Predigt Ex 19,1-8

Von Hans-Ulrich Probst

#Beziehungsweise. 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – das feiern und erinnern wir auch in den Kirchen dieses Landes. Mit verschiedenen Plakaten in Schaukästen wurde und wird auf die enge Beziehung zwischen Judentum und Christentum hingewiesen. Die Aktion macht deutlich: Es ist ein vielschichtiges Geflecht, das zwischen Israel und christlicher Kirche besteht. Es sind beispielsweise die Verbindungslinien zwischen gelebten Festen wie Pfingsten und dem Wochenfest Shavuot; oder zwischen dem Laubhüttenfest Sukkot und dem Erntedankfest. Die Gegenstände der Feste waren und sind seit jeher eng miteinander verknüpft. Das Judentum und das Christentum sind enger miteinander verbunden, als viele denken. Denn im Raum der christlichen Kirche wurde die positive Spur der jüdischen Tradition in der Vergangenheit bewusst missachtet. »Endlich« möchte man sagen: Endlich werden wir aufmerksam auf den reichen Schatz einer gemeinsamen Tradition.

Das Jahr 2021 macht auf die spannungsvolle Geschichte aufmerksam. Es zeigt uns, wie abhängig und verbunden die christliche Kirche vom und mit dem Judentum ist. Wenn wir auf 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland blicken, blicken wir aber auch auf christliche Missachtung und Ausgrenzung. Die Beziehung ist eine des vollzogenen Bruches. Ein Bruch, der von einer dominanten und machtvollen Kirche ausgegangen ist. Die Beziehung zum Judentum wurde über Jahrhunderte so geführt, dass sich die eigene christliche Erhabenheits-Überheblichkeit auf dem Rücken der älteren Mutterreligion vollzog.

Kaum ein anderer Tag als der heutige Israelsonntag ist so in der Lage, einerseits das verflochtene Miteinander von Judentum und Christentum und andererseits den gewaltsamen Bruch bewusst werden zu lassen. Ein Tag, an dem der Spiegel uns vorgehalten wird. An dem die Rückschau auf das gemeinsame Verhältnis und der Ausblick auf die Beziehung zum Judentum stehen können.

Das Zusammenspiel zwischen Rückschau und Ausblick ist auch im heutigen Predigttext (Übersetzung aus der Bibel in gerechter Sprache) angelegt:

Am Anfang des dritten Monats nach dem Auszug aus Ägypten erreichte Israel die Wüste Sinai, es war genau am ersten Tag. Sie waren von Refidim aus in Richtung Sinai gewandert und schlugen nun ihre Zelte in der Wüste, vor dem Gottesberg auf. Mose stieg zu Gott hinauf.

Er rief ihm vom Berggipfel her zu: »Das sollst du den Nach kommen Jakobs, allen Israelitinnen und Israeliten, mitteilen: Ihr habt miterlebt, wie ich Ägypten behandelt habe. Euch aber habe ich wie auf Adlerflügeln hierher zu mir gebracht. Wenn ihr jetzt auf mich hört und euch an meine Bundessatzung haltet, dann werdet ihr unter allen Nationen mein bevorzugtes Eigentumsvolk sein, denn mir gehört die ganze Welt. Ihr seid für mich ein priesterliches Volk, eine heilige Gemeinschaft. Das sollst du Israel sagen.«

Mose kam zurück und rief die Sippenvorstände zusammen. Er legte ihnen die Botschaft vor, die Sie ihm aufgetragen hatte. Das Volk war einhellig einverstanden: »Alles, was Er uns hat sagen lassen, wollen wir ausrichten.« Mose brachte diese Entscheidung zu Ihr zurück.

Wir sind als Hörende heute auf dem Weg mit Israel durch die Wüste. Am Rande des Sinai. Eine Migrationsgeschichte wird hier überliefert. Das Volk Israel ist auf der Flucht aus Ägypten, auf dem Weg ins verheißene Land. Der Weg, der bis zu diesem Punkt bereits hinter den Israelit*innen liegt, war beschwerlich, lebensbedrohend. Militär, das ihnen hinterherjagte; Hunger und Durst, der auszehrte und die Flucht beschwerlich machte. Zukunftsängste, Zweifel und Sorgen greifen um sich. Flucht und Migration, Existenzbedrohung. Das Leid der Geflüchteten ist Teil der Heilsgeschichte Israels. Das Gottesvolk lebt in Zelten; noch sind es keine massiven Mauern eines festen Tempels. Die Geschichte Israels entwickelt sich aus einer Flucht- und Migrationsgeschichte. Wie abwegig die Beschreibung der Migration als Ursache aller politischen Probleme im Heute erscheint. Bibel und die Geschichte Israels sind ein starkes Gegennarrativ.

Nun also durch die Wüste: Der beschwerliche Weg ins verheißene Land soll durch diese unwirtliche Gegend führen. Die bisher sich angestauten Zweifel, der Vertrauensverlust gegenüber Mose könnte unter den Israelit*innen nun auf die Spitze getrieben werden: »Bis hierher und nicht weiter! Lieber zurück und in sicherer Unfreiheit leben als diesen Weg einschlagen!« Zanken, Murren, Unverständnis – das waren die sozialen Begleiterscheinungen der bnej Israel, der Kinder Israels, während der Flucht aus Ägypten.

Doch in unserem Predigttext spielt dies keine Rolle. Kein Aufbegehren oder heftige Kritik am Plan mehr. Es schlägt hier vielmehr durch: Die Begleiterin dieser Flucht ist die göttliche Bewahrung, der Segen für das Leben. Die Wolkensäule am Tag, die Feuersäule in der Nacht führt die Israelit*innen aus Ägypten in Sicherheit. Diese dynamische und bewegende Begleitung findet am Berg in der Wüste Sinai ihren personalen Ausdruck. Die glückende Flucht wird für Mose und damit stellvertretend für die Israelit*innen entschlüsselt: Ihr habt miterlebt, wie ich Ägypten behandelt habe. Euch aber habe ich wie auf Adlerflügeln hierher zu mir gebracht. Die Erfahrung der Bewahrung und Rettung wird vorangestellt. Die Zusage, die an das Volk Israel ergeht, hat sich in der Not und Flucht gezeigt. Freudig stimmen die Israelit*innen ein: Ja, wir wollen in diesem Gottesverhältnis stehen. Ja, wir wollen danach handeln.

Die Rückschau auf die vergangene Zeit in Ägypten verbindet sich hier mit der Zusage der Erwählung Gottes. In der Phase der Not der Israelit*innen wählt sich Gott Israel als sein Eigentum. Das, was bereits in Ägypten und auf der Flucht geschah, war Ausdruck für Gottes Zusage, für Gottes rettende Hand. Doch in der Zusage der Erwählung steckt mehr: Gott fordert von den bnej Israel die eigene Beteiligung an diesem Verhältnis ein. Die Erwählung Israels wird so zu einem Akt der Emanzipation. Die Erwählung ist gebunden an das Mit handeln der Menschen, der Israelit*innen. Gottes Gnade und Errettung ist dort, wo die Stimme Gottes gehört und nach ihr gehandelt wird; wo die Thora und die Bundesschlüsse nicht in Abrede gestellt werden. Die Antwort der Israelit*innen ist einhellig: Dieser Zusage Gottes wollen wir Taten folgen lassen. Die aktive Beziehung zwischen dem handelnden Gott und den Menschen, drückt sich in menschlichen Taten aus. Rückschau, Zusage und Ausblick auf die Zukunft Israels verbinden sich an dieser Stelle aufs Engste.

