Vor 60 Jahren gingen die ersten Sühnezeichen-Freiwilligen nach Israel

Von Jutta Weduwen

Der Gründungsvater von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Lothar Kreyssig sagte 1958 in seinem Gründungsaufruf: »Wir Deutschen haben den zweiten Weltkrieg begonnen und schon damit mehr als andere unmessbares Leid der Menschheit verschuldet. Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen von Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, der hat nicht genug getan, es zu verhindern. (...) Lasst uns mit Polen, Russland und Israel beginnen, denen wir wohl am meisten weh getan haben.«

Seit der Gründung von Aktion Sühnezeichen bemühten sich Kreyssig und andere Unterstützer*innen und Begleiter*innen der Arbeit um Kontakte zu den Ländern, die unter dem Terror der Nationalsozialisten gelitten hatten. In Israel gab es im ersten Jahrzehnt nach der Staatsgründung große Zurück haltung, überhaupt Kontakte zu Deutschland und Deutschen einzugehen. Kreyssig und seine Mitstreiter*innen bemühten sich um Kibbuzim, die Sühnezeichen-Freiwillige aufnehmen würden. Erschwert wurden diese Bemühungen durch den Eichmann-Prozess, der im Frühjahr 1961 in Jerusalem stattfand. Mit diesem Prozess wurde zum ersten Mal in Israel in der breiten Öffentlichkeit über die Shoah gesprochen. Überlebende kamen zu Wort, die Vorbehalte gegen Deutsche wuchsen.

Die Bemühungen von Aktion Sühnezeichen, Partner*innen in Israel zu finden, wurden von Anfang an von israelischen Regierungsstellen, unter anderem dem israelischen Außenministerium, begleitet. So entstanden Kontakte zum Kibbuz Urim im Negev. Die Aufnahme deutscher Freiwilliger wurde dort lange abgewogen.

Im Herbst 1961 reiste dann die erste Gruppe von zehn Sühnezeichen- Freiwilligen nach Israel aus. Sie wurden für die alltäglichen Arbeiten im Kibbuz eingesetzt: in den Ställen, in der Fabrik, in der Küche und Waschküche und auf den Feldern. Dadurch standen die Freiwilligen tagtäglich im direkten Austausch mit den Chaverim, den Kibbuzmitgliedern. Diese hatten sich für die Aufnahme der Deutschen entschieden und sich damit bewusst auf einen Prozess eingelassen, der natürlich auch mit Unsicherheiten und weiteren Vorbehalten verbunden war. Das Eis, auf dem diese Annäherung stattfand, war dünn, und beide Seiten begegneten sich zwar meistens höflich, aber mit Zurückhaltung. Die Freiwilligen wurden nach ihren Familien, nach dem Umgang mit der NS-Geschichte im Nachkriegsdeutschland, nach Antisemitismus und nach ihren Motiven für ihren Dienst in Israel gefragt. Sie reagierten teilweise offen, teilweise unwissend, teilweise erschreckt und häufig voller Scham. Diese Begegnungen waren zarte Anfänge einer Verständigung und Annäherung.

Aktion Sühnezeichen suchte weitere Partner*innen und Projekte in Israel, an denen Freiwillige helfend beteiligt sein könnten. Dabei gab es auch Ablehnungen. So votierten Anfang 1962 das Außenministerium und das israelische Parlament, die Knesset, gegen die Mithilfe von Sühnezeichen- Freiwilligen am Ausbau des Kinderheims »Ahava«. Der Kontakt zwischen Deutschen und jüdischen Kindern sollte vermieden werden.

Es konnten aber weitere Freiwillige in Kibbuzim entsandt werden und sich auch an dem Aufbau eines Blindenheims in Jerusalem beteiligen. In den vier Jahren, die der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Mai 1965 zwischen Deutschland und Israel vorausgingen, hatten schon mehrere Gruppen von Sühnezeichen-Freiwilligen in Kibbuzim und an Bauprojekten mitgewirkt. Aktion Sühnezeichen war somit auch durch die Kontakte auf politischer Ebene Vorreiterin der staatlichen Beziehungen.

