Die sozialisierte Einsamkeit – ein Essay

von Lorenz Wilkens

Von Norbert Blüm, dem Arbeits- und Sozialminister der Regierungen Kohl (1982-1998), stammt diese Einsicht: »Die normalen Verhältnisse bieten ein Potenzial an Lust, das wir erst zu schätzen wissen, wenn wir sie nicht mehr haben.«(1) Ich möchte den Versuch unternehmen, diesen Satz auf die durch das Coronavirus hervorgerufene Pandemie anzuwenden. Folglich beginne ich mit der Frage, welche Lust es ist, die uns derzeit fehlt.

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Ich glaube, es handelt sich um das Moment des Eros, das in der Atmosphäre der Gesellschaft enthalten ist – eine allgemeine Belebung, die medial bleibt und uns nicht als Gegenstand erscheint und beansprucht, weshalb wir ihr keinen bewussten Gedanken widmen. Man kann sie treffend als »Animation« bezeichnen – eine Anregung unserer Seelenkräfte mit der darin enthaltenen Stärkung und Bejahung des Gefühls unserer selbst, und zugleich mit der Art, wie das Wort an das griechische »ánemos« erinnert, das Wind bedeutet, sodass die Animation als Brücke zwischen dem Selbst und der es umgebenden Luft verstanden werden kann – der Allgemeinheit der Gesellschaft.

Auf diese Weise gelangt man unwillkürlich zu den halbbewussten, vor bewussten Gedanken, die besagte Atmosphäre spielerisch in uns hervorruft – wie mythische Bildungen, wenn wir – zum Beispiel – unseren Leib als Krönung einer großen Pflanze phantasieren – wie eine Blüte, oder wenn wir uns vor stellen, dass aus unserem Kopf eine Reihe kleiner Wesen hervorgeht und in munterer Reihe davon spaziert, die sich uns als Abbilder unserer selbst empfehlen – oder uns als solche verspotten? Auch solche Gedanken nehmen in unserem Bewusstsein fast nie eine Dauer ein; sie sind ja frei von Ernst, von Ansprüchen, sind bloßes Spiel.

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Das Nachdenken mag von hier zu zwei Zuständen – Funktionen – des Bewusstseins übergehen, die – so lehrt uns die psychoanalytische Theorie – lebenswichtig sind:

a) Der Rêverie – das ist ein entspannter, gelöster Zustand des Bewusstseins im Sinne der Verse von Goethe: »Ich ging im Walde so für mich hin, / und nichts zu suchen, das war mein Sinn.« Das Bewusstsein ist frei von jeglichem Anspruch, jeglicher Verpflichtung. Es ist frei von der Angst, es könne ver sagen, und mithin eine Kluft zwischen sich und der Umgebung, zwischen sich und den Partnern seiner Arbeit, seines Lebens herbeiführen. Es ist ganz bei sich – und ebenso und mithin ganz bei der Atmosphäre, die es umgibt, der Atmosphäre der Natur und der Gesellschaft. Dieser Zustand erzeugt oft in dem Menschen, der sich darin befindet, die Frage, wohin es mit ihm noch hinaus wolle. Die Frage ist unbeantwortbar; sie führt ins Offene und erneuert auf diese Weise den Zeitsinn.(2)

b) Das Holding – das ist nach dem britischen Psychoanalytiker Donald W. Winnicott die Fürsorge der Mutter für sein Kleinkind, die gut genug (»good enough«) ist, um es gleichsam in Sorglosigkeit einzuhüllen, sodass es sich ohne Angst seinen Wahrnehmungen und Impulsen überlassen kann. Im Zuge seines psychischen Wachstums überträgt sich diese Funktion auf die soziale Umgebung. Sie wird im Erwachsenen zu einem kaum je für sich reflektierten Moment seines Selbstgefühls: Ja, die soziale Atmosphäre, die mich umgibt, wirkt »haltend« und schützend, sodass ich ohne Irritation und Angst den Gedanken folgen kann, die mich in die Gesellschaft vermitteln, ohne dass ich sie als Ablenkung von mir selbst empfinden müsste.

