Abendsegen von Helmut Ruppel 24. - 30. April und 8.-14. Mai

Abendsegen von Helmut Ruppel

Teil I

Montag, 24. 04.

Es war einmal ein Bildhauer, der einene großen Marmorblock heftig mit seinem Meißel bearbeitete. Ein kleines Mädchen sah zu, sah aber nur die sprühenden Steinsplitter und hielt sich die Augen zu. Es hatte keine Ahnung, was da vor sich ging.
Als das Mädchen einige Wochen später wieder in die Werkstatt kam, erblickte es zu seinem größten Erstaunen einen mächtigen Löwen auf dem Platz, wo vorher der Marmorblock gestanden hatte.
Aufgeregt lief das Mädchen zu dem Bildhauer und sagte: „ Woher wussten Sie, dass ein Löwe in dem Marmorblock steckte?“.

Und wissen wir, was in uns steckt? Und vor allem: Wer führt den Meißel?

Gott, der sieht, was ins uns steckt, segne unsere Nacht und schenke uns morgen  einen Tag, an dem wir unsere Nächsten aufmerksam ansehen...

 

Dienstag, 25. 04.

Im Februar ist ein besonderer „Pfarrer und Poet dazu“ in Bern gestorben. Sein Name: Kurt Marti. Eins seiner vielen Bücher trägt den Titel: „Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde“ ...Eine Woche nach dem Osterfest lese ich sein Gedicht „Ihr fragt“:

Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
Ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist die auferstehung der Toten?
Ich weiß es nicht.

Ihr fragt
gibt’s eine auferstehung der toten?
Ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s keine aufstehung der toten?
Ich weiß es nicht

ich weiß nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben

ich weiß nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt

Gottes Segen komme zu uns, stärkend und mutmachend; Gottes Segene befreie uns und lasse uns morgen aufstehen in ein erfülltes Leben.

Quelle: Kurt Marti, Leichenreden, Frankfurt a.M. 1976, 25

 

Mittwoch, 26. 04.

Ostern liegt schon wieder eine Woche hinter uns. Ostern mit dem überwältigenden Wunder: Christus war tot, nun lebt er. Der Tod ist besiegt: Halleluja! Mit diesem Siegesruf beginnt das Christentum.
Aber, so fragt Johann Hinrich Clausen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche: Sind wir denn so „Ostersonntagschristen“ mit Jubel, Triumph und Hallelujah? Gibts da nicht auch Zweifel und eine gewisse Verhaltenheit? Und er verweist auf den kleinen Bruder des Ostersonntags, den Ostermontag! Und sagt  nachdenklich: „Wir sind in unserem Glauben mehr Abendmenschen als Morgenmenschen...viele von uns sind eher Ostermontagabendchristen als Ostersonntagmorgenchristen...man muss als Christ nicht immer nur Hallelujah singen, man kann auch sagen: ' 'Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.'“
Und so trage uns sein Segen durch den Abend, durch die Nacht hin zu einem neuen Tag!

Quelle: Johann Hinrich Claussen,  Gegenwind-Gedanken, Auf dem Fahrrad durch das Kirchenjahr, Freiburg 2012, 71f.

 

Donnerstag, 27. 04.

Gidon Kremer, ein jüdischer Geiger aus Riga, der mit seinem Orchester Kremerata Baltica oft in Neuhardenberg zu Gast ist, erzählt:

„Die Probe zum Violinkonzert ging zu Ende...da sprach mich eine Frau an, die von einem Kind begleitet wurde. Ich nahm wahr, dass es blind war. Seine Mutter fragte mich, was ich für eine Geige spiele. „Eine Stradivari“, antwortete ich etwas verlegen. „Stell vor dir“, sagte sie zu dem Mädchen, „ du hast eine echte Stradivari gehört.“ Sie bat dann, ob ihre Tochter die Geige anfassen dürfe. Das Mädchen begann tastend mit seinen Fingern über die ganze Geigenfläche zu wandetrn, mit äußerst sachten Bewegungen, als ob es einen lieben Menschen zu erkennen versuche...
Am Abend, als ich die ersten Töne spielte, hatte ich das Gefühl, das Instrument sei von einem besonderen Geist beseelt. Die Behutsamkeit des Mädchens übertrug sich auf die Stradivari, die Sehnsucht und Vertrauen an mich weitergab....“

Der Segen Gottes leuchte über uns wie eine bewegende Musik und schenke uns seine bewahrende Kraft bis zum Morgen.

Quelle: Gidon Kremer, Obertöne, Salzburg/Wien 1997, (bearbeitet)

 

Freitag, 28. 04.

Es ist Schabbat-Abend geworden und die jüdischen Gemeinden und Familien in unserer Stadt versammeln sich zu Gebet, Gespräch und gemeinsamen Essen. Einer ihrer großen Erzähler, Elie Wiesel, erinnert uns:

„Wenn jemand leidet, wenn jemand einsam ist, hat niemand das Recht, sich fortzustehlen oder die Augen zu verschließen. Wenn jemand Unrecht erleidet, darf niemand sich abwenden; wer leidet, hat Vorrang. Sein Leiden gibt ihm das Recht dazu. Wenn jemand neben dir weint, so hat er Anspruch auf dich, auch wenn sein Leid ihm von euerem gemeinsaem Gott auferlegt wurde.
Über einen Menschen, der leidet, zu wachen, ist dringlicher als an Gott zu denken. Der Mensch ist zu schwach, um mit Gott zu kämpfen, aber nicht zu schwach, um für sein Ebenbild einzutreten oder seine Wunden wenigstens zu verbinden.“

Es segne und behüte uns alle  barmherzige und menschenfreundliche Gott.

Quelle: Elie Wiesel, Adam oder das Geheimnis des Anfangs, Freiburg 1987, 63f.

 

Sonnabend, 29.04.

Ein Wochenende mit Gästen? Hans Magnus Enzensberger kennt fast alle unsere Gäste, die, die wir lieben und die, die wir beseufzen:

Gäste
Die immer zu spät kommen
Die immer in letzter Minute absagen
Die nur ganz kurz vorbeischauen
Die mit den Diätvorschriften
Die ihre Blattpflanzen, ihre Babys und ihre Bernhardiner mitbringen,
Die immer jüdische Witze erzählen,
Die nur Mineralwasser trinken
Die, denen schon die Augen zufallen
Die auf dem Balkon rauchen müssen
Die immmer wissen, wer was mit wem hat
Die noch schnell anderswohin müssen
Die willkommen sind, auch wenn sie nicht vorher anrufen

Und der menschenfreundliche Gott segne unsere Vielfalt und Lebendigkeit. Er segne uns und unsre Gäste , schenke uns allen ein gutes Aufwachen!

Quelle: H.M. Enzensberger, Gedichte 1950-2015, Berlin 2014, 223, TB 4554

 

Sonntag, 30. 04.

Die schönste Berliner Brücke ist die Weidendammbrücke über die Spree in der Mitte der Stadt. Theodor Fontane führte bei einem Spaziergang1844 die 19jährige Emilie Kummer über die Brücke, wenige Schritte später verlobte er sich  mit ihr. Wolf Biermann ließ sich auf der Brücke fotografieren vor den Schwingen des gusseisernen Adlers. Seine Unterredung mit Gott passte gut dorthin:

„Gott, und bist du nichts als ein Loch,
dann lass mich durch,
Gott, und bist du nichts als ein Brot,
dann komm in meinen Bauch,
Gott, und bist du nichts als ein Schluck,
dann fließ durch meinen Hals,
Gott, und bist du nichts als ein Licht,
dann mach mich an.“

Gott, segne unsere Ohren mit Musik, unsere Müdigkeit mit stärkendem Schlaf, unser Leben und Handeln mit deinem Geist.

Quelle: Wolf Biermann, Alle Lieder, Köln 1991,30

 

Teil II

Montag, 08. 05.

