Der deutsche Angriffskrieg auf die Sowjetunion und die Diversifizierungsprozesse in der Erinnerungspolitik

Von Jakob Stürmann

Vor 80 Jahren, am 22. Juni 1941, begann der gnadenlose Angriffskrieg der Deutschen auf die Sowjetunion, der ungefähr 27 Millionen Sowjetbürger*innen das Leben kostete – ein ungeheures Menschheitsverbrechen, das bis heute in allen hiervon betroffenen Nachfolgestaaten nachwirkt. Die Form der Erinnerung hat sich im Lauf der Zeit verändert und ist diverser geworden: Erinnert wird nicht mehr fast ausschließlich an ein sowjetisches Heldentum, sondern auch an Opfergruppen aus der Zivilbevölkerung. Nationen, dessen Vorfahren vor 80 Jahren in der Sowjetunion beheimatet waren und gemeinsam gegen den Nationalsozialismus kämpften, leben heute in unterschiedlichen Nationalstaaten, einige davon befinden sich gar in militärischen Auseinandersetzungen zueinander. Auch diese politischen Entwicklungen beeinflussen die erinnerungspolitische Ausrichtung der Nationalstaaten.

Diese Diversifizierung der Erinnerung stellt die deutsche erinnerungspolitische Verantwortung vor eine Herausforderung. Die Verantwortung für die Gräueltaten des Angriffskrieges und seiner Folgen gilt heute einer Vielzahl von Ländern: besonders der Russländischen Föderation, Israel, Polen, der Ukraine, Belarus, Litauen, Lettland und Estland. Es ist herausfordernd, dieser diversifizierten nationalen Erinnerungslandschaft zu begegnen, da sie unterschiedlich nuanciert und in Teilen auch widersprüchlich ist. Vor diesem Hintergrund bedarf die erinnerungspolitische Verantwortung dreier Grundsätze: historische Faktenkenntnis, Multiperspektivität und Akzeptanz von Differenzen. Wichtig zu verstehen ist, dass zentrale erinnerungspolitische Widersprüche in Osteuropa größtenteils in den historischen Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts begründet sind. Im westlichen Europa werden diese aber oftmals in ihrer Komplexität nicht wahrgenommen, weswegen sie im Folgenden skizziert werden.

Die Sowjetunion als Befreier und Besatzer

In der Sowjetunion, der heutigen Russländischen Föderation und Belarus existiert(e) eine sprachliche Unterscheidung zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Großen Vaterländischen Krieg. Erster begann am 1. September 1939 mit dem Überfall Deutschlands auf Polen, zweiter am 22. Juni 1941 mit demdeutschen Angriffskrieg auf die Sowjetunion. Der im russischsprachigen Raum weit verbreitete Begriff des Großen Vaterländischen Krieges hat – so heroisch er heutzutage klingen mag – eine Berechtigung. Er verweist auf die Millionen Todesopfer der Sowjetunion, darauf, dass die deutschen Besatzer der sowjetischen Zivilbevölkerung unvorstellbares Leid zufügten und dass das Ziel des Angriffs von Beginn an in der Zerstörung des Staates lag.

Diese Begriffsunterscheidung führt in den genannten Ländern zu einer Fokussierung auf die Zeit ab Juni 1941 und verschleiert den Blick auf die Situation zwischen 1939 und 1941. Im August 1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt: ein Nichtangriffspakt der militärischen Großmächte, in dem diese in einem geheimen Zusatzprotokoll das Territorium zwischen ihren Ländern untereinander aufteilten. So erlebte die Zweite Polnische Republik zuerst einen deutschen Angriffskrieg aus dem Westen, wenige Wochen später folgte aus dem Osten die Besetzung des übrigen Staatsgebietes durch die Sowjetunion. Dieser Teil Polens wurde anschließend gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert, was eine voll - ständige wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Umwälzung zur Folge hatte. Sie ging einher mit staatlichem Terror sowie der Verhaftung und Vernichtung großer Teile der polnischen Elite aus Militär, Politik und Gesellschaft.

