Zum 80. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf Griechenland

Von Iason Chandrinos

Dem Unternehmen Marita – der Invasion Nazi-Deutschlands in Griechenland und Jugoslawien am 6. April 1941 – ging ein anderer Überfall voraus. Am 28. Oktober 1940 griff die italienische Armee von Albanien aus Griechenland an. Zum Erstaunen der ganzen Welt wurden die Italiener bei ihrem Vormarsch nicht nur aufgehalten, sondern weit nach Albanien zurückgedrängt. Die griechische Unterlegenheit an Waffen und Anzahl der Soldaten macht ihren Widerstand retrospektiv noch eindrucksvoller und sorgt immer noch für eine nationale Selbstbewunderung, die sich in der Tatsache am deutlichsten manifestiert, dass der Tag des italienischen Überfalls am 28. Oktober der zweitgrößte griechische Nationalfeiertag ist. Der Angriff diente den imperialistischen Planungen des italienischen Diktators Benito Mussolinis und wurde von Adolf Hitler weder militärisch noch politisch unterstützt, was zu einem ersten Bruch zwischen den beiden Achsenpartnern führen sollte.

 Der Eroberung Griechenlands lagen für die deutsche Seite keine konkreten strategischen Zielsetzungen zugrunde. Hitler selbst benannte als Ziel des Balkanfeldzugs bloß die »Vertreibung der Engländer« vom Kontinent. Auch der aktive Teil des deutschen Eingreifens, nämlich die Sicherstellung wehrwichtiger Positionen, zum Beispiel auf Kreta, wurde erst nach dem Ende der Kampfhandlungen zur Rechtfertigung beziehungsweise Begründung einer mutmaßlichen Strategie in Anspruch genommen. Griechenland war seit 1936 einem rechtsextremistischen diktatorischen Regime unterworfen. Der »kalte Staatsstreich« vom 4. August 1936 hatte General Ioannis Metaxas an die Macht gebracht, der anstrebte, eine faschistische oder faschistoide Diktatur nach dem Muster Deutschlands und Italiens zu errichten, ohne jedoch die traditionellerweise auf Großbritannien ausgerichtete Außenpolitik seines Landes infrage zu stellen. Obwohl die Griechen ihre Neutralität verkündeten, um zu vermeiden, Deutschland zu provozieren, waren die geopolitischen Verbindlichkeiten für alle eindeutig. Ein Referent des deutschen Auswärtigen Amtes kommentierte 1938 diesbezüglich, dass »Griechenland sich im Fall eines europäischen Konflikts nicht lange würde neutral halten können. Die großen Seemächte im Mittelmeer würden alsbald einen Druck auf das kleine Land zur Aufgabe der Neutralität oder wenigstens zur Hergabe von einzelnen Plätzen ausüben, dem Griechenland sich nicht so lange wie damals würde widersetzen können«. Der letzte Satz bezog sich auf die noch frischen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, als das Land wegen unterschiedlicher Meinungen über die Ausrichtung der Außenpolitik (als Ethnikos Dichasmos bekannt) tief gespalten war.

Im März 1941 trat Bulgarien dem Dreimächtepakt bei und nahezu gleichzeitig rückten deutsche Truppen in Bulgarien ein, um sich für den Überfall auf Griechenland vorzubereiten. Am 6. April begann die deutsche Offensive. Trotz eines zum Teil hartnäckigen Widerstands im Raum Ostmazedonien, an der befestigten »Metaxas-Linie«, wurde die griechische Verteidigungslinie durchbrochen und somit der Weg auf Thessaloniki und weiter auf Athen eingeschlagen. Athen – mittlerweile zur »offenen Stadt« erklärt – wurde am 27. April erobert. Mittlerweile hatten die erschöpften griechischen Soldaten an der Epirusfront vor den deutschen Einheiten kapituliert. Am 20. April wurde ein Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Kommandeur des III. Armeekorps, Generalleutnant Georgios Tsolakoglou, und dem Kommandeur der Leibstandarte SS Adolf Hitler, Josef »Sepp« Dietrich, unterzeichnet. Dietrich war einer der engsten Freunde Hitlers und Kommandeur der SS, als diese noch eine paramilitärische Randgruppe in der Weimarer Republik war und als persönliche Leibstandarte des »Führers« diente.

