Der Jüdische Kulturbund in Deutschland - "Den Abgrund sehen und dennoch spielen"

»Achthundert Augenpaare sind auf die Bühne gerichtet. Die Scheinwerfer beleuchten ein von Vorhängen begrenztes Halbrund, mit zwei stilisierten Bäumen als Dekorationsstück eine Landschaft andeutend. … Der Verkleidungsakt des ›Wintermärchens‹ hat gerade eine Welle des Lachens ausgelöst, und nun ist Autolycus allein auf der Szene, ein echter Shakespearescher Schelm und Gauner, mit spitzer Zunge und langen Fingern und einer gehörigen Portion Lebensklugheit … spricht er, wie der Text es vorschreibt: ›Ich sehe, dies ist eine Zeit, in der Unrecht gedeiht.‹«2

Es ist der Februar 1939. In einer Loge machen zwei Männer eifrig Notizen – Beamte der Gestapo. – Am 11. September 1941 ordnete die Gestapo die Auf - lösung des Jüdischen Kulturbundes in Deutschland an. – Seit dem 1. September jenes Jahres galt im Deutschen Reich Kennzeichnungspflicht für Juden. Die noch verbliebenen Mitglieder des Kulturbundes wurden der Zwangsarbeit zugewiesen, am Ende deportiert, ermordet.

Begonnen hatte die Geschichte des Jüdischen Kulturbundes knapp neun Jahre zuvor, im Frühjahr 1933. Der Leiter des Berliner Ärztechores Dr. Kurt Singer (Foto S. 60, rechts unten), stellvertretender Intendant der Städtischen Oper in Berlin – bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 1933, hatte die Idee zur Gründung dieses Kulturbundes. Den aus künstlerischen und geistigen Berufen vertriebenen Männern und Frauen sollten mit dieser Kulturorganisation eine neue Existenzmöglichkeit geschaffen werden und dem jüdischen Publikum eine Alternative zu den bald nicht mehr möglichen Besuchen staatlicher Bühnen.

Die Nazibehörden gaben im Sommer 1933 zögernd ihre Einwilligung zur Gründung des »Kulturbundes Deutscher Juden«, der sich 1935 in »Jüdischer Kulturbund« umbenennen musste, da es »deutsche Juden« nicht mehr geben durfte. Aber er konnte von den Nazis für propagandistische Zwecke missbraucht werden, um das Ausmaß der Diffamierungs-, Entrechtungs- und Verfolgungsmaßnahmen zu verschleiern. Und dem für die Überwachung und Zensur des Kulturbundes zuständigen Staatskommissar im Reichs - propaganda ministerium, SS-Oberführer Hans Hinkel, diente der Kulturbund zum Ausbau seiner Position im NS-Machtapparat.

Am 1. Oktober 1933 wurde die Spielzeit des Kulturbundes eröffnet mit Lessings »Nathan der Weise«. Auf staatlichen Bühnen durfte der »Nathan« nicht mehr gespielt werden. Die Juden entwickelten mit dem Kulturbund ein Zentrum geistigen Widerstandes. Solange sie konnten, spielten sie Goethe und Lessing, Ibsen, Shakespeare und Molière, Beethoven und Mozart, Haydn und Händel. Und nichtjüdische (Theater-)Freunde erwiesen ihre Solidarität, trotz Verbots »von oben« besuchten sie die Aufführung. Auch nach dem Novemberpogrom fanden viele jüdische Familien »Ablenkung und Erhebung« durch die Darbietungen des Kulturbundes.

Verordnungen und Verbote durch NS-Behörden machten den Jüdischen Kulturbund zunehmend zu einem Gefängnis mit hohen Mauern und am Ende zu einem effektiven »Erfassungsinstrument«. Der ausländischen Presse konnten Berichte über die künstlerische Arbeit von Jüdinnen und Juden im NS-Staat den Blick verstellen für dieses NS-Täuschungsmanöver. Jüdischen Familien, denen es nicht gelang, aus Deutschland zu entkommen, bedeuteten Theater- und Opernaufführungen, Konzerte, Vorträge, Kinder- und Jugendtheater, Kunst, Kino und Kabarett vorübergehend, kurzzeitig Ablenkung, Hoffnung, Trost.

Nach der ersten Spielzeit am 1. Oktober 1933 im »Berliner Theater« in der Charlottenstraße mit »Nathan der Weise« folgten im Theater Shakespeares »Othello, auf der Opernbühne«, »Figaros Hochzeit« (Mozart), »Hoffmanns Erzählungen« (Offenbach).

Neben der künstlerischen Arbeit sahen sich die Kulturbund-Mitarbeiter*innen mit vielen anderen Selbsthilfe-Projekten gefordert: die Beschaffung von Finanzmitteln, vor allem für die zunehmend schwieriger zu erlangenden Ausreisepapiere der Emigrant*innen, für die »Jüdische Winterhilfe« – immer mehr Familien mussten mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt werden, oft wenigstens mit einer täglichen warmen Mahlzeit. Beamte wurden »bestochen«, gegen entsprechende Bezahlung waren manche bereit, jüdische Häftlinge von den KZ-Deportationslisten zu streichen.

Nach den Novemberpogromen 1938, dem staatlich organisierten Terror der »Reichskristallnacht«, musste der Kulturbund weiter Theater spielen …

Paula Lindberg-Salomon, Sängerin im Kulturbund erinnerte sich: »Wann hat man eigentlich geschlafen? Gar nicht! Und das konnte man nur durchhalten, weil man dachte, übermorgen ist es vorbei.« …

Die letzten »Zwangsvorstellungen« des Kulturbundes fanden im Herbst 1941 statt. Als die Vertreter von Regierung und Partei ab Sommer 1941 nicht mehr nur die Vertreibung der Juden aus Deutschland verfolgten, sondern den Mord am europäischen Judentum planten, benötigten sie den Kulturbund als effizientes Mittel zur Überwachung und »Erfassung« nicht länger. Am 11. September 1941 ordnete die Gestapo die Auflösung des Kulturbunds an. Die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden der Zwangsarbeit zugewiesen und – am Ende in die Vernichtungslager deportiert – der Jude wird verbrannt!1

»Wenn man heute auf jene Zeit zurückblickt«, schrieb der Autor und Publizist Herbert Freeden, »so waren die acht Jahre des Kulturbundes ›ein Tanz auf dem Vulkan‹ … den Abgrund sehen und dennoch spielen … wissen und dennoch tun. Gegen das Regime auftreten konnten seine Menschen nicht; aber dass sie trotz seiner spielten, das war das Große.«    

 

1 - Akademie der Künste Berlin: Geschlossene Vorstellung. Der Jüdische Kulturbund in Deutschland

1933 – 1941 / 27. Januar bis 26. April 1992 / in: MuseumsJournal, Berlin 1992, S. 66 f.

2 - Den Abgrund sehen und dennoch spielen / Ein Kapitel deutsch-jüdischer Kulturgeschichte, in:

Jüdische Lebenswelten. Jüdisches Denken und Glauben, Leben und Arbeiten in den Kulturen

der Welt. Berlin, 12. Januar – 26. April 1992 / Programm. Journal, S. 46. f.

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