Andacht: Geliehene Worte – Zum Wochenspruch Psalm 33,12

Von Marie Hecke

Prolog

Meine vierjährige Tochter hat sich ein Buch vom Nachbarkind geliehen und will darin malen. In unseren Büchern machen wir das manchmal, malen am Ende der Kapitel ein Bild. Diesmal verbiete ich es ihr. Ich versuche ihr zu erklären, was es bedeutet, sich etwas zu leihen: der sorgsame Umgang, der von Nöten ist, und das Vertrauen, dass es erfordert, das geliebte Bilderbuch in fremde Hände zu geben. Das Nachbarkind verlässt sich darauf, dass wir keine Seite herausreißen, keine Bilder in dem Buch malen, sondern darauf gut aufpassen.

Wenn wir die Psalmen Israels als Wochenspruch in einer Andacht auslegen oder zu Beginn des Gottesdienstes sprechen, dann leihen wir uns Worte, dann sprechen wir die Gebete Israels mit.[i] Der Israelsonntag gibt uns die Möglichkeit, uns das bewusst zu machen. Wir hören die Worte Israels in den Psalmen: Ihr Bitten, ihre Wünsche, ihre Freuden, ihre Ängste und können mitbitten, mitwünschen, uns mitfreuen, die Ängste teilen. Dem Wörtchen »mit« kommt hier besondere Bedeutung zu. In ihm wohnt eine ganze Theologie. Die Psalmen sind nicht unser Besitz, sondern wir leihen uns die Worte, und dies gilt es ohne Projektionen und Neid auszuhalten.

Mitfreuen

Meine Tochter ist von meiner Erklärung nicht überzeugt und schiebt ihre Unterlippe vor: »Ich will das Buch aber auch haben. Es ist ungerecht, dass es Klara gehört.« Neid und Wut sprühen aus jeder ihrer Poren.

»Glücklich die Nation, deren Gott die Lebendige ist, das Volk, das sie zu ihrem Erbe erwählt« – mir diese Worte von Israel zu leihen, heißt mich mitzufreuen. Nicht angstvoll bei dem zu verharren, was ich nicht habe, sondern von mir selber abzusehen. Wie die Seligpreisungen in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums ist der Vers aus Psalm 33 ein Gratulationsruf, ein Glückseligkeitsruf, eine verlässliche Zusage: Israel darf und kann sich freuen. Es ist der Augapfel der Lebendigen, ihr Erbe. Die Treue Gottes ist beständig. Israel ist, so beschreibt es Erich Zenger, »in der Tat selig zu preisen, weil JHWH es sich aus allen Völkern erwählt hat, als sein ›Erbteil‹, d.h. als Gebiet seiner Königsherrschaft, an dem er hängt, und das sein Krongut, ja Kronjuwel ist (vgl. Ex. 19,6).« [ii] Kann ich mich ohne Neid mitfreuen mit Israel über sein Erbe, über seine besondere Gottesbeziehung, über die Zusage, dass Israel das geliebte Kind Gottes ist?

Für uns richtig

In meiner Tochter arbeitet es. Sie versucht zu begreifen. »Aber darf ich das Buch dann überhaupt lesen? Ich kann es doch kaputtmachen?«, fragt sie und sieht dabei etwas verunsichert aus.

Die Psalmen sind nicht an uns gerichtet und doch für uns richtig.[iii] Sie sind in eine andere Zeit, zu einem anderen Volk gesprochen, uns fremd und doch sprechen sie heute zu uns, haben uns etwas zu sagen, sind ein wichtiges Fragment unserer christlichen Identität. Diese Ambivalenz im wortwörtlichen Sinne, als eine, die beide (lateinisch ambo) gelten (lateinisch valere) lässt, gilt es zu entdecken, weil in dieser Mehrdeutlichkeit ganz viele Schätze versteckt sind – auch für uns Christ*innen. Das gilt auch für Psalm 33: So kann ich dort, wenn ich ihn mitlese und mitbete und mich mit Israel mitfreue, Folgendes finden: Der Psalm singt davon, dass der Gott Israels Gott aller Menschen ist. Die Lebendige, die Gottheit, die mitgeht und mitsein wird, ist als Gott Israels, als Mutter Jesu Christi, eine lebendige Gottheit aller Menschen, also auch mein Gott, auch ich bin mitgemeint. Und gleichzeitig fordert der Vers mich heraus. Wenn ich die Psalmen mitlese, mitbete mit Israel und es wirklich ernst nehme, dass Israel der Erbe Gottes, das geliebte Volk ist, dann kann ich nicht unbeteiligt gegenüber Antisemitismus sein, dann ist die logische Konsequenz des Mitbetens das solidarische Tun, ein Mittun, gegen antisemitische Worte und Taten, dann muss ich mir Proteste zumuten, denen ich sonst vielleicht lieber ausweiche. Dann holen die geliehenen Worte mich vielleicht aus meiner Komfortzone heraus und sind darin wirklich für mich richtig.

Epilog

Meine Tochter und ich sitzen auf dem Sofa, lesen das Buch, freuen uns, lachen, fiebern mit und diskutieren die Geschichte. Als wir sie dreimal gelesen haben, klemmt sie es sich vorsichtig unter den Arm und bringt es ein Stockwerk tiefer zum Nachbarkind zurück. »Nächste Woche darf ich es mir wieder ausleihen«, sagt sie ganz zufrieden, als sie wiederkommt.


[i] Vgl. dazu Jürgen Ebach, Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes, Gütersloh 2016, 88.

[ii] Erich Zenger, Die Nacht wird leuchten wie der Tag, Freiburg 1997, 195-201, 199f.

[iii] Vgl. Ebach, Das Alte Testament, 168.

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