Umkehr zum Frieden – Predigt zur Friedensdekade

Predigt zur Friedensdekade

von Gabriele Scherle

Umkehr zum Frieden – das Motto der Friedensdekade 2020 ist gespeist von der Zusage Jesu aus der Bergpredigt, die wir alle kennen: Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen (Matthäus 5,9).

Immer wieder hat dieses Versprechen Jesu in der Geschichte der Christenheit Streit ausgelöst. Ein kleiner Satz nur in einer Zusammenstellung von Selig preisungen, die Matthäus mit anderen Jesusworten zur sogenannten Berg predigt verbunden hat. In der sanften Hügellandschaft am See Genezareth, wo diese Worte nach alter Tradition angesiedelt werden, nehmen sie eine besondere Färbung an. Sie hören sich an wie der Traum einer heilen Welt für die einfachen Bauern und Fischer am See. Ein friedliches Leben unter dem Feigenbaum und Weinstock, nicht ohne Sorgen, aber doch voller Hoffnung für die Bemühungen, anständig zu leben.

So haben sie ihre alten Traditionen verstanden in Galiläa zur Zeit Jesu. Das Gesetz und die Propheten, sie wurden als Hilfe zur Gestaltung des Alltags verstanden. Ein Glaube voller Barmherzigkeit für die Sorgen und Mühen der kleinen Leute, mild wie die Landschaft und so voller Sehnsucht nach dem Gott der kleinen Dinge. »Selig sind die geistlich Armen, die Leidtragenden, die Sanftmütigen, die, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, nach Frieden und die es reinen Herzens tun ...«

In diesem Judentum war Jesus verwurzelt und aus seinem Geist stammen die Worte der Bergpredigt. »Selig sind die Friedfertigen!« Kein politisches Programm einer religiös-sozialen Bewegung oder einer theokratischen Partei. Keine »Frieden schaffen ... – und ich sage euch wie« – Rhetorik. Und doch wurden diese Versprechen der Alltäglichkeit Gottes so gehört. Schon damals in Jerusalem, dort wo jeder Stein und jeder Quadratmeter Land mit politisch-religiösen Machtansprüchen besetzt ist, bis heute. Auch ein unbedeutender galiläischer Rabbi mit seiner naiven Utopie erscheint da plötzlich gefährlich wie eine ganze Befreiungsbewegung. Jesus wurde als politischer Aufrührer hingerichtet, die christlichen Gemeinden schon bald als Staatsfeinde ver dächtigt. Und so entfaltete der Satz seine eigene politische Kraft in den Gemeinden: »Selig sind, die Frieden machen« – die die Verhältnisse nicht hinnehmen, die sich nicht mit verschuldeten Ländern, verhungernden Kindern, nicht mit ungerechten Handelsstrukturen und fast schon pervers zu nennenden Waffenarsenalen abfinden. »Selig sind, die Frieden stiften!«

So alt wie diese beiden Lesarten der Worte Jesu sind – so alt ist der Streit unter uns Christen. Sollen wir vor allem friedfertig sein, die Stillen im Lande, ohne den Schutz von Waffen leben, aber auch selber nie eine Waffe in die Hand nehmen? Die sogenannten Friedenskirchen: Quäker und Mennoniten, Waldenser und die Kirche der Brüder haben so Jahrhunderte lang gelebt, verfolgt und missachtet, Märtyrer für die Sache Jesu, kleine Gruppen ohne politische Macht und dennoch mit großer Ausstrahlung und moralischer Kraft, bis heute.

Ganz anders der Weg der Reformatoren und ihrer Nachfolgerinnen und Nachfolger. Für sie bedeutete diese Aufforderung Jesu, Frieden zu stiften, politisch aktiv und gestaltend als Kirche und Christen tätig zu sein. Denkschriften und öffentliche Stellungnahmen, ethische Orientierungspunkte und Lehren sind in Folge dieser möglichen Position entstanden, nicht selten begleitet von harten Auseinandersetzungen über die Frage der Einschätzung der jeweiligen politischen Situation. Beschmutzte Hände und viel Rechtfertigungsrhetorik waren oft der Preis.

Vielleicht haben beide Lesarten ihre Zeit und damit ihre Berechtigung. Und vielleicht sind von Zeit zu Zeit daher auch Zweifel an beiden Lesarten angebracht. Etwa da, wo das »Frieden schaffen« mit einer konkreten politischen Utopie verbunden wird – und die religiös-politische Welt sich dann in Freunde und Feinde aufteilt, gut und böse, weiß und schwarz. Oder etwa da, wo kritiklose »Friedfertigkeit« eingefordert wird, und die herrschenden Verhältnisse wie eine göttliche Anordnung erscheinen. Beiden Gefahren erliegen wir Christen in steter Regelmäßigkeit. Im ersten Fall wird dann das Versprechen Jesu als politisches Programm zur Verwandlung der Welt in das Reich Gottes gehört. Im zweiten Fall werden Himmelreich und Gotteskindschaft ebenso wie Trost und Barmherzigkeit, aber auch das Land, um satt zu werden – also all die Versprechen der Seligpreisungen Jesu –, zu völlig belanglosen religiösen Hoffnungen.

