Ein Friedenschluss mit Gespenstern

Deutschland – das ist ein Land, in dem es spukt

Von Mia Szarvas

Wenn ich durch die Straßen gehe, denke ich an die Generationen, die vor mir hier gegangen sind. Wenn ich einen Fuß falsch setze, habe ich das Gefühl, ich könnte die Gegenwart verlassen, und meine Füße befänden sich in den Schuhen einer anderen jungen Jüdin, und das Klappern meiner Sohlen auf dem Pflaster würde ganz anders klingen. Meine Schritte klingen unheimlich; sie geraten in ein ängstliches Zögern. Während meine Hacken den Boden berühren, überkommt mich ein Schrecken. Ich reagiere paranoid auf meine eigenen Schritte. Sie erschrecken, als würde der Klang meiner Stiefel von jemand anderem kommen, der mich verfolgte.

Ich reibe mir die Augen; dann bin ich wieder in der Gegenwart – im Jahre 2016. Es besteht keine Gefahr. Es ist ein sonniger Tag in Berlin; die Stadt summt vor junger, kosmopolitischer Lebensfreude. Das – so sage ich mir auf meinem Weg – war damals, nicht jetzt. Ich komme an einem Hummus-Laden vorbei; er wird von jungen Israelis betrieben, die das hippe, preis günstige Berlin anzog. Ich bleibe vor einer Galerie stehen und bewundere die seltsamen, avantgardistischen, provozierenden Arbeiten. Ich erreiche die Spree und finde tausende Touristen und Einheimische vor, die am Fluss den Tag genießen. Ich sehe zu der schönen Architektur der Museumsinsel hinüber, atme tief und lächele. „Welch eine großartige Stadt“, denke ich und vertreibe die Schatten, die hinter mir her schleichen, aus dem Bewusstsein.

Ich habe mich „Germany Close Up“ angeschlossen, weil ich der Geschichte anders begegnen wollte, als ich sie bis dahin kannte. Ich bin damit aufge wachsen, dass alles Deutsche in mir ein- und dasselbe Gefühl hervorrief: Angst. Manchmal, wenn ich jemanden die Sprache sprechen hörte, ging die Angst in Ekel über. Und manchmal geriet sie zu Scham, Ärger und Unbehagen allem Deutschen gegenüber, das ich jemals angetroffen hatte. Zu anderen Zeiten wurde aus ihr ein kathartisches Flüstern, wenn ich nach zu viel Wein am Sabbat begann, das Misstrauen der Deutschen zu teilen. All das waren Symptome der untergründigen Angst – des düsteren Traumas, das meine Vorfahren mir vererbt hatten.

Meine Großmutter floh im August 1939 aus Polen. Sie, ihre Schwester und ihre Eltern entkamen mit dem letzten Zug, der nach Rumänien fuhr und erreichten das letzte Schiff nach Palästina. Während sie in dem Land, aus dem der Staat Israel werden sollte, ein neues Leben begannen, kamen alle um, die sie zurückließen: Alle Tanten, Onkel, Kusinen und Vettern wurden in Auschwitz von den Nazis gefoltert und ermordet. Die Deutschen, die Nazis – zwischen ihnen machte ich keinen Unterschied. Sie taten den Menschen, den Juden Unsägliches an; sie ermordeten meine Familie auf grausam unmenschliche Weise. An diesen Leuten war ich nicht interessiert. Wie hätte ich ihnen ver geben sollen? Wie hätte ich auf den Gedanken kommen können, dass der Trieb, Menschen wie mich – mein eigen Fleisch und Blut – sowie mich selbst, wenn ich damals gelebt hätte, zu töten, jemals erlöschen würde?

Und diese Gedanken waren von Dauer. Ich weiß nicht, ob sie mich je verlassen werden. Die Wahrheit ist: Wenn ich damals hier – wo ich jetzt während meiner Reise mit Germany Close Up stehe – gestanden hätte, wo meine Füße sicher auf dem Pflaster ruhen und wo ich die ruhige Strömung beobachte, die auf dem Fluss einige Blätter vor sich her treibt, dann wäre ich verfolgt worden – aus keinem anderen Grunde als dem, dass ich eine Jüdin bin. Ich sehe zu den Leuten hinüber, die sich am Fluss ihr Picknick schmecken lassen; ich höre sie lachen und mit ihren Freunden den sommerlichen Nachmittag genießen. Einen Augenblick lang bleibt die Zeit stehen – wie gefroren –, und vor mir erscheint ein Bild: Ich sehe sie wie vor siebzig Jahren – sie lachen und sind froh; sie tragen Hakenkreuze an den Ärmeln, und ich weiß, dass ich nicht zu ihrem Glück gehöre. Panik breitet sich in mir aus, aber ich zwinkere mit den Augen, und es ist vorbei – wir befinden uns ja im Jahre 2016; es gibt keine Todeslager mehr, und niemand macht Jagd auf mich. Ich atme tief und gehe dem Fluss entlang zum Hotel zurück, um mich der Reisegruppe wieder anzuschließen.

Ich reise mit Germany Close Up, um das moderne Deutschland kennenzulernen, und mehr noch: um eine andere, weitere Perspektive zu gewinnen, die nicht auf die Jahre 1933 bis 1945 und nicht auf meine Angst beschränkt wäre. Auf dem College belegte ich einen Kurs über den Holocaust; ich wollte in die Kleider einer Deutschen der späten 30er Jahren hineinschlüpfen, um die Psychologie des Nationalsozialismus kennenzulernen, um die Nazis als Menschen und Deutsche zu verstehen. Wirklich gewann ich am Ende die Fähigkeit der Empathie mit den Deutschen; ich erkannte ihre furchtbare Lage, aus der es kaum Auswege gab. In demselben Sommer reiste ich nach Europa. Ich machte einen eintägigen Ausflug nach Deutschland. Ich empfand die kleine bayrische Stadt, die das Ziel meines Ausflugs war, als düster und erschreckend. Als ein deutscher Polizist während einer routinemäßigen Kontrolle auf mich zukam, lief ich voller Angst zum Auto; ich hatte das Gefühl, aus nichts als Angst zu bestehen. Ich verließ Deutschland an demselben Tage mit dem Gelübde, niemals wiederzukommen. Nun aber bin ich doch wieder hier – mit Germany Close Up; erneut versuche ich, meine Angst zu überwinden, und diesmal aus sehr gutem Grund.

Nach dem Studium im College machte ich eine Wanderung mit Rucksack in Südamerika. Eines Tages begegnete ich in einer Jugendherberge Panamas einem jungen Mann. Wir freundeten uns an und beschlossen, fortan gemeinsam zu reisen. Wir verliebten uns ineinander. Er ist ein Deutscher. Er lud mich ein, ihn in Deutschland zu besuchen, um seine Heimat kennenzulernen. Ich hatte davor Angst, aber da ich ihn liebte, nahm ich die Einladung an. Ich kam zu Germany Close Up, weil ich des Austauschs mit anderen Juden bedurfte, die auf meine Erfahrung eingehen konnten. Ich wollte mit Leuten zusammen sein, die verstehen würden, wie zwei Dinge in mir zusammentrafen: das Vergnügen, in einer unbekannten Stadt zu flanieren, und der Augenblick, in dem ein deutsches Wort die Bilder meiner ermordeten Großtanten heraufbeschwört, wie sie mich aus den schwarz-weißen Fotographien der Holocaust-Museen mit hohlen Augen anstarren. Ich bedurfte Mitreisender, die meinen Blick verstehen würden, wenn die Gruppe in einem hochmodernen Schnellzug von Berlin nach Hamburg führe, und wissen würden, dass die rasche Fahrt mich auf der Seite zwar begeistern, diese Begeisterung jedoch auf der anderen Seite durch das Wissen gedämpft würde, dass meine Verwandten vor siebzig Jahren eine ähnliche, aber ganz und gar düstere Reise in einem deutschen Zug erleben mussten.

Je länger ich mich in Deutschland aufhalte, desto mehr gefällt es mir; doch die Schatten werden dunkler. Einfache, angenehme Erlebnisse nehmen einen gespenstischen Charakter an, so als ginge ich mit meinem Freund ins Kino und müsste auf dem Parkplatz über zehn Stolpersteine aus Messing – stolpern. Ich habe so oft um diese Menschen geweint, dass die Tränen in mir zu einem Bach geworden sind. Macht nichts, sage ich mir, ich will ja nur einen netten Nachmittag mit meinem Freund verbringen. Ich fahre mit der Straßenbahn zu einer Kunsthandlung und frage mich wie im Traum, was ich für ein Kunstwerk machen könnte, doch dann schaue ich auf, und mein Blick trifft auf den der jungen deutschen Frau, die mir gegenüber sitzt. Wo war – so denke ich – ihr Großvater im Jahre 1944? Hat er meine Verwandten ermordet – jene, deren DNA in meinen Adern fließt? Ich versuche, diesen Gedanken zu unterdrücken; doch dabei fühle ich, wie mein Pulsschlag sich beschleunigt. Ich frage mich, ob die Mitreisenden mir ansehen können, dass ich eine Jüdin bin. Ich fühle mich mir selbst entfremdet; ich widerstehe dem Sog zurück in die Vergangenheit, empfinde aber die Schatten, die mich einholen.

Germany Close Up hat mir eine neue Perspektive eröffnet; es war aber nicht jene, auf die ich gehofft hatte. Ich hatte ein neues, modernes Deutschland erwartet, das sich von der Vergangenheit getrennt hätte. Wie jedoch kann irgendetwas getrennt sein von sich selbst? Die Zeit ist ein continuum. Deutschland hat erstaunliche Anstrengungen unternommen, um sich von seinen Sünden zu reinigen, die Übel der Vergangenheit im Gedächtnis festzuhalten und seinen Toten Reue zu bezeigen. Es ist ein Land, in dem die Innovation, die Bildung und die Künste blühen – eine sozialistische Nation, in der niemand allein gelassen wird. Ich habe über dies Volk so viel gelernt, und ich habe gelernt, es gern zu haben, aber ich habe eben zugleich gelernt, dass es – ungeachtet dieser Anstrengungen – dasselbe Volk ist, das vor mehr als einem halben Jahrhundert sechs Millionen Menschen ermordet hat, die aussahen wie ich. Darin liegt die unbequeme Wahrheit, der ich ausgesetzt bin. Darin liegt die unbequeme Wahrheit, der meine deutschen Altersgenossen ausgesetzt sind – die ihnen widerstrebt und derer sie sich schämen. Ich habe durch die Seminare von Germany Close Up und persönliche Gespräche gelernt, dass viele meiner deutschen Partner von dem, was ihre Großeltern taten, nichts wissen wollen und von den Gesprächen über den Holocaust ermüdet sind. Wenn sie erfahren, dass ich eine Jüdin bin, ist ihre Reaktion oft defensiv oder gar feindselig – eher als neugierig oder empathisch, eher sogar als gleichgültig. Mein Jüdisch-Sein erinnert sie an ihre kollektive Scham; ich stehe für das, was ihnen das Recht auf nationalen Stolz genommen hat.

Trotz allem, was ich gelernt habe – wenn ich einen älteren Menschen sehe, wie er die Straße entlang geht, empfinde ich immer noch Angst. Wenn ich dem 95Jahre alten Großvater meines Freundes begegne, schließe ich mich im Badezimmer ein und weine; ich erleide eine Angst-Attacke. Wenn ich Fotos sehe, die seine Großeltern in ihrer Jugend zeigen, bin ich alarmiert. Was habe ich hier zu suchen? frage ich mich verzweifelt. Manchmal aber lache ich und verbringe mit seiner Familie meine Lebenszeit; sie gehören zu den höflichsten, spaßigsten und gastlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. In einem ruhigen Augenblick ertappe ich mich, wie ich mit meinen toten Verwandten rechte; so versuche ich das Gefühl zu unterdrücken, dass ich sie verrate und mit dem Feind gemeinsame Sache mache.