Jedes Jahr holt uns der Kalender ein, so heute mit dem 8. Mai. Ein Tag unvergesslicher Freude, ein Tag der Schmach und Schande. Der israelische Historiker Saul Friedländer schrieb zum 8. Mai:1945 „Ein Schlussstrich unter 12 Jahre Schreckensherrschaft, die schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte. Was mich beunruhigt ist das Anwachsen einer ambivalenten Einstellung zur deutschen Vergangenheit“.  Er spricht vom Anwachsen des „klassischen rechten Nationalismus“. Und: „Vielen Menschen macht Deutschland heute noch angst...wenn man den Klang alter Weisen wieder zu hören glaubt, bleibt einem sekundenlang das Herz stehen“. So Friedländer 1985, prophetische Worte sind das heute!
Uns bleibt nur, mit den biblischen Propheten daran zu arbeiten, „dass das Recht ströme wie Wasser“.

Gott segne und behüte uns, er stärke unsere Hoffnung für alles Kommende. Er lasse Frieden wachsen zwischen denen, die sich nicht kennen und denen, die sich zu gut kennen.

Quelle: DIE ZEIT, Nr. 7 vom 8. Februar 1985 (Auszüge)

 

Dienstag, 09. 05.

Schon zu ihren Zeiten war die Reformation ein Medienereignis; im anschwellenden Stimmenstrom von heute fällt nur wenig auf - ein Büchlein ragt heraus: Reformation – die 95 wichtigsten Fragen, von Johann Hinrich Claussen. Die Antwort ist das Unglück der Frage, weil das Gespräch für damit beendet ist. Also: Fragen! Neu und immer wieder, Fragen, Fragen!
Hat es Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 tatsächlich gegeben?
Hat die Reformation mit Martin Luther begonnen? Wer hat das beliebteste Lutherziat erfunden? Wie fand Luther sein Glück? Wie deutsch war Luther? War Luther tolerant? Warum wäre Polen beinahe evangelisch geworden? Was hatten die Kinder von der Reformation? - 95 Fragen mit Witz, Frische, Klugheit und Glauben. Und am Tagesende keine Frage, sondern eine Bitte, ein Gebet.

Mit Luthers Abendsegen: „Ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände!“

Quelle: Johann Hinrich Claussen, Reformation – Die 95 wichtigsten Fragen, München 2016, 8-13 (Auszüge

 

Mittwoch, 10. 05.

Der Mai
Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Die Apfelbäunme hinterm Zaun erröten,
Die Birken machen eine grünen Knicks,
Die Drosseln spielen auf ganz kleinen Flöten
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle,
Wir ziehn den Hut. die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai.

Ein Wunsch von Erich Kästner

Gott segne unsere Sinne mit der Freundlichkeit der Schöpfung in ihren Düften und Farben. Er segne die Nächte im  Mai, dem Mozart des Kalenders.

Quelle: Erich Kästner, Die 13 Monate, Zürich 1955

 

Donnerstag, 11. 05.

DieWoche beginnt sich wieder zu neigen. Was bestimmte die Tage? Wir haben zugehört, gesprochen, aufgenommen, hingeschaut, entschieden, Anstoß gegeben, weggeschaut, anerkannt, geurteilt. Manchmal leer, enttäuscht, ohne Kraft, müde, voller Fragen, wie entstandene Gräben überwinden, wie Zerbrochenes heilen? Da gibt es Menschen, die durch uns beschenkt oder verletzt wurden – wie wird es weitergehen? Mir bleibt nur zu sagen: Schaffe in mir, Gott, ein neues Herz, das alte gehorcht nur der Gewohnheit; gib mir ein neues Reden anstelle des alten, das ich so gut beherrsche. Lass nicht zu, dass ich mutlos werde angesichts der Giftgase, der Streubomben, der Sprengstoffgürtel, der Geldgier und Gewalt. Bitte nicht „weiter so und wie immer!“

Unser Vater, überlass uns nicht unserer Anfechtung; sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie uns widerstandsfähig machen und schenke allen deinen Geschöpfen eine gesegnete Nacht!

 

Freitag, 12. 05.