Die Bedingungen des Waffenstillstands waren großzügig. Zur Empörung der ebenso von ihren Achsenpartnern verachteten Italiener mussten laut der Abmachung alle griechischen Soldaten und Offiziere nach ihrer Entwaffnung ausnahmslos freigelassen werden, was in keinem anderen besiegten Land der Fall war. Die Entscheidung wurde durch einen »Führerbefehl« bestätigt. In seiner Siegesrede vor dem Reichstag am 4. Mai 1941 erklärte der »Führer« unter anderem: »Das griechische Volk hat so tapfer gekämpft, daß ihm auch die Achtung seiner Feinde nicht versagt werden kann«, und er ergänzte, dass er, als Deutscher, »eine tiefste Verehrung für die Kultur und Kunst eines Landes besaß, von dem einst das erste Licht menschlicher Schönheit und Würde ausging«. Diese persönliche Stellungnahme, die eine gewisse »Rassenverwandschaft« zwischen Deutschen und Griechen andeutete, ergänzte er mehrfach, indem er versicherte, die Wehrmacht sei nicht als Feind nach Griechenland gekommen.

Diese Parolen erwiesen sich sehr bald als leere Floskeln. Der deutschgriechische Historiker Hagen Fleischer hat die Bilanz der Jahre 1941 bis 1944 für Griechenland in der Feststellung zusammengefasst, dass die deutsche Okkupation in Griechenland mehr Opfer als in allen anderen nicht-slawischen Ländern Europas gefordert habe. Eine wesentliche Opferkategorie stellen die Hungertoten dar, die während des ersten Besatzungswinters (1941-42) schätzungsweise auf zwischen 40.000 und 100.000 beziffert werden. Knapp 60.000 griechische Juden wurden ab März 1943 deportiert und wurden in deutschen Vernichtungslagern ermordet. Von annähernd 800 Dörfern und Kleinstädten blieben zufolge einer rigorosen »Sühnepolitik« im Rahmen der Widerstandsbekämpfung fast nur Ruinen zurück. Mindestens 30.000 Zivilisten wurden dabei hingerichtet oder ermordet. Das Land erlebte eine beinahe vollständige Vernichtung seiner Infrastruktur infolge einer systematischen beziehungsweise formell vorangetriebenen Ausplünderung natürlicher Ressourcen und des Staatsvermögens, während beim Abzug der Wehrmacht schließlich noch die letzten verbliebenen Reste systematisch zerstört wurden. Die meisten Eisenbahnbrücken wurden gesprengt, weit über 80 Prozent des rollenden Materials wurden ruiniert oder mitgenommen, 73 Prozent der Handelstonnage wurden versenkt, fast 200.000 Häuser wurden total oder zum Teil zerstört.

Schwerwiegend waren die Folgen im politischen Feld. Gerade wegen ihrer Grausamkeit stellte die Okkupation einen politischen und sozialen Umbruch dar. Dieser Umbruch kulminierte in einem blutigen Bürgerkrieg (1946 – 1949), im Zuge dessen die linken EAM-ELAS-Widerstandskämpfer dem bürgerlichen Lager – mit Dominanz der extremen Flügel – gegenüberstanden. Die end - gültige Niederlage der Linken revidierte auch die offizielle Erinnerung der Besatzungszeit, indem die Kommunisten nicht mehr als Protagonisten des Widerstands anerkannt wurden, sondern zu Verrätern der Nation erklärt wurden. Diese Umkehrung belastete das politische Leben bis zur Wiederherstellung der Demokratie 1974. Die Erblast der Besatzungszeit bestimmte die deutsch-griechischen Beziehungen über mehrere Jahrzehnte und beeinträchtigt diese weiterhin. Nicht zuletzt aufgrund dieser Verdrängung bleibt die Besatzung im kollektiven Gedächtnis der Griechen immer noch tief eingebrannt und wird bis heute als Wendepunkt der Geschichte betrachtet. Obendrein werden die Erinnerungen an die Jahre 1941 bis 1944 zur Legitimierung politischer Thesen instrumentalisiert, wobei einige so weit gehen zu behaupten, dass alle strukturellen beziehungsweise innenpolitischen Defizite des heutigen Griechenlands direkt auf die Erfahrungen und Folgen der Kriegsjahrzehnte zurückzuführen seien.

  • Gefördert vom:
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •