der Zivilgesellschaft kommen und sich nun bewusst für die militärische Verteidigung ihres Landes entschieden haben. Bis zum Februar ähnelte ihr Leben denen meiner Freund*innen, nun verteidigen sie ihre Überzeugung und Werte an der Front. Bereits 2014 fielen mit Yurij Matuschak und Vjacheslav Makarenko zwei ehemalige Freiwillige. Sie hatten in Polen einen ASF-Dienst gemacht.

In Russland wiederum, aber auch in Belarus, führt der Krieg zu nochmals verschärfen Repressionen gegen die Zivilgesellschaft ...

Jutta Weduwen: ...auch hier sind zur Zeit keine Freiwilligen. In Russland haben wir unter anderem mit der Menschenrechtsorganisation Memorial zusammengearbeitet. Einige Mitarbeiter*innen mussten nach massiven Repressionen ins Exil. In Belarus haben inzwischen die meisten unserer Partner*innen das Land verlassen.

Gianna Schlichte: Wir hören oft, wie schwer das Leben im Exil ist. Menschen bangen um ihre Angehörigen und die Zukunft ihres Lan-des und leben hier oft unter prekären Umständen. Auch dieser Aspekt darf in den Debatten nicht aus dem Blick geraten.

Wie kann ASF in dieser Situation helfen?

Jutta Weduwen: Wir bemühen uns, den Kontakt zu unseren Partner*innen vor Ort und auf der Flucht zu halten. Unsere ukrainische Kollegin Anzhela Beljak koordiniert derzeit von Rumänien aus unter anderem Hilfslieferungen. ASF unterstützt zudem eine Initiative von ehemaligen Freiwilligen für Transporte nach Odesa sowie das Hilfsnetzwerk für NS-Überlebende aus der Ukraine. Und unsere Freiwilligenprogramme in Polen und Deutschland bieten für manche junge Menschen aus der Region auch einen Schutzraum vor Krieg und Repression.

Welche Perspektive gibt es für die Zukunft?

Jakob Stürmann: Die meisten Analysen gehen leider von langwierigen Kämpfen aus. Auch wir können nicht sehr weit in die Zukunft planen. Wir werden im Austausch mit unseren Kolleg*innen vor Ort schauen, welche Projekte möglich sind. Sicher ist, dass wir unsere zwanzigjährige Arbeit in und mit der Ukraine fortsetzen werden. Wir können aber keine Freiwilligen in ein Kriegsgebiet schicken. Vorerst ermutigt es mich, wie sich zahlreiche ehemalige Freiwillige einsetzen – humanitär, aber auch in politischen Debatten.

Seit den 1990er Jahren lernten die Freiwilligen die Länder und Menschen in Ostmittel- und Osteuropa kennen – was vorher kaum möglich war. Verstehen sie dank dieser Erfahrung heute die Situation besser?

Gianna Schlichte: Mit ASF tauchen die Freiwilligen nicht nur in ein Land, seine Kulturen und Sprachen ein, sie bekommen auch einen besonderen, historisch-politischen Blick auf die jeweilige Region. Dabei reflektieren wir die historische Verantwortung Deutschlands und unsere Rolle als deutsche NGO. Es ist eine Zusammenarbeit mit unseren Partner*innen auf Augenhöhe, zugleich ist das ein vielstimmiger Dialog.

Jutta Weduwen: Besonders in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion erleben die Freiwilligen die Vielschichtigkeit der Geschichte. Sie beschäftigen sich mit dem deutschen Vernichtungskrieg, der Shoah, der Zwangsarbeit und auch mit den Folgen der stalinistischen Verfolgung sowie den vielen Brüchen und Umbrüchen der letzten Jahrzehnte, die sich an der Multiperspektivität der Erzählungen, Denkmäler und Debatten abzeichnet. Mit dieser Vielschichtigkeit setzen sich unsere Freiwilligen aber auch in anderen Ländern auseinander.

Jakob Stürmann: Diejenigen, die länger in Osteuropa gelebt haben, konnten sich weit vor 2022 viel eher einen solchen Angriff Russlands auf die Ukraine vorstellen. Wir schärfen unseren Blick durch den Austausch mit unseren Partner*innen vor Ort. In der Ukraine, aber auch in Russland und Belarus hatten sie eine realistischere Einschätzung zur Invasionsgefahr, als dies in Deutschland der Fall war. Fast alle Partnerorganisationen aus diesen drei Ländern, die sich frei äußern können, sind für Waffenlieferungen. Dies hören wir und es beeinflusst unsere Diskussionen.

