Deutsche Juden: »Keiner will sie« - Zur Konferenz von Évian vor 82 Jahren

Von Claus Leggewie

Wer nimmt die deutschen Juden auf? Vor 82 Jahren traf sich die westliche Staatenwelt in Évian, um diese Frage zu klären.

Spätestens seit dem Frühjahr ließ sich das Problem nicht mehr ignorieren. Die Zahl der Geflüchteten stieg, und es stand zu befürchten, dass sie weiter steigen würde. Eine internationale Zusammenkunft sollte Abhilfe schaffen. Die Wahl fiel auf den beschaulichen Ort Évian-les-Bains am Genfer See: Im etwas oberhalb gelegenen Hotel Royal kamen im Sommer Delegierte aus 32 vor allem westlichen Staaten zusammen. Die Konferenz begann unter großer Anteilnahme am 6. Juli 1938. Die Flüchtlinge, über die man sprechen wollte, waren die vom NS-Regime verfolgten Juden. Zehn Tage später stand fest: So gut wie kein Land wird seine Grenzen öffnen.

82 Jahre später sind weltweit rund 80 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Terror, vor Armut und Unwetter, vor Diskriminierung und Unterdrückung. Die reichen und freien Länder zeigen ihnen die kalte Schulter, Europa und die USA schotten sich ab.

Als die Welt die Juden verriet lautet der Titel einer 2018 erschienenen Darstellung des Évian-Dramas. Deren Autor Jochen Thies zieht eine direkte Parallele zum aktuellen Unwillen der westlichen Gesellschaften, Schutzsuchende aufzunehmen. Aber trifft diese Analogie zu?

Die Lage der heutigen Geflüchteten unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von derjenigen der rund 540.000 Juden, die Mitte 1938 noch in Nazi-Deutschland lebten. Zudem konnte – so offensichtlich es war, dass die jüdischen Deutschen Repressionen ausgesetzt waren – noch niemand ahnen, dass die Verfolgung in jenem Menschheitsverbrechen enden würde, das wir heute Holocaust nennen. Der Évian-Konferenz aus der Sicht der Beteiligten gerecht zu werden und sie zugleich im Licht der späteren Entwicklung zu betrachten ist daher eine gedankliche Herausforderung.

Seit 1933 hatte sich die Lage der Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich stetig verschlechtert. Das NS-Regime verhängte Berufsverbote, entfernte Juden aus dem Staatsdienst. Geschäfte wurden boykottiert und Besitz »arisiert«. Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 beraubten die Juden, die aus dem öffentlichen Leben schon weitgehend verbannt waren, ihrer Bürgerrechte. Damit entfiel auch das »Frontkämpferprivileg« für die rund 100.000 Jüdinnen und Juden, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben für das Deutsche Reich riskiert hatten. Während Zigtausende den Weg ins Exil gewählt hatten, hing die Mehrheit der Juden am Vaterland und wollte nicht wahrhaben, dass sich niemand schützend vor sie stellen würde.

Der »Anschluss« Österreichs im März 1938 führte schlagartig vor Augen, wie fatal die Situation war. Juden wurden auf der Straße verprügelt. In Wien zwang man sie, mit Zahnbürsten das Straßenpflaster zu putzen. Was sich im Deutschen Reich über Monate und Jahre vollzogen hatte, dauerte hier wenige Tage. Es musste etwas geschehen – aber was?

Zusätzlich zu den rund 200 Delegierten reisten zahlreiche Beobachter*innen ins französische Évian, darunter Vertreter*innen jüdischer Hilfsorganisationen. Ausrichter der Zusammenkunft sollte zunächst die Schweiz sein, deren Regierung den in Genf ansässigen Völkerbund-Organisationen aber keine Konkurrenz machen und vor allem den übermächtigen deutschen Nachbarn nicht verstimmen wollte. So entschied man sich für das französische Seeufer, die Einladung sprach US-Präsident Franklin D. Roosevelt aus.

Roosevelt wusste, dass die europäischen Jüdinnen und Juden, diese »unglückseligen Menschen«, in Gefahr waren. Als rettenden Hafen wollten sich die USA jedoch nicht anbieten. Die Kontingente für Deutsche und Österreicher blieben auf jährlich 27.370 Personen beschränkt; an eine Aufstockung war angesichts der infolge der Weltwirtschaftskrise hohen Arbeitslosigkeit nicht zu denken. Die bedrohten Jüdinnen und Juden sollten vielmehr gleichmäßig verteilt werden – ohne einzelnen Nationen eine Erhöhung ihrer Kontingente abzuverlangen. Roosevelt zählte »14 oder 16 Millionen Juden auf der Welt«. Die Hälfte von ihnen lebe in den USA. »Wenn wir die übrigen in acht oder zehn Gruppen aufteilen könnten«, kalkulierte er, »würde es in drei bis vier Generationen keine Judenfrage mehr geben.«

Dem Präsidenten schwebte eine privat-öffentliche Anstrengung der demokratischen Gesellschaften vor. Eine neu zu schaffende internationale Kommission sollte mit dem Deutschen Reich die Ausreise von Jüdinnen und Juden regeln – und die Nazis davon überzeugen, den Emigranten ihr Eigentum zu belassen. Dies, hoffte man, würde die Aufnahmebereitschaft der Zufluchtsländer erhöhen. So hatte sich die von den Nationalsozialisten später auf eine »Endlösung« hin radikalisierte »Judenfrage« gewissermaßen objektiviert: Man musste sie lösen, nur anders als die Nazis.

»Eine erschütternde Erfahrung«

Die Chancen standen schlecht. Die Rezession heizte rund um den Globus die Fremdenfeindlichkeit an, was die Juden als Paria-Volk am meisten traf. Statt die Grenzen zu öffnen, wollte man sie vielerorts hochziehen – nicht zuletzt gegen den womöglich zu erwartenden Exodus ärmerer Jüdinnen und Juden aus Osteuropa.

Damit nahm die Konferenz die Reaktion der osteuropäischen Staaten vorweg, die in Évian nicht vertreten waren, in denen aber »die andere Hälfte« der Juden – damals rund 4,5 Millionen – lebte, vor allem in Polen. Dort grassierte (man darf es dort heute kaum ungestraft äußern) ein ungezügelter Antisemitismus. Ende März 1938 hatte die Regierung die Aufhebung der Staatsangehörigkeit für alle verfügt, die sich länger als fünf Jahre außerhalb des Landes aufhielten. Das richtete sich gegen die Rückkehr polnischer Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich und machte sie zu Staatenlosen. In Ungarn erhöhte die antisemitische Pfeilkreuzler-Bewegung den Druck, in Rumänien die National- Christliche Partei, in ganz Ostmitteleuropa kam es zu Boykotts und Pogromen.

Die Verhandlungsführer der »großen Drei«, Myron C. Taylor für die USA, Lord Winterton für Großbritannien und Henry Bérenger für Frankreich, spielten auf Zeit. Frankreich drohe »die Selbstzerstörung auf dem Altar der Nachbarschaftsliebe«, kommentierte die katholische Zeitung La Croix. Großbritannien wollte die jüdisch-arabischen Konflikte in seinem Mandatsgebiet Palästina nicht noch verschärfen, wo bereits 1933 rund 200.000 Jüdinnen und Juden lebten. »Das Vereinigte Königreich«, stellte Lord Winterton kategorisch fest, »ist kein Einwanderungsland.«

Die in Évian vertretenen britischen Dominions Kanada und Australien bewegten sich in dem tagelangen Pokerspiel ebenso wenig wie die meisten süd- und mittelamerikanischen Staaten. »Man wird zweifellos verstehen«, sagte der australische Delegierte, »dass wir, die wir kein wirkliches Rassenproblem haben, auch nicht wünschen, ein solches bei uns einzuführen.« Einzig Virgilio Trujillo Molina, der Bruder des Diktators der Dominikanischen Republik, machte ein vergiftetes Angebot: Er wollte »weiße« Einwanderer und Einwanderinnen aufnehmen, um die »Rassenbilanz« des Karibikstaates zu verbessern.

Es zirkulierten auch Pläne, Jüdinnen und Juden in Kenia oder anderen »menschenleeren« Kolonialregionen anzusiedeln. Aus der Mottenkiste des Antisemitismus wurde der im 19. Jahrhundert von dem nationalreligiösen deutschen Ideologen Paul de Lagarde erfundene »Madagaskar-Plan« hervorgeholt, dessen Grundidee die »Säuberung« der gesunden europäischen »Volkskörper« von »artfremden« Juden war. Auch in Polen war diese Idee populär, verbunden mit Kolonialträumen. Einzig der verspätet eingetroffene Adolfo Costa du Rels, der Vertreter Boliviens, schlug andere Töne an. Man müsse aufhören, bloße Realpolitik zu betreiben, wenn es heißen müsse: Menschlichkeit zuerst! Ein Hilfsangebot hatte allerdings auch er nicht in der Tasche.

So wurde im Hotel Royal viel geredet, aber wenig ausgehandelt. Die Redner beklagten wortreich das große Leid – in den potenziellen Aufnahmeländern. Das einzige Ergebnis war die Gründung des von Roosevelt vorgeschlagenen Komitees, das die Arbeit der Konferenz fortsetzen sollte.

Die Jüdinnen und Juden begriffen, dass ihnen niemand zu Hilfe kommen würde. »Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung.« So schilderte die als Beobachterin anwesende Golda Meïr, die spätere Premierministerin Israels, ihre Verzweiflung. »Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ›Zahlen‹ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?«

Die Welt, sekundierte ihr Chaim Weizmann, der als Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation auf Druck der Briten erst gar nicht angereist war, zerfalle in zwei Hälften – in eine, in der Juden nicht leben könnten, und eine andere, die sie nicht hereinließ. Genau das geschah wenig später in der Grenzstadt Zbąszyń nahe Posen. Hier, im Niemandsland zwischen Polen und Deutschland, strandeten im Herbst 1938 rund 17.000 polnische Jüdinnen und Juden, die man aus dem Deutschen Reich abgeschoben hatte. Es gab kein Vor und kein Zurück. »Auswanderung ohne Einwanderung« – auf diese Formel hat der Historiker Dan Diner die Tragödie gebracht.

Die Nationalsozialisten nahmen die Debatten in Évian mit zynischem Amüsement zur Kenntnis. Der Völkische Beobachter ätzte, man habe der Welt ihre geliebten Juden angeboten, aber: »Keiner will sie.« Zufrieden registrierte man, dass Vertreibung und Schlimmeres offenbar widerstandslos hingenommen werden. Das »jüdische München«, wie man Évian deshalb bezeichnet hat, nahm das Appeasement Großbritanniens und Frankreichs im Münchner Abkommen vom September 1938 vorweg, das der Besetzung des Sudetenlandes den Weg bereitete.

Der völkische Wahn ist nicht aus der Welt

Im November jenes Jahres schließlich verübte Herschel Grynszpan, dessen Familie in Zbąszyń festhing, ein Attentat auf den deutschen Gesandten Ernst Eduard vom Rath in Paris. Den Nationalsozialisten diente die Verzweiflungstat als Vorwand für die von ihnen inszenierte »Reichskristallnacht«. Im Völkischen Beobachter war nun zu lesen: »Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, dass zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.«

Es dauerte nur wenige Jahre, bis infolge der deutschen »Blitzkriege« fast die ganze europäische Judenheit vogelfrei war, einschließlich derjenigen Flüchtlinge, die es in Transitländer, aber noch nicht nach Übersee geschafft hatten, etwa nach New York oder Shanghai.

Die Organisation, die in Évian gegründet wurde, das Intergovernmental Committee on Refugees mit Sitz in London, war mit der Situation überfordert. Immerhin kam es zu Verhandlungen über Devisentransfers mit Reichsbankchef Hjalmar Schacht. Des Weiteren wurden Pläne für eine Auswanderung der deutschen Juden mit einem Zeithorizont von 20 Jahren entworfen. Wie Dan Diner so treffend sagt: »Hitler war nicht vorgesehen.« Sein Name fiel in Évian kein einziges Mal.

Der »wunderbare Saal« im Hotel Royal ist heute Teil eines Resorts, in dem es sich die Reichen und Schönen mit Blick auf den Lac Léman gut gehen lassen. Die Leitung vermeidet jeden Hinweis auf die Konferenz. Bisweilen treffen sich hier hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien, und der Zufall wollte es, dass der damalige Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) ausgerechnet im Royal Quartier bezogen hatte, als im September 2015 die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet wurden, die in Ungarn festsaßen.

Wie weit also trägt die Analogie zu 1938?

Aus Sicht der beteiligten Diplomaten hatte die Konferenz ihre Ziele erreicht: Es entstand eine Organisation, die den Verfolgten eventuell helfen konnte (bis zum Kriegsbeginn tagte sie exakt dreimal). Aus Sicht der Betroffenen indes hatten die westlichen Demokratien ihre Grundwerte verraten – und indirekt an der »Endlösung« mitgearbeitet. So urteilte später das Gros der Historiker. Wobei der australische Holocaust-Forscher Paul Bartrop zu bedenken gibt, dass dieselben Prinzipien der Realpolitik weiterhin gelten: demografische Präferenzen, Xenophobie, Differenzen in den westlichen Bündnissen, Wirtschaftsnationalismus. Nicht zufällig lese sich Évian rückwärts naive: »Wenn Évian ein Scheitern war, dann ein Scheitern der Vorstellungskraft.« Nachträg - liche Empörung ist also Gratismut. Es gilt stattdessen, mögliche Eskalationen der aktuellen Flüchtlingsproblematik zu antizipieren und realistische Pläne zu ersinnen, um die globalen Fluchtbewegungen zu kanalisieren.

Die oft beschworene Bekämpfung der Fluchtursachen durch Sonderwirtschaftszonen am Rand der Fluchtgebiete ist weitgehend Rhetorik geblieben, und die einzige wirksame Organisation, das UN-Flüchtlingshilfswerk, steht seit dem Rückzug der USA vor dem Bankrott. Über unmittelbare Krisen - intervention hinaus kann sie kaum Entwicklungspolitik leisten. Es wurde »special development zones« an den Fluchtrouten eingerichtet, die aber nicht die erhoffte Entspannung gebracht haben.

Die Unterschiede zu 1938 liegen auf der Hand. Anders als vor 82 Jahren stellt sich eine superreiche Welt taub, die einen Steinwurf von Kriegsgebieten, von Boat-People und Flüchtlingslagern entfernt Urlaubsfreuden nachgeht. Rechte Populisten wie Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, die im Inneren ihrer Gesellschaften Stimmung gegen Jüdinnen und Juden machen, gerieren sich unterdessen als Freunde Israels und Bollwerk gegen den Islam.

Vieles indes erinnert auch an damals: Der völkische Wahn ist nicht aus der Welt. Um eine vermeintliche »Umvolkung« abzuwenden, träumt manch Identitärer von »Säuberungen«.

Thilo Sarrazin antwortet auf die Frage, wie er auf die Konferenz von Évian blicke, mit Nützlichkeitserwägungen: Damals habe man einer Elite den Zugang verwehrt, die eine »geistige, wissenschaftliche und wirtschaftliche Bereicherung für jedes aufnehmende Land gewesen« wäre. Einwanderer heute seien dagegen »durchweg wenig gebildet, dem Westen kulturell fremd und keine Bereicherung für die Länder Europas«.

Europa trägt unter allen Kontinenten die geringste Last, die derzeit knapp 80 Millionen Flüchtlinge unterzubringen. Hätte es einen europäischen Solidaritätsmechanismus gegeben, wäre die Entwicklung seit 2015 kein so großes Problem wie jetzt, da einige Länder, nicht nur in Osteuropa, die Kooperation ganz verweigern, andere auf ihre wirtschaftlichen Schwächen verweisen und Dritte die christliche »Leitkultur« bedroht sehen. Wie vor 82 Jahren gibt es keine Bereitschaft zu einer gemeinsamen solidarischen Anstrengung.

Darüber, dass die EU-Länder für etliche Fluchtursachen – Kriege, Klimawandel, ungerechte Handelsregeln – mitverantwortlich sind, spricht unter - dessen so gut wie niemand mehr. Das politische Bewusstsein endet mehr und mehr an den eigenen Grenzen. Völkisch-autoritäre Nationalisten kündigen, wie in Italien, sogar schon an, zu Vertreibungsaktionen überzugehen: Der damalige Innenminister Matteo Salvini (Lega Nord) ventilierte 2018 die Zahl von 500.000 Migranten, die in ihre Herkunftsländer »zurückexpediert« werden sollten. Wie schrieb Golda Meïr noch 1938: »Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ›Zahlen‹ menschliche Wesen sind?«.

Erstabdruck in der Zeit, 20.6.2018

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