Mitnichten ist die sowjetische Okkupation Polens vergleichbar mit der barbarischen Vernichtungspolitik, die von der deutschen Wehrmacht, der SS und den Besatzungsbehörden im östlichen Teil Polens ausging. Sie zeigt jedoch die Schwierigkeit, vor dem Polen erinnerungspolitisch steht. Im Verlaufe des Krieges befreite die Sowjetunion das östliche Europa vom nationalsozialistischen Deutschland und seiner mörderischen Rassenideologie. Zugleich drückten die Befreier den Befreiten ihre Staatsdoktrin auf, sie verfolgten die nationalen Eliten. Der Befreier war zugleich Besatzer und das gleich zwei Mal: vor und nach dem Großen Vaterländischen Krieg.

Deutsche Kriegsverbrechen in einem multiethnischen Staat

Die Sowjetunion war ein multiethnischer Staat. Anders als in Westeuropa hatten sich im östlichen Europa zwar ebenfalls Nationalbewegungen gebildet, vielen von ihnen gelang aber nicht die Gründung von souveränen Nationalstaaten. Stattdessen wurden sie in die Staatsstruktur der Sowjetunion eingegliedert. Die sowjetische Staatsdoktrin sah vor, dass unterschiedliche Nationen wie Ukrainer, Georgier, Russen, Juden und die Völker des Kaukasus friedlich zusammenleben und gemeinsam eine neue Gesellschaft aufbauen sollten. Dabei bestand eine Unterscheidung zwischen der jeweiligen staatlichen und der nationalen Zugehörigkeit eines jeden Bürgers. Unter der Herrschaft Stalins wurden die Rechte der nationalen Minderheiten zwar stark beschnitten und durch staatlichen Terror ad absurdum geführt. Das Selbstverständnis einer multiethnischen Staatengemeinschaft überlebte dennoch und bestand auch in der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg fort.

Die verheerende nationalsozialistische Rassenlehre nahm diese innerstaatlichen Differenzen nur bedingt wahr. Nach ihr wurde die jüdische Bevölkerung als eine nicht lebenswerte »Rasse« betrachtet. Eine Differenzierung zwischen der slawischen Bevölkerung fand kaum statt. Nur kurzzeitig wurde versucht, innersowjetische Nationalbewegungen wie die ukrainische gegen die Sowjetmacht und die jüdische Bevölkerung auszuspielen. Mit Beginn des Krieges, als die deutsche Armee in wenigen Monaten bis kurz vor die bedeutenden Städte Leningrad, Moskau und Stalingrad vorrückte, begann hinter der Frontlinie das unmenschliche Leid: Die jüdische Bevölkerung wurde zu einem großen Teil sofort erschossen, was in der historischen Forschung als »Holocaust by bullets« bezeichnet wird. Beispielhaft für diese Verbrechen stehen Orte wie die Schlucht von Babyn Jar bei Kiew und das Vernichtungslager Maly Trostenez bei Minsk, in denen jeweils mehrere zehntausend Jüdinnen und Juden in kürzester Zeit ermordet und verscharrt wurden. Die überlebende jüdische Bevölkerung wurde gettoisiert und in Konzentrationslager verschleppt. Auch dort wurde die Mehrzahl der Menschen entweder sofort oder im Zuge von Zwangsarbeit ermordet.

Deutsche Besatzer unterjochten die slawische Bevölkerung bei Unterernährung und zwangen sie zur Arbeit. Millionen Männer und Frauen wurden aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppt, wo sie in der Landwirtschaft oder in Betrieben Zwangsarbeit verrichten mussten. Dies waren Einsatzorte, an denen Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden, da Millionen deutsche Männer als Soldaten an der Front kämpften. Der »Generalplan Ost« sah vor, dass nach einem Sieg deutsche Siedlungen und landwirtschaftliche Betriebe in Osteuropa entstehen und die bisherige Bevölkerung vertrieben und ermordet werden sollte. Im Verlauf ihres Rückzuges und einer drohenden Niederlage wendete die deutsche Wehrmacht in den letzten Monaten der Besatzung eine Politik der »verbrannten Erde« an. Wahllos brannten die deutschen Soldaten Dörfer nieder und ermordeten Menschen.

Für heutige erinnerungspolitische Differenzen zwischen osteuropäischen Staaten hat der Ort des Geschehens eine große Bedeutung. Schaut man sich den Kriegsverlauf auf einer heutigen politischen Landkarte Europas an, fällt auf, dass Deutschland und ihre Verbündeten die Territorien von Moldawien, den baltischen Staaten, Belarus und der Ukraine besetzten. Ebenso regierten sie über den Westteil der heutigen Russländischen Föderation und einen nördlichen Zipfel Georgiens. Unbestritten ist zwar, dass die Russländische Föderation als Nachfolgestaat der Sowjetunion auch Nachfolgestaat des von den Nationalsozialisten angegriffenen Landes ist. Der Großteil des national - sozialistischen Terrors spielte sich jedoch auf Territorien ab, die heute zu anderen Nationalstaaten gehören.

Erinnerungspolitische Differenzen in Osteuropa

Die gesamte durch die Nationalsozialisten unterjochte sowjetische Zivilbevölkerung litt unter der Besatzung, wiewohl es Unterschiede im Umgang mit der multiethnischen Bevölkerung gab. Nach dem Weltkrieg wurden diese Unterschiede von der Sowjetunion negiert und ein nationales Gedenken weitestgehend unterbunden. An Orten wie Babyn Jar durfte nicht explizit an die mehreren zehntausend ermordeten Juden gedacht werden, sondern ausschließlich an dort ermordete »friedliche sowjetische Bürger«. Das Schicksal der nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter*innen wurde in Gänze verschwiegen. Sie galten der sowjetischen Führung als Verräter*innen, die für den Feind gearbeitet hatten.

Die verschiedenen nationalen Wahrnehmungen auf den Zweiten Weltkrieg traten besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes zum Vorschein. Staaten wie die Ukraine, Polen und Belarus entwickel(te)n jeweils eine eigene erinnerungspolitische Ausrichtung. Beispielsweise bekam die Erinnerung an die Verschleppung zur Zwangsarbeit eine besondere Bedeutung in der Ukraine, da diese mehrheitlich aus dem ukrainischen Territorium entstammten. Belarus gedenkt besonders dem Kampf der Partisan*innen und den zahlreichen in ihrem Staatsgebiet durch die Nationalsozialisten niedergebrannten Dörfer. Die Bevölkerung des kleinen Landes zwischen Polen und der Russländischen Föderation wurde von der deutschen Besatzung besonders hart getroffen: Geschätzt wird, dass mindestens jeder vierte Mensch während des Krieges ermordet wurde. Die jüdische Opferperspektive ist heute nur noch schwach in den osteuropäischen Staaten selbst zu vernehmen, obwohl sie ein notwendiger Teil der Erinnerung bleibt, da die meisten im Holocaust ermordeten Jüdinnen und Juden aus Ostmittel- und Osteuropa kamen; allein drei Millionen von ihnen waren polnische, mehr als eine Millionen sowjetische Staatsbürger*innen. Oftmals tragen der Staat Israel oder internationale jüdische Verbände die jüdische Opferperspektive in die Debatte hinein.

Ein sichtbarer Riss, der die osteuropäische Erinnerungslandschaft prägt, lässt sich beispielhaft am Gedenken ans Ende des Krieges aufzeigen. Die Nationen, die an ein an der Sowjetunion angelehntes heroisches Gedenken anknüpfen, feiern den 9. Mai als »Tag des Sieges« der Sowjetunion. Dagegen orientieren sich die Länder, in denen ebenfalls an die staatlichen Gräueltaten der Sowjetunion gedacht wird, mehr an westeuropäischen Erinnerungsdiskursen. Hierbei wird stärker den Opfern des Krieges gedacht und der Gedenktag zum Kriegsende ist der 8. Mai. Da die Sowjetunion ihre politische Hemisphäre über die Länder des Warschauer Paktes ausbreitete, wird dieser Tag in ost europäischen Ländern aber oftmals nicht wie in Deutschland als Tag der Befreiung wahrgenommen. Historisch betrachtet stimmen beide Gedenktage: Die deutsche Kapitulation erfolgte am späten Abend des 8. Mai in Berlin, aufgrund der Zeitverschiebung war bereits der neue Tag in Moskau angebrochen.

Historische Verantwortung der deutschen Gesellschaft

Die Gräuel, die im Namen Deutschlands in Osteuropa verübt wurden, wirken auch in Deutschland nach. Millionen Soldaten der deutschen Wehrmacht waren an der Ostfront an den Gräueltaten beteiligt und Firmen wie Ministerien in die Verbrechen verstrickt. Es dauerte lange, bis sich die deutsche Gesellschaft hiermit auseinandersetzte. Der Jurist Lothar Kreyssig war einer der ersten, der in Deutschland dazu aufrief, für die nationalsozialistischen Verbrechen Sühne zu leisten. 1958 verlas er auf einer evangelischen Synode in Berlin den Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen mit folgender Bitte:

»Wir Deutschen haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und schon damit mehr als andere unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet […]. Lasst uns mit Polen, Russland und Israel beginnen, denen wir wohl am meisten wehgetan haben. […] Wir bitten die Regierungen Polens, der UdSSR und Israels, den Dienst – wie viele sich immer dazu bereit finden möchten – nicht als eine irgendwie beträchtliche Hilfe oder Wiedergutmachung, aber als Bitte um Vergebung und Frieden anzunehmen und zu helfen, dass der Dienst zustande kommt.«

Seit mehr als 60 Jahren besteht der Grundgedanke der Freiwilligendienste der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) darin, die Verbrechen des Nationalsozialismus wachzuhalten und die nachfolgenden Generationen im Handeln darüber zu informieren. Heute stehen Wissen, Verständigung und Begegnung im Zentrum der Freiwilligendienste. Junge Menschen gehen für ein Jahr in ein Land, das im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland kämpfte. Sie arbeiten dort in sozialen Projekten, in Gedenkstätten oder helfen Über - lebenden des Zweiten Weltkrieges im Alltag. Durch persönliche Begegnungen werden die Freiwilligen mit Geschichte als auch gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen des Landes konfrontiert. Sie beginnen, andere nationale Erinnerungsdiskurse zu verstehen und müssen sich zu diesen verhalten. Einige fangen an, über ihre eigene Familiengeschichte zu recherchieren. Viele Freiwillige lernen im Ausland Menschen kennen, mit denen sie noch Jahrzehnte später eng verbunden sind.

Kreyssigs Wunsch, Freiwillige in die Sowjetunion zu schicken, konnte aufgrund des Kalten Krieges lange nicht in der erbetenen Form umgesetzt werden. Erst in den vergangenen drei Jahrzehnten war es möglich, Freiwillige für längere Zeit in die Russländische Föderation, nach Belarus und in die Ukraine zu schicken. Umgekehrt kommen nun ebenfalls junge Menschen aus diesen Ländern für einen Freiwilligendienst nach Deutschland. Der Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion begann vor 80 Jahren, doch die Freiwilligen merken vor Ort sehr schnell, dass dieser bis heute spürbare Auswirkungen hat: sowohl auf individuelle Lebensgeschichten, auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, was besonders in Form von Erinnerungsorten und Gedenktagen sichtbar wird, als auch auf die Ebene der internationalen Diplomatie. Dies während eines Freiwilligendienstes in Form von Begegnungen zu erleben, hilft uns zu verstehen, dass die deutsche Gesellschaft noch immer eine historische Verantwortung gegenüber Osteuropa trägt. In den verschiedenen Ländern ist diese aber unterschiedlich nuanciert und steht in Teilen auch im Widerspruch zueinander.

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