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Dagegen nun die Pandemie – eine unbestimmt allgemeine Bedrohung des sozialen Lebens und der beschriebenen Brücke zwischen ihm und dem Selbstgefühl des einzelnen Menschen. Die Gefahr der Krankheit liegt buchstäblich in der Luft, die die Menschen miteinander vermittelt; sie kann zum Tode führen. Das Atmen – es zählt zu den elementaren Funktionen des Lebens – kann zur Übertragung der Krankheit hinreichen, ebenso wie die unwillkür liche Berührung – eines der Zeichen der Sympathie, welche das soziale Leben ebenso erhalten wie zum Ausdruck bringen. Es folgt, dass die Verantwortung für das Leben – das soziale ebenso wie das individuelle – einem Maß rationaler Selbstkontrolle übertragen wird, deren Habitus niemand in sich vorfindet. Dieser Zustand ruft Angst und Abwehr und mit ihr den Hang zur Regression in eine kindliche Abhängigkeit hervor, die leicht in die Bereitschaft, sich kontrollieren zu lassen, übergeht. Doch kann deren Zumutung auch als Kränkung empfunden werden. Solche Kränkung ist die wohl wichtigste Ursache jener Phantasien, die besagen, die Atmosphäre der Pandemie sei auf gesellschaftliche oder staatliche Instanzen zurückzuführen, welche sie als Mittel der Steigerung ihrer Macht zu gebrauchen beabsichtigten – bis hin zu dem Phantasma einer allmächtigen Weltregierung, »die sich jeglicher Kontrolle entzieht«.(3)

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Zu den psychopathologischen Wirkungen der Epidemie gehören außerdem phobische Phantasien, in denen sich eine Tendenz zur Dissoziation des Bewusstseins auswirkt. In ihnen denunziert es sich selbst als den Behälter seiner Vorstellungen von Dingen, Lebewesen, Personen und ihren Handlungen. Es richtet seine Aggression gegen sich als den Zusammenhang seiner eigenen Funktionen. Es ist wie eine Revolte, ein Aufbegehren gegen seine Teilhabe am allgemeinen Leben. Ich möchte sagen, es ist die Empörung darüber, dass der zum Denken unmittelbar gehörende Impuls der Verbindung mit dem Gedachten einer unerbittlich strengen Kontrolle unterworfen wird.

Eine dieser Phobien: Eine Hand greift in das Gezweig eines Baumes, um den Schatten zu genießen, den sein Laub gewährt. Doch die Blätter stellen sich höhnisch als Würmer heraus; offenbar sind sie durch den Anblick der greifenden Finger, deren Form der von Würmern ähnelt, in sie verwandelt worden. Oder der Blick auf einen rauchenden Schornstein wird erschreckend damit belohnt, dass es sich nicht um Rauch handelt, sondern um den absurden Tanz eines Fabelwesens, das halb Mensch, halb Zebra ist.

Ich glaube, dass die Möglichkeit solcher absurden phobischen Phantasien immer zum Bodensatz des Bewusstseins gehört. Mit ihnen erinnert es sich selbst daran, dass es in einem Prozess beständigen Probehandelns begriffen und daher auf beständige Prüfung seiner Schlüsse angewiesen ist. Und nun, in der täppisch so genannten Corona-Krise, kommt hinzu, dass die dem Bewusstsein auferlegte Selbstkontrolle zu einem schier unerträglichen Ausmaß gesteigert wird, sodass ihm scheint, es könne nur mehr dagegen aufbegehren – ein Schein, der freilich von der Drohung seines Zerbrechens begleitet wird.

In diesem Sinne möchte ich das erste der »Entengedichte« vorstellen, die die Lyrikerin Monika Rinck in den zurückliegenden Wochen geschrieben hat:

Mit diesen Händen

Ich habe viele Hände, fasse alles an, fasse in den Flaum hinein,
ist er leer? Fasse diesem Hündchen in die Ohren, messe Tempi.
Messe Temperaturen, mit dem Mittelfinger meiner linken Hand. Auch
überreiche ich mich der Hand, die mich gerne nimmt. Sie legt mich auf wie eine Platte. Ich drehe mich, zu schnell, die Hand hat mich rasiert,
mit ihren Händen, glatt bin ich wie eine Summe, haarscharf und genau,
verändere meine Farbe je nach Gefahrenlage, sauber, noch genauer,
ich drücke diesen Knopf mit vielen feuchten Händen, das Ding schlüpft
in sich zurück, jeder Weltkontakt ein Missgeschick, nicht ins Gesicht!
Meine Hände haben in der Hölle gewendet! Und die Schläfe betätigt.
Gerade noch zur rechten Zeit ruft das Gedicht den Schlichter an,
es ruft die Liebe, Staub, die liebe Haut, die Poren und den Richter an.
Ich bringe viele Lichter mit. Die Hand legt meine Hände allem auf.
Sie fasst mich, fasst die Welt, sie hat der Welt ins Gesicht gefasst.(4)

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Ich sagte, das Atmen, das zu den elementaren Funktionen des Lebens gehört, könne derzeit zur Übertragung der Krankheit hinreichen. Das Nachdenken über diesen Umstand führt unwillkürlich zu der Erinnerung daran, dass zum Beginn der ersten der beiden biblischen Schöpfungsgeschichten der Satz gehört: »Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.« (Gen 1, 2b) Man kann ebenso zutreffend übersetzen: »Der Atem Gottes schwebte über dem Wasser.« Die Erde war noch nicht, doch der Raum, in dem sie werden sollte, wurde bereits von dem Atem Gottes beseelt. Indem wir atmen, sind wir mit ihm verbunden. Wir leben von seinem Geist, und wir tun es ihm mit der elementarsten Funktion unseres Lebens gleich. Doch kann sich nun das Virus darin ausbreiten, das die Seuche überträgt. Uns trifft die Angst, wir seien von dem Geist des Lebens verlassen worden.

An dieser Stelle muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass im Alt hebräischen kein Wort vorhanden ist, welches die Luft als materielle Substanz bezeichnen würde. Ja, rûach ist der Atem, aber nicht als das, was man ein- und ausatmet, sondern – psychologisch – als »Geist«: Element der Belebung – Quelle des Lebensmutes. Der Atem Gottes – das ist die elementarste Äußerung seines Lebens, die fähig ist, Leben auf das zu übertragen, was ihr begegnet – es zu »beleben«. Leben ist demnach per se mit dem Geist Gottes verbunden, doch dies nicht in einem materiellen Sinne. Daher hindert die Kontamination der Luft, die zu der Epidemie des Coronavirus gehört, das theologische Nachdenken nicht daran, sich auf Quellen des Lebensmutes – individuelle wie soziale – zu besinnen, die den Kampf gegen das Virus heilsam bestärken können. Ich möchte dankbar auf die Zeichen der Anteilnahme und Solidarität hinweisen, mit denen in der Zeit des »lockdown« Fremde, die mir begegneten, der Gefahr phobischer Isolation entgegengetreten sind. Sie machten klar, dass die Epidemie die Gesellschaft im Ganzen angeht und durch die Stigmatisierung einzelner zu Sündenböcken nicht wirksam bekämpft werden kann.

Der Lebensmut kann sich elementar von einem auf den anderen Menschen übertragen. Wir dürfen sagen, dass darin eine imitatio Dei liegt – Nachahmung der Unmittelbarkeit, mit der sein Geist sich belebend überträgt. Im Übrigen dürfen wir die medizinische Wissenschaft getrost ihre Arbeit tun lassen.

 

(1) www.domradio.de/themen/corona/2020-04-05/die-welt-watte-leben-der-corona-krise-vom-glueck-der-normalitaet
(2) Als »reverie« bezeichnete Wilfred R. Bion das »träumerische Ahnungsvermögen«, das dem Psychoanalytiker den Weg zu der Deutung der an seinem Patienten wahrgenommenen Symptome bahnt.
(3) Cf. www.domradio.de/themen/bischofskonferenz/2020-05-10/grundlegend-unterschiedliche-bewertung-der-lage-kardinal-mueller-verteidigt-unterschrift-neue-kritik 
(4) Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch die Autorin.
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