Jutta Weduwen: Unser grundsätzliches Herangehen hat sich darüber nicht verändert: Unsere Arbeit ist ein Beitrag zum Frieden, zeichenhaft in Form von konkreten Freiwilligendiensten.

Jakob Stürmann: Was sich bei vielen von uns in den letzten Monaten verändert hat, ist der Blick auf die Sicherheitssituation in Europa. Wir diskutieren nun anders über den Weg zum Frieden. Menschen, die dem Vereinnahestehen, sprechen sich für Waffenlieferungen aus: um das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung zu unterstützen, den Aggressor zu stoppen und die europäischen Wertvorstellungen zu verteidigen. Andere lehnen Waffenlieferungen ab, sie haben Angst vor einer weiteren Eskalation, oder dass Waffen in falsche Hände geraten. Wir wollen im Austausch bleiben und sehen eine wichtige Aufgabe von ASF darin, die Menschen von vor Ort und Expert*innen für die Region zu Wort kommen zu lassen. Diese Aufgabe erfüllt auch dieses zeichen.

Wie verhält sich ASF zu Waffenlieferungen oder militärischen Interventionen?

Jakob Stürmann: Wir haben keine einheitliche Meinung. Klar ist: Allein schon durch unser Gründungsverständnis ist ASF nicht rein pazifistisch. Die Befreiung Europas von den Nationalsozialisten konnte nur mit Waffen erfolgen. Auch in anderen Projektländern sind wir seit Langem mit Krieg und Terror konfrontiert ...

Jutta Weduwen: ... und zur Frage der Militäreinsätze als Ultima Ratio gibt es auch bei ASF verschiedene Meinungen. Die Positionen, die sich in diesem Krieg zwischen der Ablehnung und der Befürwortung von Waffenlieferungen bewegen, beruhen auf verschiedenen Grundüberzeugungen und Analysen. Ich teile die Sorge um eine Eskalation und dennoch müssen wir uns ja die Frage stellen, wie zum jetzigen Zeitpunkt Leid, Tod, Folter und Zerstörung in der Ukraine beendet werden können, wenn Appelle, Sanktionen und Verhandlungen dies nicht allein vermögen. Es ist nicht die Aufgabe von ASF, in der Frage der militärischen Intervention eindeutige Forderungen zu stellen, die wir nicht gänzlich beurteilen und überblicken können. Gleichzeitig müssen wir Unrecht benennen und dazu eine klare Haltung entwickeln. Und wir dürfen uns eingestehen, dass die friedensethischen Diskussionen auch Dilemmata, Zerrissenheiten und Zweifel auslösen.

In den 1980er Jahren prägte die Friedensbewegung den Verein in einer ganz anderen Konstellation: Kalter Krieg und ein geteiltes Europa. Wie wirkt diese Erfahrung in den heutigen Debatten nach?

Gianna Schlichte: Die Errungenschaften der Friedensbewegung sind nicht nur für ASF bi heute wegweisend. Das Streben nach einem Ende der Blockkonfrontation und Aufrüstung und das Verständnis eines positiven beziehungsweise gerechten Friedens sind mittlerweile tief in der Gesellschaft verankert.

Jakob Stürmann: Wichtig ist dabei, dass wir politische Situationen in ihrem historischen Kontext betrachten. Ich habe großen Respekt davor, wie viele Menschen sich in den 1980er Jahren in Ost und West für Abrüstung eingesetzt haben. Dieser Weg war damals richtig, ist jedoch nicht eins zu eins auf heute übertragbar. Das Recht auf nationale Selbstverteidigung aus der UN-Charta darf nicht ausgehebelt werden, weil der russische Aggressor mit Atomwaffen droht. Diese atomare Erpressung darf nicht aufgehen. Hinzu kommt, dass die russische Führung Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land duldet und selbst verübt. Das Militär geht noch weitaus schlimmer in den besetzten Gebieten in der Ukraine vor. Niemand sollte in einem so repressiven Staat leben müssen. Dies sollten wir den Ukrainer*innen zugestehen.

Jutta Weduwen: Auch hierzulande müssen die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen sich kritisch fragen, wo nicht nur mit Blick auf Russland Fehleinschätzungen vorlagen und bei den westlichen Interventionen wie in Afghanistan falsche Wege eingeschlagen wurden. Das darf aber nicht zu einer Äquidistanz gegenüber Russland, der NATO, den USA und der Ukraine führen. Ursache und Wirkung sowie die völlig ungleiche Situation von Aggressor und Angegriffenen dürfen wir nicht verwechseln.