Die ältesten Berichte über Franziskus von Assisi sprechen davon, dass er sich in Liebe zu allen Geschöpfen hingezogen fühlte. Er war von Freude erfüllt, wenn er zur Sonne aufschaute, den Mond betrachtete, Saatfelder und Weinberge zum Lobe Gottes anrief. Heute, am Freitag-Abend, lobt die jüdische Gemeinde die Schönheit der Schöpfung. Der Schabbat erinnert und gedenkt der Schöpfung. Auch Christen stimmen in den Lobgesang für Gott  ein: „ Dir allein danken wir: Wäre unser Mund voll des Gesangs wie das Meer, und unsere Zunge des Jubels wie das Rauschen seiner Wellen und unsere Augen leuchtend wie Sonne und Mund und unsere Hände ausgebreitet wie Adler des Himmels und unsere Füße rasch wie Hirsche - wir vermöchten doch dir nicht genug zu danken.“

Gott segne uns mit dem Frieden einer ruhigen Nacht. In wachen Stunden schenke er uns Erinnerungen an die unglaublich schönen Dinge unseres Leben.

Quelle: Elie Munk, Welt der Gebete, 2, Sabbat–und Festtagsgebete,  Basel, 1975, 28

 

Sonnabend, 13. 05.

Die Sonntage nach Ostern tragen schöne Namen: Jubilate, Cantate, Rogate, - jubelt, singt, betet. Morgen wird der Sonntag Cantate gefeiert, „Singt!“ Und ich hoffe, dass kräftig und mit allen Sinnen in den Gemeinden gesungen und musiziert wird. Lieder und die Musik sind die Vorspiele des ewigen Lebens, was man von Predigten noch nicht gesagt hat... Das sogenannte Bach-Christentum hat hier gewiss seinen Ursprung...Ich lese Worte aus dem 98. Psalm, übersetzt von Moses Mendelssohn:

Singt ein neues Lied dem Herrn, denn er hat Wunder getan,
Sieg errang ihm seine Rechte, Sein heiliger Arm.
Jauchzt dem Herrn alle Welt! Frohlocket, singet, spielet!
Schlagt an das Harfenspiel, dem Herrn! Lasst Harfenklang und Psalter
Trompeten und Posauenschall vorm Herrn, dem Könige ertönen!
Es stürme das Meer, und was es emthält, Ströme rauschen Händeklopfen
Berge jauchzen Wettgesang: Der Herr kommt den Erdball zu richten.
Richtet den Weltkreis nach Recht!

Quelle: Die Psalmen, übersetzt von Moses Mendelssohn, Berlin 1991

 

Sonntag, 14.05.

Ob es mir gelingt, Ihnen ein Bild vor Augen zu malen?
Ein geheimer Favorit vieler Menschen ist der Maler Edward Hopper. Ein Ölgemälde heißt „People in the sun“ - Menschen in der Sonne. Da sitzen fünf Personen auf Liegestühlen auf einer Veranda. Kalt, fahl und glasig scheint die Sonne. Einer blättert in einem Buch, die andern starren in die Leere, über die Felder, an den Bergen vorbei, durch die Wolken. Warten sie auf etwas? Aber sie scheinen jede Hoffnung verloren zu haben. Ist es diese milde Depressivität, die Hopper so anziehend macht, diese Katastrophenmüdigkeit, Krisengewöhnung?
Ist ihnen in ihren Bars, Tankstellen und Hotellobbys die Sehnsucht nach einem Mehr an Gerechtigkeit,  nach der Kostbarkeit des Lebens abhanden gekommen?
Ich wünsche Ihnen eine Woche mit guten Anfängen, dass der Atem nicht ausgeht und Ihnen jemand ins Ohr flüstert, dass ein Horizont bleibt, hinter dem es weitergeht. Ein neuer Tag.

Lege auf uns deinen Segen, Gott, wie eine liebevolle Hand, die wir auf unserer Schulter spüren, wie eine Umarmung, die uns Kraft gibt, damit wir aufbrechen können in die kommenden Tage.

  • Gefördert vom:
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •