Politisches Nachtgebet beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2015

Dr. Dagmar Pruin, Wolfgang Thierse, Matteo Schürenberg und ASF-Freiwillige Amelie Horn beim Politischen Nachtgebet

Dr. Dagmar Pruin, Wolfgang Thierse, Matteo Schürenberg und ASF-Freiwillige Amelie Horn beim Politischen Nachtgebet

Die nachfolgenden Texte und Gebete sind für das politische Nachtgebet, das Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Zusammenarbeit mit Wolfgang Thierse auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart veranstaltet hat.

Wir freuen uns über Unterstützung in Form von Kollekten und Spenden.

„Toleranz - eine herbe, anstrengende Tugend“: Zivilgesellschaftliches Engagement angesichts der Herausforderungen von Flucht und Migration

1. Zeugnisse des Betroffenheit

Die Geschichte von Mohammed
Hans Probst

In einem ehemaligen Krankenhaus im Zimmer 3.3.3, nun Flüchtlingsunterkunft für den Bezirk Kreuzberg, saßen wir uns gegenüber. Mohammed erzählte:

„Ich wurde in Aleppo, also nahe der türkischen Grenze, vor 28 Jahren geboren. Es war friedlich in dieser so wunderschönen Stadt in der Zeit meiner Kindheit und Jugend. Unzählige Freunde waren Teil meines Lebens. Nichts sollte mich von dort wegführen – höchstens einmal ein Urlaub nach Damaskus oder in die Türkei. Daher war es auch keine Frage nach der Schule in Aleppo an einer privaten Hochschule Architektur zu studieren. In fünf Jahren absolvierte ich einen Art Bachelor. Dann sammelte ich Arbeitserfahrung, konzipierte gemeinsam mit meinem Vater ein modernes Einkaufszentrum.

Der Bürgerkrieg in Syrien betraf uns in Aleppo lange nicht; ich hoffte in meiner Heimat weiterhin leben zu können, doch die politische Situation entwickelte sich dramatisch: alleine, ohne meine Familie und meine Freundin floh ich in die Türkei, um dort zunächst in Sicherheit zu sein, aber auch in der Hoffnung eine Arbeit oder einen Studienplatz zu finden. Vergeblich – ich hatte über vier Monate keine Chancen. Ich hörte von der Möglichkeit in einem anderen Land zu studieren, fragte in der italienischen, britischen und US-amerikanischen Botschaft nach und wurde abgewiesen. Meine Geschichte als Geflüchteter interessierte dort niemanden.

Vielleicht war ich dann wirklich einfach nur verrückt – das denke ich zumindest heute, wenn ich die Bilder in den Medien sehe – und begab mich auf ein Boot, das uns nachts auf die griechische Insel Samos bringen sollte. Es klappte in dieser Nacht Gott sei Dank reibungslos. Die griechischen Behörden waren heillos überfordert, schnell wurde mir klar: hier kann ich nicht bleiben. So entschied ich mich über Belgien nach Deutschland zu gelangen – das klappte nur mit gefälschten Papieren, die mich ein Vermögen kosteten. Nun lebe ich seit einem halben Jahr in Berlin, zunächst mit 12 anderen Flüchtlingen aus der ganzen Welt in einem alten Klassenraum im Wedding, nun seit zwei Monaten zu zweit in Kreuzberg. Beide Heime sind unglaublich schmutzig, es gibt kaum einen Moment der geschützten Ruhe oder ein wenig Privatsphäre.

Auf der einen Seite mag ich Berlin sehr gerne. Das Bode-Museum, z. B. und einige junge Leute, die ich kennengelernt habe. Doch ich bin einfach müde: wie lange habe ich auf meine Aufenthaltserlaubnis gewartet, habe immer noch keinen Platz im Sprachkurs, würde sehr gerne mit anderen Studierenden zusammenleben. Die Universität scheint mir ohne Sprachkenntnis verschlossen zu sein, vom Jobcenter wurde ich abgewiesen, nicht einmal einen Händedruck erhielt ich dort. Da ist nun einfach eine Hilflosigkeit und Leere, die ich ohne Freunde und Familie nicht füllen kann. Warum also hier bleiben? Ich hatte in Syrien Arbeit, wollte heiraten und nun soll ich wieder von Null anfangen. Mir fehlt die Kraft dazu.

