Nicht nur ein Problem der Anderen – ein Gespräch über Antisemitismus

Beitrag im Deutschlandfunk
Pfarrerin Angelika Obert und Christian Staffa, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Kampf gegen Antisemitismus

Angelika Obert: Wenn von Antisemitismus die Rede ist, denken die meisten zuerst an die extreme Rechte. An geschändete jüdische Friedhöfe, an tätliche Angriffe gegen Jüdinnen und Juden, an judenfeindliche Transparente auf Demonstrationen. Und im Hintergrund an Auschwitz – und das unfassbare Verbrechen, das nie wieder sein darf. Antisemitische Gewalt – das ist nun etwas, was jeder vernunftbegabte Mensch verabscheut. Ganz gewiss auch in den Kirchen. Aber die Abscheu vor der antisemitischen Gewalt kann auch verdecken, wie tief judenfeindliche Denkmuster überhaupt in unsere Kultur eingeschrieben sind – und nicht zuletzt in die christliche Tradition.

Christian Staffa: Das Judentum repräsentiert Gesetz, Rachegott, Pharisäer, also, die heucheln ja … wie landläufig bekannt ist – und diese ganzen Bilder sind bleibend lebendig. Das gewalttätige Alte Testament gegen das liebevolle Neue Testament. Die Nächstenliebe wird von vielen Christenmenschen als neutestamentliches Gebot definiert und sie vergessen, dass es im 3. Buch Mose steht, also, das ist die duale Struktur: Wir sind gut und die anderen sind quasi die Negativfolie, vor der wir Christen leuchten; diese Aufteilung in: die haben das Schlechte, wir haben das Gute, ist absolut immer noch aktuell – ins besondere, fürchte ich, auch in den Predigten: Also, immer wenn die Pfarrerinnen und Pfarrer versuchen zu definieren, was das spezifisch Christliche ist, dann geht es vermutlich in der Hälfte der Fälle zu Lasten des Judentums. Und das sind die Antijudaismen in unserer Kirche.

So kritisch und vor allem auch selbstkritisch sagt es Christian Staffa. Er ist der Beauftragte der Evangelischen Kirche im Kampf gegen den Antisemitismus und überzeugt: Wer den Antisemitismus ernsthaft überwinden will, kann ihn nicht nur als ein Problem der anderen ansehen. Den eigenen Anteilen auf den Grund zu gehen, sieht er als seine erste Aufgabe:

Die christliche, evangelische Theologie auf ihre Antijudaismen hin anzuschauen und möglichst Alternativen anzubieten und gleichzeitig die Frage zu stellen, was ist denn an christlichen Antijudaismen im heutigen Antisemitismus auch lebendig.

Es ist eben nicht erst der aggressive Judenhass, mit dem das Problem beginnt. Es sind auch die im Christentum verankerten Bilder und Überzeugungen, die den Juden das Negative zuschreiben, von dem der christliche Glaube sich absetzen will. Bibelkundige können nun einwenden, dass dieser Gegensatz ja ins Neue Testament bereits eingeschrieben ist. Denn da treten doch immer wieder die Juden als die Gegner Jesu auf. Und der Apostel Paulus betont das absolut Neue, was durch Christus in die Welt gekommen ist. Aber wer wirklich bibelkundig ist, müsste schon auch wissen, dass die ersten Christen Juden waren, dass also auch das Neue Testament ein jüdisches Buch ist – und dass es da um einen innerjüdischen Streit ging: Die einen glaubten an den Messias Jesus, die anderen nicht:

Das lässt sich jedenfalls von der pauschalierenden Rede »die Juden« nicht ableiten, dass sie wirklich die Juden meinten, sondern bestimmte Fraktionierungen, und da tatsächlich sehr drastisch in Teilen formulieren – ich sage dazu gern: wie das unter Geschwistern manchmal üblich ist – und wenn wir uns das als Geschwisterstreit vorstellen – alle Menschen jedenfalls, die Geschwister haben, wissen ungefähr, wie harsch da geredet werden kann trotz großer Liebe.

Es kann auch sein, dass Geschwister sich gar nicht mehr lieben. Aber dass sie aus einem Stall kommen, haben sie natürlich im Blut, selbst im heftigsten Streit. Bei aller gegenseitigen Polemik: Zunächst haben diejenigen, die an Jesus als den Christus glaubten, und diejenigen, die nicht an ihn glaubten, sich in diesem Sinn als Geschwister verstanden. Anders wurde es erst, als aus der Christusbewegung im 4. Jahrhundert eine Reichskirche wurde, die nun auch die allein gültige Wahrheit für sich in Anspruch nahm – und als allein gültig verkündete. Erst da wurden die Juden zu den verachtenswerten Anderen, die auch mit Gewalt ausgegrenzt wurden. Christian Staffa meint: eben weil sie für die Kirche eine so große Provokation waren:

Weil natürlich die bleibende Existenz und der aus christlicher Sicht bleibende Unglaube der Juden eine Irritation ist. Wir kommen aus demselben Stall sozusagen und dann sagt eine Gruppe: Nein, das, was ihr da glaubt, glauben wir aber nicht. Und wir glauben aber, es ist ein Weltgeschehen, was nicht nur uns erlöst, sondern alle durch diesen Jesus Christus und die sagen: Jesus Christus interessiert uns nicht – kommen sozusagen aus derselben Gruppe und das ist natürlich eine massive Irritation, die, wenn sie mit Selbstzweifeln verbunden ist – schnell aggressiv werden kann. Und wenn ich die politische Macht dazu habe, dann offensichtlich leider und für uns Christen heute schmerzhaft, nimmt es auch gewalttätige Formen an.

Es kann schon sein, dass der so geschichtsmächtige Antisemitismus etwas mit christlichem Selbstzweifel zu tun hat. Schließlich hatte sich die Erwartung der ersten Christen ja nicht erfüllt, dass Christus bald wiederkommen und das Reich Gottes anbrechen würde. Schließlich musste schon eine ziemlich komplizierte Dogmatik erdacht werden, um die Erlösung zu behaupten, die so wenig sichtbar war. Es spricht viel dafür, dass die eigene Ungewissheit und eben auch der eigene Glaubenszweifel sich in Aggression gegen die Juden wandten.

Ich glaube, sie hatten Angst, dass die Sicherheit, die wir uns in unserem Glaubensbekenntnis zusprechen, dass die auf wackligen Füßen steht, und die Juden waren die Repräsentanz dieser wackligen Füße.

Abgewertet und ausgegrenzt wurde das Judentum also nicht nur, weil es den christlichen Wahrheitsanspruch in Frage stellte, sondern auch, weil die Kirche sich ihres eigenen Glaubens so sicher nicht war, den Zweifel aber um keinen Preis zulassen wollte. Die eigene Ungläubigkeit wurde auf die Juden projiziert. So wie dann später auch der säkulare Antisemitismus die Juden als Projektionsfläche des Verdächtigen brauchte, um ein nationalistisches Wir-Gefühl frei von Zweifeln zu konstruieren. So gesehen hat der Antisemitismus eher wenig damit zu tun, dass die Juden irgendwie die Anderen sind, und mehr damit, dass Kirche und Gesellschaft den Selbstzweifel nicht ertragen konnten. Und das vielleicht um so mehr, als die Juden ihnen vormachten, dass man mit Zweifeln sehr wohl leben kann. Denn es ist ja die Fähigkeit zum Selbstzweifel, zur Selbstkritik auch, die das Judentum immer ausgezeichnet hat – die Bereitschaft, bei allem Streit auch mehrere Meinungen gelten zu lassen. Davon zeugt bereits die Bibel. Die Heilige Schrift ist ja überhaupt nicht widerspruchsfrei und will es auch gar nicht sein. So müssten sich die Christen vor der Offenheit ihres Glaubens gar nicht so sehr fürchten. Christian Staffa sagt: Um den Antijudaismus wirklich zu über winden, müssten sie vielmehr lernen, damit zu leben:

Zunächst gilt es, grundsätzlich zu lernen, dass wir unsere Defizite nicht am anderen abarbeiten können, weil da werden sie nicht abgearbeitet – sie bleiben nämlich unsere Defizite. Und bezogen auf das Judentum bedeutet das, dass wir uns ganz intensiv als Schwester des Judentums verstehen, das sich nach der Zerstörung des Tempels parallel zum rabbinischen Judentum entwickelt hat als eine Form, diesen Glauben zu leben und zwar auch zu verbreitern.

Verbreitern: das war die Absicht des Völkerapostels Paulus, der gar keine neue Religion gründen wollte. Er war vielmehr davon überzeugt, dass der Gott Israels jetzt auch die Heiden erreichen will:

Paulus liest die Auferweckung Jesu als Zeichen, dass Gott nun zu der Völkerwelt spricht und die Völker kommen dazu. Und dieses Dazukommen – klingt schon wie eine narzisstische Kränkung – ist aber eigentlich unheimlich spannend. Also, wir kommen zu dem Volk Gottes dazu, werden Teil des Geschehens, aber dieses Dazugekommensein bleibt immer Teil unserer Glaubenswirklichkeit – und hat natürlich einen kleinen Hang zur Brüchigkeit im eignen Selbstbild und gerade das ist etwas, was ich sehr produktiv finde. Wir müssen leben lernen mit dieser Brüchigkeit und nicht in Vollmundigkeit ausweichen.

Auch wenn sie sich als Dazugekommene verstehen, hören Christen ja nicht auf, an den auferstandenen Christus zu glauben und sich hierin vom Judentum zu unterscheiden. Nur sollten sie endlich verstehen und würdigen, was sie dem Judentum verdanken und wie tief sie ihm verbunden sind. Ein Schritt dahin wäre es, das auch im Gottesdienst zum Ausdruck zu bringen:

Auf der praktischen Ebene, glaube ich, können wir uns im gottesdienstlichen Handeln sehr viel stärker bewusst machen, wo wir dieses Dazukommen praktizieren können – also, wir lesen die Psalmen als unsere Psalmen – könnten aber ganz kurz innehalten und sagen: Wir hören auf die Stimme Israels. Wir könnten aufstehen beim Lesen des Alten Testaments und nicht nur beim Neuen Testament – um die Bedeutung des Alten Testaments für uns auch nochmal deutlich zu machen. Wir könnten deutlich machen, dass der Aaronitische Segen auch ein Segen aus der jüdischen Tradition ist, den wir nutzen, auch nutzen dürfen und sollen – aber vielleicht nicht mit dem Kreuzeszeichen überladen, sondern das vielleicht erst beim Amen machen oder nach dem Amen.

So könnte es in der Kirche wieder eingeübt werden, das Bewusstsein, vom Judentum herzukommen und es nicht etwa überholt zu haben. Es wäre ein Anfang des Umdenkens nach vielen Jahrhunderten, in denen das antijüdische Ressentiment sich tief ins christliche Selbstbild eingepflanzt hat. Man kann es sich nicht so einfach machen und meinen, das sei nun vorbei, weil Christen in den letzten Jahrzehnten das Gespräch mit dem Judentum doch bereits gesucht haben:

Wir haben da eine Riesenaufgabe. Und die heißt aber nicht, dass sie in der Illusion stattfinden kann, dass wir das wieder gut machen, was in den letzten 1500 Jahren passiert ist und schon gar nicht, was in der Shoah passiert ist. Es geht nicht um Wiedergutmachung. Aber es geht um einen Umkehrprozess, lernen und sich auch nah kommen lässt. Ich glaube, dass da auch Emotionalität wichtig ist, die sich berühren lässt von dem Versagen der eigenen Institution, aber auch berühren lässt von den Ausnahmen, die es da immer wieder gab in Solidarität – das gibt es ja zum Glück auch alles.

Das eigene Umdenken, die eigene Umkehr ist dann auch die Voraussetzung dafür, den politischen Antisemitismus zu durchschauen, der eben immer wieder an alte, christliche Vorstellungsmuster anknüpft:

Auf jeden Fall gibt es Brücken in den Rechtspopulismus und in diese verschwörungsmythologischen Szenerien. Uns muss es darum gehen, unseren Anteil daran in den Blick zu nehmen – auch wenn er nicht selbst gewaltförmig ist – ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass da Gewaltformen andocken können – an so eine Negativzuschreibung, an ein duales Weltbild, an eine Defizitorientierung bezogen auf den andern.

 

 

Erstsendung vom 24.1.2021 im Deutschlandfunk (Nachhören).

 

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