Verstellt die historische Erfahrung der Blockkonfrontation zwischen Großmächten den Blick auf die aktuelle Lage in der Ukraine?

Jakob Stürmann: Geschichte kann uns nur als Vergleichsfolie dienen, ohne uns aber bei der gegenwärtigen Analyse im Weg zu stehen. Das ist ein Paradoxon, dass auch viele in ihrer Freiwilligenzeit erleben. Bewusst bewerben wir unsere Freiwilligendienste deshalb nicht mit dem Slogan »aus der Geschichte lernen«. Stattdessen sagen wir: »Geschichte(n) erleben – Verantwortung übernehmen«. So können wir daraus Wertvorstellungen für unser gegenwärtiges Handeln ableiten. Und die Welt wurde nach Ende des Kalten Krieges nicht einfacher: Ex-Jugoslawien, Ruanda, Afghanistan oder Syrien ...

Gianna Schlichte: Die Standpunkte in der Friedensbewegung und bei ASF haben sich mit Blick auf die komplexen Konflikte und Kriege der letzten Jahrzehnte stetig weiterentwickelt, es kam immer wieder auch zu Kontroversen und Neubestimmungen. Es wäre doch merkwürdig, wenn Fragen nach Krieg und Frieden nicht kontrovers wären. Die Debatten bei ASF sind so divers und komplex wie die Welt um uns herum: ohne einfache Lösungen, meistens widersprüchlich – manchmal sehr schwer auszuhalten.

Jutta Weduwen: Dies berührt den Kern der ASF-Arbeit. Unsere Erfahrung mit historischen Konfliktfolgen und aktuellen Konfliktlagen ist die Basis für wirksame Friedensdienste: Wir ermöglichen Begegnungen, die Verletzungen und Zerrüttung nicht negieren, sondern berücksichtigen. Nur so kommen wir zu einer Friedensperspektive. Denn das ist nicht nur eine europäische, sondern eine globale Frage: Stellen wir uns nicht den Wunden unserer Vergangenheit, wird es keine tragfähige Zukunft geben. Diese Erfahrungen werden wir weiter international einbringen, wenn dieser Krieg (hoffentlich einmal) beendet ist.

Gianna Schlichte: Gerade die Vorstellung, dass »europäische« Wertvorstellungen verteidigt werden, irritiert mich aus Sicht der kritischen Friedensforschung und postkolonialen Rechtstheorie. Und meine Erfahrung an Internationalen Strafgerichtshöfen widerspricht dem auch ganz praktisch. Mit diesen Werten wurden Kriege gerechtfertigt, die ihrerseits das Selbstbestimmungsrecht von Staaten und Menschen verletzten. Andererseits werden mit Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Staaten massive Menschenrechtsverletzungen geduldet. Und auch Kriegsverbrechen werden nur sehr selektiv geahndet ...

Dabei wird doch das Völkerrecht immer wieder bemüht – welche Chancen, aber auch welche Grenzen bringt es mit sich?

Gianna Schlichte: So bitter notwendig Regeln und ihre Durchsetzung zwischen Staaten auch sind: Das Völkerrecht ist historisch gewachsen und damit ist ihm die ursprüngliche koloniale Selektivität inhärent. Welche Akteur*innen mit welchen Ansprüchen werden anerkannt, wer hingegen nicht? Das beeinflusst bis heute die Erzählungen, mit denen der Weg zu Krieg und Frieden beschrieben wird. Deswegen bleibt es notwendig »hartnäckige Kritik an dem, was man nicht nicht wollen kann« (Spivak) – also ebenjenen völkerrechtlichen Regelungen und deren Durchsetzung – zu üben, diese aber gleichzeitig gegenüber jenen zu verteidigen, die völkerrechtliche Standards vollständig abschaffen wollen. Vor allem sollte man sich bewusst machen, dass es zynisch ist, ukrainischen Menschen, die sich auf diese rechtlichen Standards berufen, unter Rückgriff auf grundsätzliche Kritik, das Recht in größter Not zu versagen.

In letzter Konsequenz könnte das eine humanitäre Intervention sein – die allerdings ja sehr umstritten sind?