Der damalige Leiter des Israel-Programms, Pfarrer Otto Schenk, suchte 1963 das Gespräch mit Martin Buber, dem jüdischen Religionsphilosophen. Er erinnert sich an seine Fragen an Buber: »Was kann die deutsche Jugend für die Aussöhnung mit Israel weiter leisten, wenn sie nach einem Jahr Arbeit und gemeinsamen Leben in Israel nach Deutschland zurückkehrt? Plötzlich richtet (Buber) sich in seinem Sessel hoch und fragt mich erregt: Wollen Sie eine klare, ehrlich Antwort? Bitte: Die Aussöhnung mit dem Volk Israel ist keine Frage des deutsch-jüdischen Verhältnisses, sondern eine rein deutsche Problematik! Es gibt, glaube ich, (...) keine ernst zu nehmende Arbeit in Deutschland, die sich mit der Frage auseinandersetzt: Wie war diese Entmenschlichung möglich? Wo liegen die Wurzeln? Welches sind die Quellen? (...) Und trotzdem meint Buber – und er spricht es mit spürbarer Leidenschaft aus –, nur wir jungen Deutschen allein können die Tat der Aussöhnung, nicht mit dem Juden, sondern Aussöhnung mit uns selbst vollbringen.«[1]

Inzwischen blicken wir auf 60 Jahre zurück, in denen mehr als tausend junge und ältere Menschen an einem Freiwilligendienst, Sommerlager oder Begegnungsprogramm in Israel mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) teilgenommen haben. Freiwilligendienste und Austauschprogramme in Israel sind für junge Deutsche inzwischen etabliert. Dazu hat ASF viel beigetragen.

Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel wurde immer auch von kontroversen Diskussionen begleitet. Unsere Freiwilligen haben in Israel an vielen Stellen Kriege und militärische Auseinandersetzungen erlebt. Nicht immer war die politische Positionierung einfach oder innerhalb der Freiwilligengruppen einheitlich. Die politischen Ereignisse und Zuspitzungen der Konflikte wurden durch Diskussionen, aber vor allem durch die Sorge um die Menschen vor Ort begleitet. Die Freiwilligen können daran politisch wachsen. In Israel lernen sie, dem Bedürfnis zu widerstehen, politische Auseinandersetzungen unterkomplex zu beurteilen oder sich auf einfache Täter-Opfer-Schemata zurückzuziehen. Wir erleben bei unseren Freiwilligen nach einem Jahr Aufenthalt ein hohes Maß an Reflexivität, mit dem sie verschiedene Positionen abwägen und sich einseitigen Erklärungen widersetzen können. Außerdem entwickeln sie eine hohe Sensibilität dafür, Antisemitismus und die Grenze zwischen Israelkritik und Judenfeindschaft erkennen zu können. Das pädagogische Begleitprogramm, das Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ein großes Anliegen ist, hilft, die Situation in Israel und im Nahen Osten in seiner historischen, politischen, gesellschaftlichen und geografischen Komplexität zu verstehen.

Von unschätzbarem Wert für ASF und alle Israel-Freiwilligen sind die Begegnungen mit Shoah-Überlebenden, die bis heute möglich sind. Freiwillige besuchen sie zu Hause oder in Altenheimen, helfen im Haushalt, machen Besorgungen oder sind Gesprächspartner*innen. Der Auschwitz-Überlebende Jehuda Bacon wird seit Jahrzehnten von Freiwilligen besucht. Er schrieb uns vor drei Jahren zum 60-jährigen Bestehen von ASF: »Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist eine Organisation mit der Möglichkeit, sehr viel Gutes zu tun«. Diesen Auftrag nehmen wir uns weiter zu Herzen.


[1] Gabriele Kammerer, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste – Aber man kann es einfach tun, Göttingen, Lamuv Verlag 2008, S. 76/77 Innenseite.

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