»Die Rettung des Lebens hat absoluten Vorrang«

von Malte Lehming

Ein zentraler Begriff der jüdischen Ethik heißt »Pikuach Nefesh«: Die Pflicht, Menschenleben selbst dann zu retten, wenn dadurch andere Gebote verletzt werden. Anfang der Woche veröffentlichte die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner – das ist die größte und älteste rabbinische Organisation der Welt – einen Appell in Sachen Corona. Er heißt »Über das Primat, in der Covid-19-Krise Menschenleben zu retten«. Politiker und Mediziner wurden gebeten, die Zahl der verlässlichen Tests massiv zu erhöhen und die Forschungen für einen Impfstoff zu intensivieren. Bei der Frage, ob Eindämmungsbestimmungen gelockert werden können, sollten sie auf den Rat von Wissenschaftlern hören.

Viele Bürger, heißt es anerkennend, würden die Regeln der sozialen Distanz auch dort befolgen, wo sie nicht gesetzlich vorgeschrieben seien. Die Medien schließlich sollten »die falschen Behauptungen und gefährlichen Forderungen derer ignorieren, die ihre eigene Gesundheit sowie die Gesundheit von anderen gefährden, indem sie gegen die angeordneten Schutzmaßnahmen protestieren«.

Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner ist die Hauptorganisation des liberalen Judentums in den USA, das wiederum dessen größte und wichtigste Denomination dort ist. Ähnlich lautende Appelle wurden auch von anderen jüdischen Organisationen verbreitet – wie der »Orthodox Union« und der »Agudath Israel of America«. Gemeinsam berufen sie sich auf einen in der jüdischen Ethik zentralen Begriff, »Pikuach Nefesh«.

Das heißt wörtlich übersetzt »Wachen über die Seele« und im übertragenen Sinn »Rettung aus Lebensgefahr«. Allgemein bekannt ist der Satz »Wer ein Leben (eine Seele) rettet, rettet eine ganze Welt« (Mischna Sanhedrin 4,5). »Pikuach Nefesh« indes drückt aus, dass die Rettung von Menschenleben ein oberstes Gebot ist, dessen Befolgung sogar die Übertretung anderer Gebote verlangt. Um einen Menschen zu retten, muss alles getan werden. Ausge nommen sind lediglich Mord, Inzest und Götzendienst.

Ausgenommen sind Mord und Inzest

Den Schabat zu heiligen etwa ist für gläubige Juden bindend. Wer das Gebot trotz Warnung absichtlich übertritt, begeht gewissermaßen ein Kapitalver brechen. »Pikuach Nefesh« dagegen erlaubt nicht nur, sondern verpflichtet sogar dazu, das Schabatgebot zu verletzen. Das gilt für nicht-orthodoxe Juden auch bei einem bloßen Verdacht auf drohende Lebensgefahr (»Safek Pikuach Nefesh«).

Zwar beschränkten in der Vergangenheit viele jüdische Gelehrte, darunter der Philosoph Maimonides, das Anwendungsgebiet der Lebensrettungspflicht auf andere Juden, doch vor allem außerhalb Israels ist es inzwischen Konsens, dass alle Menschen gemeint sind.

»Pikuach Nefesh« geht zurück auf das 18. Kapitel im Buch Levitikus, wo es heißt: »Ihr sollt auf meine Satzungen und meine Vorschriften achten. Wer sie einhält, wird durch sie leben« (3. Buch Moses, 18,5). In der rabbinischen Auslegung wird dieser Satz ergänzt durch »und nicht ihretwegen sterben«.

In Israel wird mitunter leidenschaftlich über das »alles«, was für die Rettung eines Lebens getan werden muss, gestritten. Im Jahr 2006 wurde der damals 19-jährige israelische Soldat Gilad Shalit von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt und als Geisel gehalten. Drei Jahre später wurde er gegen Hunderte palästinensische Gefangene ausgetauscht, die zum Teil wegen der Beteiligung an Terroranschlägen verurteilt worden waren.

Nicht Leben gegen Leben aufrechnen

Die Hamas feierte den Deal, Israel hatte sich erpressbar gezeigt, viele der Freigelassenen nahmen alsbald ihren Kampf gegen »die Zionisten« wieder auf. War es das wert? Den Geboten der Halacha, dem jüdischem Recht, zufolge ja. Denn »Pikuach Nefesh« wird durch ein anderes halachisches Prinzip ergänzt: »ein dochin nefesh mipnei nefesh« – du darfst nicht Leben gegen Leben aufrechnen. Gilad Shalit musste befreit werden, obwohl der Preis dafür sehr hoch war.

Die halachischen Prinzipien begründen auch, warum in Israel andere Kriterien bei der Anwendung einer Triage gelten als etwa in Italien. Eine Triage tritt ein, wenn die Zahl der Menschen, die gerettet werden müssen, die Kapazitäten der Krankenhäuser übersteigt. Dann sind Entscheidungen darüber vonnöten, wem bevorzugt geholfen werden soll. In Italien waren das Patienten mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit und Patienten mit mehr voraussichtlicher Lebenszeit.

Jung gegen alt: Das ist verboten

Insbesondere das zweite Kriterium – das in der Praxis meist eine Bevorzugung von jungen gegenüber alten Patienten bedeutet – wird von jüdischen Ethikern abgelehnt. Mediziner dürften nicht diskriminieren, heißt es zur Begründung. Sie dürfen keine Entscheidung aufgrund von Alter, Rasse oder Religion, Geschlecht, Behinderung, Obdachlosigkeit oder Vermögensverhältnissen treffen.

Relevant sei für sie einzig die Frage, wie die größte Zahl an Überlebenden gewährleistet werden kann. Das Kalkül, wie hoch deren weitere Lebens erwartung sei, dürfe in die Entscheidung nicht einfließen. Jung vor alt: Das ist verboten.

Rabbiner Akiva Tatz, ein halachischer Bio-Ethik-Gelehrter, drückt das so aus: Auch extrem alte Patienten müssten umfassend behandelt werden – »und selbst, wenn ein Patient wegen seines hohen Alters meint, lieber sterben zu wollen, darf ein Arzt das nicht berücksichtigen«.

 

Erstabdruck in: Der Tagesspiegel, 30.4.2020

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