Ein paar Wochen nach der Reise mit Germany Close Up begebe ich mich in Bremen allein auf einen Spaziergang, in der kalten Stadt im Nordwesten des Landes, in der mein Freund lebt. Ich denke über die Reise nach – die wunderbaren Menschen, denen ich begegnet bin, die private Tour zum Deutschen Historischen Museum, das köstliche Essen und die schmerzlichen Gespräche. Ich denke daran, wie nett unsere deutschen Guides waren, denke an die leckeren

Dinge, die es auf dem Hackeschen Markt zu essen gab, und die dümmlichen Fotos von der Straßenkunst, die ich in den Hackeschen Höfen machte.

Plötzlich bemerke ich, dass ich einen Friedhof betrete. Ich vermute, dass es interessant sein könnte. In meinen Ohrstöpseln ertönt, während ich das Tor passiere, dramatische, erhebende Musik. Mein Gedanke springt zu dem jüdischen Friedhof hinüber, den ich vor einigen Wochen in meiner Heimatstadt besucht habe. Er ist zugewachsen und wird vernachlässigt. Nun sehe ich auf die Grabsteine. Dort sind Kreuze; sie werden gut gepflegt. Die Inschriften auf den Steinen zeigen, dass jene, die hier begraben wurden, während des Zweiten Weltkriegs schon erwachsen waren. Ich erinnere mich daran, wie im Konzentrationslager von Sachsenhausen unser Guide sagte: „Sie wussten es. Sie hatten die Wahl. Sie zogen es vor, wegzusehen.“ Und ich habe die Stimme des Angestellten der Bildungsabteilung, mit dem wir in der „Topographie des Terrors“ zusammenkamen, im Ohr: „Die meisten Deutschen waren in den Holocaust verwickelt. Sie sahen die Deportationen, sie haben sie nicht aufgehalten. ... Stattdessen bereicherten sie sich durch Plünderungen.“ Dann sehe ich auf die Gräber. Es sind Nazis, auf jeden Fall die Mehrheit. Man findet hier nicht e i n jüdisches Grab. Ich sehe auf meine Füße, meine jüdischen Füße. Ich bin allein auf diesem Friedhof. Da bin ich, eine junge Jüdin, umgeben fast nur von Nazis. Aber sie sind tot. Da liegen sie – dahingegangen. Und hier bin ich, eine Jüdin, die über ihren Friedhof geht – ihren Alptraum. Plötzlich werde ich von einer absoluten Freude überrascht. Sie sind fort, tot, und ich bin hier – jüdisch und lebendig. Ich habe überlebt. Sie sind gescheitert. Hineni („Hier bin ich“). Ich fange an, mich zu drehen, und tanze ganz allein auf dem Friedhof, bis ein älterer Mann sich nähert und ich mich schäme.

Dann gehe ich nach Hause – zu der Wohnung meines Freundes; ich fühle mich in Frage gestellt durch meine Gefühle und mein Verhalten auf dem Friedhof. Ich versuche, mir Leute vorzustellen, die ihre Toten besuchen wollten und stattdessen eine junge Frau in festlicher Laune vorfanden. Doch wenn ich durch die deutschen Straßen gehe, kommt es mir so vor, dass die einzigen Schuhe, die mir zu passen scheinen, jüdische Schuhe sind.

Von Germany Close Up habe ich gelernt, dass das Deutschland von heute sich von dem des Jahres 1944 sehr stark unterscheidet. Die Ideale, die Menschen sind anders; ich habe von vielen positiven Erfahren zu berichten. Dennoch fand ich, dass es in Deutschland immer noch spukt; es wird niemals in der Lage sein, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es trägt seine Vergangenheit mit sich – in der Abwesenheit der Enkel jener, deren Namen auf den brüchigen Steinen zu lesen sind, in den Lücken, die die Musiker hinterließen, welche nicht mehr in den unterirdischen Bars spielen können, weil ihr Blut in

den Gaskammern aufhörte zu pulsieren – in der Erbschaft der Schnellzüge, die auf denselben Schienen fahren, doch einst die dem Terror ausgesetzten jüdischen Deutschen in Kisten zu ihrem Tod brachten. Ich kann meine eigene moderne Beziehung zu Deutschland aufbauen. Ich kann vorwärtsgehen, ich kann lernen, dieses Land und seine Leute zu lieben; aber die Geister verschwinden nicht. Ich werde lernen müssen, mit ihnen meinen Frieden zu machen – ebenso wie meine deutschen Altersgenossen.

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