Darin also liegt heute die Herausforderung der Kirchen, die auf das Wort Jesu hören wollen. 1. Wie können wir der Freund-Feind-Logik widerstehen, wie also einen Begriff von Politik (zurück-) gewinnen, der sich nicht von der Gewalt her bestimmt? Und 2. Wie können wir der Banalisierung jüdisch-christlicher Hoffnung widerstehen, die eine Gleichgültigkeit Gottes gegenüber den politischen Verhältnissen nahelegt?

Ich glaube, die Bergpredigt legt ein Verständnis von Politik nahe, das wir noch gar nicht genug erschlossen haben. Zum einen widersteht Jesus einem Politikverständnis, das sich aus der Freund-Feind-Logik speist und sich anmaßt, »gottgemäße« Lösungen durchsetzen zu wollen. Zu seiner Zeit bedeutete das eine Auseinandersetzung mit der zelotischen Bewegung ebenso wie mit den Sadduzäern. Wollten die einen das Reich Davids mit Gewalt wiederherstellen, so haben die anderen die herrschenden Gewaltverhältnisse legitimiert. Tatsächlich war Jesus in der pharisäisch-chassidischen Kultur der Gewaltfreiheit verwurzelt, die auf ein Leben nach den Weisungen Gottes und auf Aus strahlung in die politischen Verhältnisse hinein setzte. Es ist nicht schwer in unseren Tagen hier Vergleiche heranzuziehen. Zelotisch sind alle jene Staaten und politischen Bewegungen, die sich in göttlicher Mission sehen und meinen, ihre Werte und Lebensstile mit Gewalt durchsetzen zu müssen. Sadduzäisch sind alle jene, die die herrschenden Verhältnisse rechtfertigen, weil sie von ihnen profitieren, und die Opfer nicht mehr wahrnehmen wollen, die unsere Gesellschaft produziert.

Interessanterweise war es die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die dagegen die Sichtweise Jesu für ein heutiges Politikverständnis fruchtbar gemacht hat. Anstatt Politik von der Freund-Feind-Logik und der im Zweifel gewalt tätigen Durchsetzung her zu bestimmen, hat Hannah Arendt versucht, dem Gedanken der Vergebung in der Politik Raum zu verschaffen. Politik war für sie die Eröffnung völlig neuer Möglichkeiten, wie sie dem Vorgang der Ver gebung zu eigen ist. Die Logik des »wie du mir – so ich dir« – wird durch brochen, wenn es Menschen gibt, die Verantwortung für die Täterschaft übernehmen. Menschen, die das eigene Böse erkennen – den Balken im eigenen Auge spüren – können. Es ist nur ein kleiner und doch alle verändernder Moment – es ist eine Art Weltrevolution – wo ich sagen kann: »Ich bitte um Vergebung«.

Es ist dieser kleine revolutionäre Moment, in dem sich das politische Reich ungeahnter Zukunftsmöglichkeiten eröffnet. Und ebenso eröffnet sich ein neuer politischer Raum, wo Opfer den Tätern vergeben können, wo sie nicht auf Rache bestehen und der Freund-Feind-Logik so die Grundlage entziehen.

Ein gern erzähltes Beispiel aus der Arbeit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste soll das verdeutlichen: In den Ruinen der Kathedrale von Coventry haben Freiwillige ein Jugend begegnungszentrum gebaut. Als vor vielen Jahren eine Inschrift für den Altar mit dem Kreuz aus Nägeln der zerstörten Kathedrale gesucht wurde, gab es den Vorschlag, die Worte Jesu am Kreuz zu nehmen: »Vater, vergib ihnen« (Father forgive them). Mit anderen Worten: Vater, vergib den Deutschen. Durchgesetzt hat sich dann unter dem Eindruck der Arbeit von ASF eine andere Formulierung: »Vater, vergib.« (Father forgive) Mit anderen Worten: Vater vergib uns allen, denn auch wir sind schuldig geworden. In diesem Sinne hat die Kathedrale von Coventry eine Partnerschaft mit der Stadt Dresden vorangetrieben und in der britischen Öffentlichkeit den verbrecherischen Charakter der Bombardierung Dresdens zum Thema gemacht. So haben Sühne-Zeichen in den Ruinen zerbombter Kirchen die Tür zur Versöhnung aufgestoßen.

Vergebung ist kein billiges Wort, sondern die Chance, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen und Zukunft zu ermöglichen.

Wie ist es nun mit der zweiten Herausforderung für unser Politikverständnis, vor die uns Jesus stellt. Wie entgehen wir der Gefahr, die große christliche Hoffnung von Frieden und Gerechtigkeit zu banalisieren, in dem wir sie nicht mehr auf die politischen Verhältnisse beziehen?

Hier lohnt es sich meines Erachtens darauf aufmerksam zu machen, dass Jesus mit der apokalyptischen Weltsicht seiner Zeit vertraut war. Unter den bestehenden Gewaltverhältnissen des römischen Reiches sah er weder in der zelotischen Bewegung eines gewalttätigen, wir würden heute sagen terroristischen, Kampfes noch in der stillschweigenden und korrumpierten Akzeptanz der Verhältnisse durch die Sadduzäer eine Alternative. Vielmehr lag ihm daran, die Gewaltverhältnisse aufzudecken, sodass eine Verwandlung der Verhältnisse möglich wird. Das ist die Grundbedeutung des Wortes Apokalypse: Gott deckt auf, was es an Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit auf Erden gibt.

Anders als viele es heute verstehen, ist die Apokalypse keine Schilderung der Abrechnung Gottes mit der Weltgeschichte am Ende der Zeit. Apokalypse ist der Ausdruck von Hoffnung für die Opfer. Sie deckt auf, was ist, damit sich die Dinge ändern können. Opfer müssen Opfer genannt werden, Rassismus muss Rassismus genannt werden und Kriege sind keine humanitären Interventionen. In diesem Sinn sind auch Jesu weitere Aussagen in der Bergpredigt zu ver stehen: aufrecht auch die linke Backe hinzuhalten und die zweite Meile mitzugehen. Es soll offenbar werden, wie die Verhältnisse wirklich sind.

Das Buch, das wir Apokalypse oder Offenbarung des Johannes nennen, ist aus Flugblättern der verfolgten Christengemeinden entstanden. Ja, sie waren politisch machtlos, aber sie waren nicht ohnmächtig. Sie brachten zum Ausdruck, was sie in ihren Unterdrückern sahen: Das Tier aus dem Abgrund, eine waffenstarrende Kampfmaschine und nicht einfach das verklärte Friedensreich namens Pax Romana.

Auch daraus lässt sich ein Politikbegriff gewinnen, der sich auf Jesus berufen kann. Es gibt eine Alternative jenseits von Duldung und Gewalt für jene, die Frieden stiften wollen. Indem sie aufdecken, was ist: indem sie sich nicht scheuen, die Opfer zu benennen, widerstehen sie allen Versuchen, die Hoffnung auf Gottes neue Welt von der Gegenwart fernzuhalten.

Und vielleicht liegt genau hier die aktuelle Herausforderung für die Christinnen und Christen aller Kirchen. Denn aufdeckend ist nur eine Sprache, die an der Bibel geschult, den Geist der Zerstörung in Bilder zu fassen vermag, die die Mächte und Gewalten unserer Zeit benennen kann. Vom »Tier aus dem Abgrund« zu sprechen ist etwas anderes, als politische Analysen vorzulegen und bestimmte politische Optionen zu haben. Wir müssen uns mit all denen zusammentun, die nicht wegschauen wollen, wenn Flüchtlinge an den Grenzen Europas ertrinken, oder die Armut in unserer Gesellschaft bekämpfen, die gegen den von Menschen gemachten Klimawandel aufstehen oder für eine Umkehr in der Rüstungs- und Verteidigungspolitik kämpfen, das ist keine Frage.

Aber als Kirche sind wir noch auf einer tieferen Ebene herausgefordert. Wir müssen deutlich machen, wo sich Kräfte durchsetzen, die einen Anspruch auf unser Leben geltend machen, wie er eigentlich nur Gott zukommt. Immer wenn behauptet wird, dass es keine politischen Alternativen gäbe, da haben wir es mit Mächten und Gewalten im biblischen Sinn zu tun. Wir müssen für sie eine Sprache finden, benennen, worin die totalen Ansprüche bestehen, und sie in ein Verhältnis zum Gott der Bibel setzen. Das wird nicht gehen ohne eine große Vertrautheit mit den biblischen Texten. Denn nur so können wir aufdecken, welche Kräfte sich der Verwandlung durch Gott entziehen. Im Widerstand gegen die Kultur der Ausweglosigkeit werden Türen zum Frieden aufgestoßen, den wir für alle Menschen erhoffen.

Amen

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