"Das Beste der vergangenen Dekade"

Israelische Serien erobern Netflix & Co.

Von Samira Lacarovic

Israelische Fernsehserien werden derzeit von Streamingdiensten en gros eingekauft. Kein Wunder, werden sie doch zu den weltweit besten Produktionen der vergangenen zehn Jahre gezählt. Was macht Serien wie „Prisoners of War“ oder „Fauda“ so gut?

Die „New York Times“hat kürzlich die dreißig besten, internationalen Serien der vergangenen zehn Jahre ausgewählt. Auf Platz eins: „Prisoners of War“ („Hatufim“) aus Israel. Die 2009 erschienene Serie um zwei Kriegsgefangene, die nach 17 Jahren nach Hause zurückkehren und die Überreste ihren dritten, toten Kameraden mitbringen, steht in Sachen Optik und Spannung ihren amerikanischen Serienbrüdern in nichts nach. Mehr noch: Für Fans kommt das erfolgreiche Hollywood-Remake „Homeland“ besonders in Sachen Authentizität nicht an das Original heran. Obwohl der Schöpfer von „Hatufim“, Gideon Raff, maßgeblich an der US-Serie beteiligt war.

Woran das liegt? Vielleicht sieht der US-Schauspieler Damian Lewis als „Nicholas Brody“ aus einer jahrelangen Gefangenschaft entlassen, schon in der ersten Folge nach einem ausgiebigen Bad und einer schnellen Rasur einfach wieder zu schön, zu glatt, zu muskulös aus. Seine israelischen Vorbilder kehren dagegen gealtert, verstört, geschunden nach Hause zurück. Wie die Familien, Lieben, Freunde, wie ein ganzes Land versucht, diese Fremden wiederaufzunehmen, gehört zu dem berührendsten, das dieses Thriller- Spionage-Genre hervorgebracht hat. Wenn sie in Israel unterwegs sind, so berichten die Schauspieler, freuen sich die Menschen auf der Straße bis heute, wenn sie sie bei guter Gesundheit und ohne Folterspuren antreffen. Es lohnt sich immer wieder mal Ausschau nach „Prisoners of War“ in den Mediatheken zu halten, zuletzt zeigte Arte die gefeierte Serie.

Auf Platz acht der New- York-Times-Dekadenliste gleich der nächste israelische Export: „Fauda“, die Serie über eine israelische Antiterroreinheit und ihre palästinensischen Widersacher. Seit 2015 fesselt die von Netflix als „Nachfolger von ›Homeland‹“ beworbene Reihe ein immer größeres Publikum. Dass im israelischen FernsehenTV eine Serie mit vorwiegend arabischen Dialogen und einem arabischen Namen – „Fauda“ bedeutet „Chaos“ und ist für den israelischen Geheimdienst der Warnruf, wenn eine Tarnung auffliegt – solche Erfolge feiert, war eine Sensation.

Die Storyline und Figuren haben alles, was Fans von Agentenserien lieben. Spannungsbögen, innere Konflikte, überraschende Wendungen. Was die Serie nicht bietet: Einen oberflächlichen Einblick in den Nahostkonflikt mit ein fachen Lösungen und plakativen Figuren. Wie schon bei „Hatufim“ werden die Traumata und gegenseitig zugefügten Verletzungen gezeigt, ohne Urteile zu fällen. Dass die Serie am Ende nicht nur in den USA und Europa Fans findet, sondern auch in Gaza und der Westbank geschaut wird, macht die Macher deshalb besonders stolz. Auf Netflix sind derzeit Staffel 1 und Staffel 2 erhältlich. Staffel 3 wird seit Ende Dezember 2019 in Israel ausgestrahlt und soll im Laufe des Jahres 2020 bei Netflix verfügbar sein.

Einblicke in andere Welten

Doch israelische Filmemacher können noch mehr als Agenten- und Kriegsthriller. Einen liebevollen Blick in eine abgeschottete Welt wirft die 2013 gestartete Hit-Serie „Shtisel“. Die Familie Shtisel lebt in Jerusalem ein frommes, jüdisches Leben, in das die Moderne nur ganz am Rande eindringt – sei es durch klingelnde Handys oder einen Fernseher im Altenheim, der die Großmutter in die Sucht nach amerikanischen Serien treibt.