Gianna Schlichte: Ein Eingriff in die staatliche Souveränität mit Waffengewalt ist bei massiven Menschenrechtsverletzungen wie Völkermord unter bestimmten Bedingungen durchaus gerechtfertigt. Hier spielen jedoch auch die rhetorischen Bezüge zu Auschwitz eine legitimierende Rolle, was ich sehr problematisch  finde, denn es werden singuläre Ereignisse instrumentalisiert. Eher ist der Fokus des Völkerrechts auf den konkreten Fall hilfreich: Es ist gar nicht nötig auf Auschwitz zurückzugreifen, denn es gibt rechtliche Voraussetzungen, die tatsächlich vorliegen müssen, um zum Beispiel den Tatbestand des Völkermordes zu erfüllen. Das heißt natürlich nicht, dass man sich immer wieder aufs Neue fragen sollte, was »Nie wieder Auschwitz« konkret bedeutet, um Verantwortung übernehmen zu können. Nicht erst jetzt wurde in dieser Frage die historische Verantwortung Deutschlands angeführt. Schon im Kosovokrieg hieß es: »Nie wieder Auschwitz«, aber auch: »Nie wieder Krieg« ...

Jutta Weduwen: Die Forderung Theodor W. Adornos, dass »Auschwitz nicht wieder sei« gilt für viele Menschen als politisch handlungsleitend. Das Postulat lässt uns wachsam sein für die Bedingungen und Vorläufer von Auschwitz, für Krieg, Genozid, antisemitische und rassistische Verfolgung, den Terror der extremen Rechten. Die politischen Forderungen, die sich an diesem Postulat orientieren, können aber sehr unterschiedlich ausfallen, auch bei ASF.

Jakob Stürmann: Erinnerungspolitische Narrative aus der Politik sollten immer kritisch hinterfragt werden. Gabriele Scherle, Mitglied im Vorstand, formulierte einmal treffend, dass Geschichte kein Tatbestand sei, sondern eine immer umkämpfte narrative Vergewisserung. Es gibt kein an sich »richtiges Erinnern«, mit dem ich unzweifelhaft auf der »richtigen Seite« stehe. Das Gedenken bietet keinen unschuldigen und von gegenwärtigen Interessen freien Standpunkt. Die historische Verantwortung Deutschlands gegenüber dem östlichen Europa ist unglaublich komplex. Sie gilt den osteuropäischen Jüdinnen und Juden, Sinti*zze und Rom*nja und allen Ländern, die aus der Sowjetunion hervorgegangen sind – fälschlicherweise wird sie hier oft nur mit Russland gleichgesetzt. Auch ein Land wie Polen, das durch den Hitler-Stalin Pakt von der Landkarte gewischt wurde, gehört in diese Aufzählung und beide Länder wurden ja auch in unserem Gründungsaufruf genannt. Daraus folgt aber, dass unsere Positionierung hier weniger eine Frage der historischen Verantwortung ist, vielmehr geht es um politische Werte, Menschenrechte, internationales Recht und Nationalstaatlichkeit.

Auch und gerade in Kriegszeiten – was kann ein Friedensdienst nun leisten?

Jutta Weduwen: Ich erlebe, mit welch klugem und differenzierten, aber auch warmem Blick unsere (ehemaligen) Freiwilligen auf die Ereignisse und die betroffenen Menschen schauen und sich selbst dazu ins Verhältnis setzen. Unsere Freiwilligen tragen zeichenhaft zu einem positiven und gerechten Frieden bei: Sie begegnen Überlebenden und ihren Nachkommen, sie schaffen Beziehungen trotz der Wunden der Vergangenheit, sie lindern Not, sie kämpfen jeden Tag gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung. Nicht erst seit dem 24. Februar standen besonders unsere Freiwilligen im Internationalen Programm in Deutschland, an dem neben Ukrainer*innen auch Russin*innen und Belarus*innen teilnehmen, unter großen Belastungen. Viele gingen durch schmerzhafte Auseinandersetzungen, die auch in diesem Heft nachzulesen sind. Die Fähigkeit der Reflexion und der Neuausrichtung der Haltungen unserer Freiwilligen, aber auch ihr großes humanitäres Engagement beeindrucken mich tief, das gibt uns Hoffnung.

Dr. Gianna Magdalena Schlichte arbeitet als Juristin bei der Bremischen Bürgerschaft. Zuvor war sie an Internationalen Strafgerichtshöfen tätig. 2022 wurde sie in den ASF-Vorstand gewählt.

Dr. Jakob Stürmann ist am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow tätig. Er war 2004/2005 ASF-Freiwilliger in Simferopol und ist stellvertretender ASF-Vorsitzender.

Jutta Weduwen, Soziologin und Geschäftsführerin von ASF.

Matteo Schürenberg leitet seit September 2022 die Öffentlichkeitsarbeit bei ASF.

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