Und dieses Zusammenspiel von Rückschau und Ausblick kann auch für den Israelsonntag am heutigen Tag charakteristisch sein. Der Israelsonntag ist verbunden mit dem Tischa B’av, einem jüdischen Trauer- und Gedenktag an die zweifache Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Der Trauer- und Gedenktag erinnert im Judentum an das Ende des Tempels; der Tag erinnert an Exil und die Vernichtung jüdischer Existenz in Jerusalem. Der Tischa B’av ist ein Erinnerungstag, an dem die fortwährende Gefährdung jüdischen Lebens thematisiert wird.

Der Israelsonntag, wie er im Protestantismus begangen wurde, steht dazu in einem schwierigen Verhältnis. Seit der Reformation wurde auch im Christentum auf die Zerstörung des Tempels geblickt. Jedoch nicht im (Mit-)Trauern, sondern bisweilen in der selbstvergewissernden Häme: Hat Gott nicht mit der Zerstörung des Tempels gezeigt, dass er seine Treue mit Israel beendet und aufgelöst hat? Die Abwertung des Judentums, der christliche Antijudaismus wurde bis ins 20. Jahrhundert am Israelsonntag zelebriert.

Erst in den 1960er Jahren änderte sich dies: Im Schatten der NS-Zeit wurde in Frage gestellt, inwiefern diese Deutung der Zerstörung des Tempels noch sag- und denkbar ist. Stimmen der eigenen verzagenden Klage über die Zerstörung des Verhältnisses zum Judentum wurden hörbar. Versuche wurden unternommen, gemeinsam mit dem Judentum die Zerstörung des Tempels in Jerusalem zu betrauern. Und auch wenn diese Versuche der gemeinsamen Klage, der Bindung an das Judentum in den vergangenen Jahrzehnten formuliert wurden: Wir blicken auch heute noch auf die fortwährende Abwertung des Bundesschlusses zwischen Gott und Israel; wir sehen weiterhin die Aufkündigung und Bagatellisierung der Thora durch protestantische Theolog*innen. Es ist weiter präsent, dass der Protestantismus sich in einer Negativfolie von Gesetzlichkeit oder dem Pharisäischen meint abheben zu müssen. Weiter wird #Beziehungsweise auf eine fatale Weise der Abgrenzung ausbuchstabiert. Auch heute noch murren Christ*innen über die Auserwählung Israels, lehnen das Verhältnis Gottes mit Israel ab.

Also, zurück nach Ägypten? Zurück in die vermeintliche Sicherheit, nur in Christus das exklusive Heil zu sehen? Weg vom Sinai? Der Weg durch die Wüste ist auch für die Kirche, uns Christ*innen nicht beendet. Und so stehen wir am heutigen Israelsonntag mit am Gottesberg. Zurück in die alte Sicherheit der Abgrenzung und Abwertung? Die Sogkräfte sind weiter spürbar.

Wir sind heute in der Rolle der Zuhörer*innen: Wir hören heute das Wort der Auserwählung, das Wort der Zusicherung Gottes, der Gott Israels zu sein. Wir hören auf die Ankündigung Israels, in diesem Gottesverhältnis zu leben und danach zu handeln. Wir hören, dass die Zuwendung und Auserwählung Israels fortbesteht. Die Worte der Zuwendung und Auserwählung sind ausgesprochen an Israel; gelingt es uns zu hören und diese Worte nicht automatisch auf uns selbst zu beziehen?

Das Gehörte geht Christ*innen an, auch wenn es nicht an die Kirche gerichtet ist. Die Israelit*innen haben freudig und einhellig geantwortet. Es wäre an der Zeit, in diese Freude miteinzustimmen, und zwar über den Israelsonntag hinausgehend: In einem solidarischen Ja das Verhältnis zwischen Gott, Israel und den Menschen zu feiern. Es wäre an der Zeit, die Freude an der Gabe der Thora zum Ausdruck zu bringen; der Weg für Christ*innen in Richtung Jerusalem ist die Mitfreude an den Bundesschlüssen und an der Thora Gottes.

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