Im Mittelpunkt steht der jüngste Sohn der Familie. Akiva, genannt Kive, ist mit Mitte 20 längst reif zum Heiraten. Doch er träumt von einer Karriere als zeichnender Künstler und von der verwitweten Mutter eines seiner Schüler. Aber eine 30-Jährige ist keine gute Partie und sein Job in der Jungenschule soll ihm Aufgabe genug sein. Die Serie begeistert nicht nur wegen des Schau spielers Michael Aloni als Kive, sondern auch mit der detaillierten Darstellung des religiösen Alltags. Ein Staunen über eine andere Welt, die doch oft ähnliche Sorgen hat. Wer bin ich, wer will ich sein, wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Beide Staffeln sind aktuell bei Netflix zu sehen. Besonders charmant: Sich das im Original teilweise gesprochene Jiddisch anzuhören, diese selbst in der Orthodoxie fast ausgestorbene Sprache des osteuropäischen Judentums.

Wer sich nach den beiden Staffeln schon in der religiös-jüdischen Welt zu Hause fühlt, sollte bei „Srugim“ („Gestrickt“) vorbeischauen. Der Titel bezieht sich auf die gestrickten Kippas, die von religiösen Männern einer anderen Strömung innerhalb des Judentums getragen werden, als die schwarzen Samt- oder Satin-Kippas der Schläfenlocken-Träger, wie sie auch in „Shtisel“ gezeigt werden. Die 2008 bis 2012 ausgestrahlte Serie dreht sich um eine Handvoll junger Männer und Frauen, die versuchen, Religion und Moderne miteinander zu verbinden. Ein Prozess voller Verhandlungen mit sich selbst und der Gesellschaft.

So wird beim Speed-Dating darüber gesprochen, welche Synagoge man besucht, ob sie vor hat, nach der Eheschließung eine Kopfbedeckung zu tragen, ob er es okay findet, wenn sie den Weinsegen spricht und ob Jeans eigentlich ein akzeptables Kleidungsstück sind. Daneben kämpfen die schnell ans Herz wachsenden Figuren Yifat, Hodaya, Nati und Amir mit den Problemen der fast Dreißigjährigen, die auch die nicht-religiösen kennen: Wie oft muss man noch auf Dates gehen, bis endlich der oder die Richtige dabei ist, wie lange will man noch in einer WG leben, wann fängt endlich das richtige, das erwachsene Leben an und wird sich der beste Kumpel vielleicht doch noch als die Liebe dmeines Lebens entpuppen? Die drei Staffeln der religiösen Antwort auf „Friends“ sind bei Amazon Prime erhältlich.

Nicht gut, nicht böse, immer hoffnungsvoll

Wer „Shtisel“ aber heimlich oder offen vor allem wegen Michael Aloni geschaut hat, kann auf Netflix nahtlos zu „When Heroes fly“ übergehen. Die 2018 erstmals ausgestrahlte Sendung dreht sich um vier Veteranen aus dem Libanon-Krieg 2006, die nach einem Zerwürfnis wieder zusammen finden, um Yaeli, Ex-Freundin, Schwester, von allen geliebter MenschPerson von allen, zu finden. Die junge Frau soll bei einem Autounfall nach dem Krieg ums Leben gekommen sein. Was sind das dann für Lebenszeichen aus Kolumbien? Die Serie nach dem Bestseller von Amir Gutfreund wurde auf dem CanneSeries-Festival 2018 zur besten Serie gekürt.

Geschaffen, „um das 'Fauda'-förmige Loch im Herzen der Zuschauer zu stopfen“ („Ha’aretz“), zeigt auch „When Heroes fly“, was die Stärke israelischer Serien ausmacht: Die Figuren sind allesamt gleichzeitig perfekt und voller Fehler. Sind böse und gut in einem. Sind den Umständen ausge liefert und erschaffen diese. Kämpfen und scheitern immer wieder. Geben die Hoffnung nicht auf. Wie passend, wie bezeichnend für das Land, in dem sie erdacht wurden.

 

 

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