»Sprich – doch scheide das Nein nicht vom Ja« (Paul Celan)

Beten mit Psalm 30
Von Helmut Ruppel

Dem biblischen Sprechen nahekommen, im biblischen Denken zu atmen – kaum einem war es so gegeben wie Paul Celan. »Bete, Herr. Wir sind nahe« (»Tenebrae«) ist eine Wendung, die dem Psalmen-Weitersprechen in völlig säkularer Zeit entspräche. Auffällig ist die große Zurückhaltung – mit eindrücklichen Ausnahmen[i]– protestantischer Stimmen gegenüber Celan, während er in der katholischen Literatur sehr nachdenklich aufgenommen wird; verwendet Celan doch viele Wortanklänge an katholische Frömmigkeit. Das mag mit vielem zusammenhängen – seiner »säkularen Spiritualität«, der tief empfundenen Nähe zu mystischem Sprechen und Schweigen, der Aufmerksamkeit für »Meister« Eckart – vor allem aber mit seiner Herkunft aus dem osteuropäisch katholischen Raum und der großen Liebe zur russischen und französischen lyrischen Tradition, aus der er – denk- und gefühlsverwandt – viele Werke übersetzte. Celan, der Übersetzer, ist ein kaum beachtetes Thema.

Der 100. Geburtstag Paul Celans am 23. November 2020 war Anlass auch für christliche Theologen, wieder auf ihn zu hören. Vor allem der katholische Systematiker Jan-Heiner Tück (Wien) nahm Celans Dichtungen als »theologische Provokation« wahr und publizierte sehr anregende Aufsätze und den Band »Gelobt seist Du, Niemand.«, der den Opfern der Shoah einen Ort in der eigenen Sprache zu geben versucht; er verwendet die Celan’sche Prägung »Vom Unbestattbaren her«. Dabei sei am Rande erwähnt, ob nicht auch die Wendung vom »Holocaust-Gedenktag« innerhalb kirchlicher Sprache angefragt werden sollte. Die diesjährigen Ansprachen zum 27. Januar im Bundestag verwendeten »Shoah«. Die katholische Theologin Lydia Koelle hatte zuvor in ihrem Band »Paul Celans pneumatisches Judentum – Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Shoah« schon vor Jahren (1997) nachgespürt und wahrgenommen. Unter den Protestanten hat eindrücklich und mit großem Gewinn für eine Anthropologie der Psalmen Bernd Janowski in seinen »Konfliktgespräche[n] mit Gott« Gedichte Celans herangezogen und ausgelegt (wie Arbeiten von Paul Klee!), vermochte er doch an Celans Gedicht »Psalm« anzuknüpfen[ii].

Damit sind wir beim biblischen Psalm 30 angelangt, einem Psalm voller Goldkörner christlicher Tradition – aber ist er es auch? Kennen wir den Psalm überhaupt? Wir wissen nicht, ob Celan ihn »erkannt«, eins mit ihm war. Er ist ihm beim Zusammenhalten von Nein und Ja nahe verwandt.

Hören wir Psalm 30 in einer Übersetzung »frei nach dem hebräischen Metrum in deutsche Verse übersetzt« von Lorenz Wilkens:

1   Ein Gesang – ein Lied zur Weihe des Hauses

     von David

2   Erhöhen will ich dich, o Herr,

     denn du hast mich erlöst.

     Du hast nicht zugelassen,

     dass meine Feinde sich an mir vergnügen.

3   Zu dir rief ich, o Gott,

     und du hast mich geheilt.

4   Du hast mich aus der Unterwelt geholt,

     du riefest mich zurück von denen, die hinab müssen.

5   So singt dem Herrn, die ihr ihn liebt!

     Rühmt sein heiliges Gedenken!

6   Sein Zorn – er dauert einen Augenblick,

     ein Leben lang sein Erbarmen.

     Am Abend herrscht das Weinen,

     am Morgen kommt der Jubel.

7   Ich sprach in meiner Ruhe:

     Niemals will ich wanken.

8   Du stellst mich, Herr,

     auf hohe Berge.

     Doch als du dein Angesicht verbargst,

     kam über mich Entsetzen.

9   Mein Gott, mein Herr,

     ich rief hinauf zu dir und flehte.

10 Was nützt dir denn mein Blut,

     wenn ich in die Grube fahre?

     Könnte denn Staub dich preisen

     und deine Treue loben?

11 Höre mich, o Herr, erbarme dich und komm zu Hilfe!

12 In einen Tanz verwandeltest du meine Klage,

     hast mich befreit vom Trauermantel,

     mit Freude mich gegürtet.

13 Damit meine Ehre niemals müde werde,

     dir zu singen, mein Herr und mein Gott,

     ich will dich rühmen allezeit.

