Menschen zusammenbringen, während sie voneinander getrennt sind.

von David J. Fine

Jede*r religiöse Leiter*in der Welt hat jetzt mit der Herausforderung zu kämpfen, Menschen zusammenzubringen, während er sie zugleich vonein ander getrennt hält. Wir mussten lernen, mittels eines Zoom-Meetings Gottesdienst zu halten – mit Sängern und Sängerinnen, deren Stimmen nicht zusammenpassten, und mit uner wünschten Geräuschen im Hintergrund. Wir hatten mit trauernden Familien zu tun, die ihre Lieben nicht selbst bestatten konnten, und für kleine Gruppen von fünf Personen auf einem Friedhof Dienst zu tun, auf dem im Allgemeinen hundert oder mehr erscheinen, um Abschied zu nehmen. Die geistliche Arbeit eines Rabbi in New Jersey – das im April ein »hot spot« der Pandemie des Covid-19 war – glich dem Dienst an einer militärischen Front. Ich bestattete am Tag zwei oder drei Menschen und zog jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, meinen schwarzen Anzug aus, um meine Familie nicht mit dem Virus in Kontakt zu bringen. Damals kam es unter den Rabbiner*innen zu einer Diskussion über die Frage, ob wir überhaupt bei Bestattungen und Trauerfeiern persönlich Dienst tun sollten – und dies besonders, nachdem der New Yorker Rabbiner-Rat den Kolleg*innen empfohlen hatte, im Dienst nicht persönlich präsent zu sein. Ich blieb weiterhin anwesend bei den Bestattungen. Manchmal kamen überhaupt keine Angehörigen; ich war mit dem Sarg allein. Manchmal nahm ich mit den Ange hörigen Kontakt über das Mobiltelefon auf; dann konnten sie die Gebete und die Worte, mit denen ich ihre lieben Toten ehrte, und die Töne und Gesten unserer Heiligen Über lieferung verfolgen. Ich bin dankbar für diese Gelegenheit, Trost dorthin zu bringen, wo er benötigt wurde.

Während wir versuchen, die Krise zu überstehen, öffnen einige von unseren Synagogen wieder ihre Tore, während andere noch geschlossen bleiben. Wenn wir wieder zusammenkommen, müssen wir lernen, ohne Händeschütteln, Umarmungen und die Freude des gemeinsamen Gesangs auszukommen. Wenn wir singen, müssen wir – so sagt man uns – es bei einem Murmeln, einer leisen Melodie, einem zurückhaltenden Ausdruck des Geistes bewenden lassen. Darin liegt gewiss die schwerste Herausforderung. Wir haben es ja gelernt, die Menschen zum Ausdruck ihrer Empfindungen während des Gottesdienstes zu ermuntern, damit sie sie im Singen zu Gehör bringen. Jetzt muss ich mich um Zurückhaltung und Beschwichtigung bemühen. Anstatt dass die Stimmen aufsteigen, wird uns die Rolle der Schweigenden auferlegt – alles für die Gesundheit, die Erhaltung des Lebens.

In gewisser Hinsicht sind wir Rabbiner*innen – nicht anders als die Pastorinnen und Pastoren und Priester – auf diese Herausforderung gut vor bereitet. Wir besuchten das Seminar, um zu lernen, wie man auch über große Entfernung hinweg Menschen erreichen kann, um sie aufs Neue mit der Freude der Überlieferung, der Ordnung der Liturgie und der Forderung Gottes zu verbinden. Covid-19 verdeutlicht nur die Aufgabe, die uns seit dem Beginn der Moderne gestellt wird: Wie können wir den Menschen helfen, dem Ruf Gottes auch von ferne und im Zustand der Trennung zu antworten? Wir entbehren jetzt zwar in gewissem Maße das Ausdrucksmittel des Gesangs; dabei werden wir aber mit der Gelegenheit gesegnet, die Stille zu durchbrechen, die immer da ist, besser aufeinander zu hören, in der Stille die Stimme Gottes zu hören – die kleine, ruhige Stimme.

Und zugleich hören wir – inmitten der Bewegung »Black Lives Matter« – den Ruf, sich zu erheben und zu protestieren. Der rastlose Aufbau der Quarantäne hat vor dem Hintergrund des Jahrhunderte langen Schweigens gegenüber dem offenkundigen Rassismus ein breites Spektrum von Menschen dazu gebracht, sich zu versammeln und sich Gehör zu verschaffen. Kennzeichnend für unsere Demonstrationen ist die Sorge um die Opfer des Rassismus und zugleich um die Sicherheit der Demonstrant*innen. Angesichts der realen Gefahr – sei es der des unsichtbaren Virus, sei es der der Waffengewalt, die sich gegen die Leute richten könnte, welche man verteidigen möchte – fand die Forderung, gehört zu werden, Antwort. Beide Gefahren – sowohl die, die von dem Virus, als auch die Gefahr, die von der Staatsmacht ausgeht, sind ungerecht. Doch beiden kann man mit Zeit, mit Entschiedenheit und dem Glauben an die Humanität entgegentreten.

Übersetzt von Lorenz Wilkens

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