 Die Version im Evangelischen Gesangbuch hat die Überschrift: »Herr, mein Gott, ich will dir danken« – das trifft auf die Verse zu, auf Psalm 30 nur mittelbar, denn der zieht alle Register gegen Gott, lärmt in voller Klage und Anklage. Zerrissenheit und Verzweiflung, Angriffe auf Gott in spitzzüngiger Widerrede. Doch das erfährt nur, wer zur Bibel greift und sieht, dass die Gesangbuchkommission im Übereifer der christlichen Seelenschonung kräftig Zensur betreibt – die Verse 2b.4.7-11 fehlen! Das Psalmgefüge ist damit gänzlich entdramatisiert, worauf und warum der Dank ertönt, bleibt »außen vor«. »Du hast meine Klage verwandelt in einen Tanz, den Sack der Trauer aus gezogen...« – welche Klage, welche Gründe zum Trauermantel, fragt man.

Die Goldkörner, die Perlen der Dankeskette sind geblieben – durch welche Tiefen und Todesnöte sie hindurch mussten – besser verschweigen!

Die Gründe, dies zu rechtfertigen, kenne ich – keine Zumutungen für die Gemeinde, keine Überforderung im Gottesbild, keine Verstörung im Glaubenshaushalt – die große Schonung! Man muss der Heiligen Schrift eben mal die Hand führen, damit die Glaubenden nicht erschrecken.

Diese Bevormundung in der Sache offenbart ein Gemeindebild, das wirklich traurig ist: Leicht erschreckbar, unselbständig, gedankenarm, irgendwie zurückgeblieben, darf »Danke« sagen, hat sich aber dazu gar nicht hindurch gerungen, weiß nicht, angesichts welcher Bedrohung. Bibel in Schonkost. Von der Reformation zum Reformhaus? »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!«, dieser Grundton tönt auch durch die gelöschten Verse:

»Du hast mich aus der Unterwelt geholt, du riefest mich zurück von denen, die hinab müssen.

Ich sprach in meiner Ruhe: Niemals will ich wanken. Du stellst mich, Herr, auf hohe Berge. Doch als du dein Gesicht verbargst, kam über mich Entsetzen. Mein Gott, mein Herr, ich rief zu dir hinauf und flehte.

Was nützt dir denn mein Blut (mein Leben), wenn ich in die Grube fahre? Könnte denn Staub dich preisen und deine Treue loben? Höre mich, o Herr, erbarme dich und komm zu Hilfe!«

»Ich lasse dich nicht!«, diese Satzhälfte enthält die gesammelte Kraft, Gott den Segen abzuringen, in unserem Psalm das Leben abzuringen. Lässt man diese Bitte aus, löscht man im Grunde alles, worum es Beter und Beterin geht. Man löscht die Stimme Celans mit ihrem »Bete, Herr...

Die Bonner Systematikerin Cornelia Richter fragt in einer Predigt[iii]: »Wer betet hier?«, eine Frage, auf die die Gesangbuchversion rasch eine Antwort hat: Ein aus tiefstem Herzen Dankender. Er war in der »Tiefe« und wurde aus ihr errettet. »Tiefe« kann für vieles Schreckliche stehen, in Virus-Schrecken-Zeiten für den elementaren Mangel an Leben, das heißt biblisch wie gegenwärtig: Atem. Seele und Kehle sind in einem Wort gefasst, nefesch, durch sie hindurch leben wir, atmen wir. Die Schöpfungsgeschichte beginnt mit der Überwindung der »Tiefe«. Doch die Betenden, die Dankenden sind aus der Tiefe gerettet, mag am Abend noch das Weinen regieren, der Morgen kommt bestimmt, ganz gewiss, das ist unsere Zuversicht.

Noch einmal: Wer ist der Beter? Ein Dankender allein? Offensichtlich gerät ihm eine leichte Sorglosigkeit, ein »Schuss Überheblichkeit« (Richter) ins dankende Herz – wie nachvollziehbar! Wer wieder gehen kann, will auch hüpfen, springen, rennen, ist unbesiegbar geworden: »Niemals will ich wanken!« Und unvorhergesehen (um nicht Hitlers Lieblingswort »schlagartig« zu sagen), unversehens, gänzlich unerwartet überfällt einen die furchtbare Erfahrung: »Du verbargst dein Antlitz«!

Wer von »Angesicht zu Angesicht« lebt, erlebt Lebensverlust, Todesnähe, das Ringen um Atem, »kam über mich Entsetzen«. Im Psalm ertönt jetzt ein »Schrei nach Hilfe, der die Aggression der Panik in sich trägt, der aus Angst um sich schlägt: ›Was nützt dir mein Blut, wenn ich zur Grube fahre? Wird dir auch der Staub danken und deine Treue verkündigen? Herr, höre und sei mir gnädig! Herr, sei mein Helfer!‹ Die Toten, so das alttestamentliche Verständnis, können Gott nicht mehr loben. Deshalb ist der Schrei nach Hilfe zugleich eine Drohung. Du schadest dir selbst, Gott, wenn du mich jetzt nicht errettest. Es ist ein Handel: Rettung gegen Lob und Treue. Nur wer lebt, kann Gott die Ehre geben. Entscheidend ist freilich auch hier – selbst wer so mit Gott spricht, wem die Wut das Wort führt, spricht noch mit Gott. Die Verzweiflung macht sich Luft, aber sie wendet sich nicht ab.«[iv]

Richter hat den theologischen Nerv getroffen – Celan verdichtet ihn: »Sprich – doch scheide das Nein nicht vom Ja«. In der Schärfe des Angriffs hat es ihnen vor fast 250 Jahren (1774-1776) Moses Mendelssohn vorgesprochen: »Was nützt mein Blut, dass ich soll ins Verderben sinken? Wird Staub dir danken? Verkünden deine Wahrheit?« Diese beiden äußerst verknappten Fragen-Atem-Stöße lassen nur noch ein »Erhöre mich, Herr!« zu ( M. M., Die Psalmen, Henssel, Berlin 1991). Zu welchen Argumenten greift der Beter? Will er den Schöpfer bei dessen Lobe-Bedürftigkeit fassen? Lässt du mich sterben – ein lobend-dankendes Geschöpf weniger? Für mein Gehör ist das ein unfasslicher Vorstoß, ein Handel, ein Fechten, wie es in Psalm 88, 11-13 sich zuspitzt: »Wird im Grab erzählt deine Güte? Du solltest ein Wunder tun für die Toten!«. Janowski konstatiert: »Es geht um das Leben des Beters und um das Gottsein Gottes – dieses aber nicht ohne jenes.«[v] Das nennt man wohl ein argumentum ad deum. JHWH soll erkennen, dass sein Eigeninteresse es ihm verbieten müsste, den Beter vorzeitig in die Scheol zu verbannen, da er sich dadurch eines kostbaren Zeugen und Verehrer seiner Güte und Treue berauben würde«.[vi] Was tun? Auf keinen Fall ins Gesangbuch aufnehmen! Und so steht er auch nicht dort...

Martin Luther, der große Psalmenverehrer, war zutiefst erschrocken angesichts des Zusammenhangs von der Zukunft Gottes und der Zukunft der Betenden und Bekennenden; er erkennt, dass er in eine Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Gebetstradition gerät. Hatte diese denn den Vers »Du thronst auf den Lobgesängen Israels« vergessen (Psalm 22)? Hier sind wir an die Wurzel biblischer Gottesrede gelangt: Immer geht es um die Hoffnung auf den rettenden Gott, selbst dann, wenn nach menschlichem Ermessen nichts mehr dafür spricht. »Ich lasse dich nicht, du rettest mich denn!«.

Das sind bundesgemäße Klage, Anklage, Hoffnung, Vertrauen und das appellatorische Nein im nie aufgegebenen Ja. »Unser Tod ist deine Niederlage!«, sie erinnern Gott an Gott. Auch die Sprache kommt an ihr Ende. Versiegt im Tod die Sprache des betenden Menschen, versiegt Gottes Wirklichkeit. Gibt es einen größeren Grund, Psalm 30 zu beten, wie er im Psalter steht? Es gilt: »Sprich – doch scheide nicht das Nein vom Ja.«.

 


[i] Bernd Janowski, Konfliktgespräche mit Gott, eine Anthropologie der Psalmen, Neukirchener Verlag 2001; in dem von Heike Krötke herausgegebenen Band. »Ein Wort – ein Glanz, ein Flug, ein Feuer«, Theologen interpretieren Gedichte, Stuttgart 1998, gibt es schöne Auslegungen Celanscher Gedichte, u.a. von Martin Uhle-Wettler (»Tenebrae«), Christoph Demke (»Corona«) und Ernstpeter Maurer (»Sprich auch du«).

[ii] a.a.O., S. 219-221.

[iii] Cornelia Richter, Gottesdienst am 3. Advent, 11.12.2016,Schlosskirche Bonn, docplayer.org./75120402

[iv] Richter, a.a.O.

[v] Janowski, a.a.O., S. 236

[vi] Janowski, a.a.O., S. 246

Im Zusammenhang lehrreich: Emmanuel Levinas, Zur jüdischen Leseweise der Bibel, in: Ders., Außer sich, Meditationen über Religion und Philosophie, hrsg. v. Frank Miething, München 1991.

Auf die biblisch-theologische Stimme Celans und ihrem ihr innewohnenden Verstummen hört die eben veröffentlichte große Arbeit von Jan-Heiner Tück, Gelobt seist du, Niemand: Paul Celans Dichtung – eine theologische Provokation, Freiburg 2020, 352 S. (siehe auch die Rezension auf Seite 70).

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