Meine Schwester lebt nun in Amsterdam, mein Bruder in Dubai, der Rest der Familie ist vor kurzem in die Türkei geflohen, ich bin hier in Berlin. Doch wir haben uns gegenseitig versprochen: wenn der Krieg morgen vorbei ist, sehen wir uns morgen wieder in Aleppo.“

Escheburg bei Hamburg
Matteo Schürenberg

Escheburg bei Hamburg – eine kleine Vorortsiedlung mit gepflegten Eigenheimen zwischen viel Grün. Junge Familien ziehen hier gern hin. Ein frisch renoviertes Holzhaus, rostrot gestrichen, erinnert an ein dänisches Ferienhaus. Auf den ersten Blick ein sehr friedlicher, wohlgesetzter Ort in Deutschland.

Am Mittag des 9. Februar 2015 wirft ein Nachbar in dieses Haus einen Brandsatz. Bevor sich die Flammen durch den Holzboden fressen können, kommt die Feuerwehr. Einen Tag später hätten hier sechs Flüchtlinge einziehen sollen.

Der Nachbar,  ein Familienvater und Finanzbeamter, war zuvor mit anderen Anwohnern wutentbrannt zur Gemeindeverwaltung gegangen. Dort herrschen sie die Verantwortlichen an: Eine Flüchtlingsfamilie sei hier noch zu verkraften, aber lauter Männer aus einem anderen Kulturkreis könne man doch nicht zwischen Kindergarten und Grundschule einziehen lassen. Frauen, Kinder und auch die Immobilienwerte wären gefährdet. Die erregte Anwohnerschaft sei „wie eine Wand gewesen“ – aus Wut, Angst, Abwehr und Aggression.

Nach dem Brandanschlag kommen die Polizei, die Medien und schließlich eine Mahnwache mit dem Ministerpräsidenten. Alle zeigen sich bestürzt, niemand will etwas gegen Migranten haben. Doch der Umgang mit Flüchtlingen spaltet die Anwohnerschaft, Freundschaften zerbrechen darüber. Einige haben Verständnis für den Brandstifter, sehen sich viel eher selbst als Opfer, über deren Kopf hinweg entschieden wird. Denn, so ein Leserbrief, „Wer hier einfach so Menschen installiert, der darf sich nicht wundern.“ Andere wiederum verurteilen die Tat und fordern Offenheit für die Flüchtlinge. Stimmen  aus Zuschriften: „Wir sind nach Escheburg zugezogen, mit freier Ortswahl. Kein Nachbar wusste, wer wir sind. Keiner hat uns dafür angefeindet. Flüchtlinge (hingegen) werden zugewiesen, […] haben keine Wahl “ – „Man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen. Ich meine […] insbesondere die Ängste der geflüchteten Menschen.“ – „Man fürchtet um den Frieden – Frieden beginnt aber im eigenen Herzen, im Offenen anderen [...] gegenüber. […].“

Zwei Wochen später wird der Täter überführt, worauf er gesteht und aussagt, die Tat zu bereuen. Ein Willkommensbündnis um die Pastorin des Ortes lädt nun zu einer Einwohnerversammlung. Viele Anlieger kommen und bieten ihre Hilfe an. Denn nach Beseitigung der Brandschäden zieht doch noch eine Flüchtlingsfamilie in das Haus. Die Gemeindevertretung stellt 15.000 Euro für zwei Mediatoren, um mit allen Seiten ins Gespräch zu kommen. Vieles gerät nun in Bewegung, ein Zweifel aber bleibt. Denn der Bürgermeister meint dabei dennoch betonen zu müssen, dass keine dieser Mittel direkt an Flüchtlinge gezahlt würden.

Orte wie Escheburg, Dortmund oder Tröglitz haben wenig gemein. Aber dort und anderswo in Deutschland kam es allein im letzten Jahr zu mindestens 162 Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte.

Die Geschichte der Familie Schäfer
Amelie Horn

Im Mai 2015 hat Aktion Sühnezeichen Friedensdienste anlässlich des Todestages von Albert Schäfer eine Stadtführung in Tübingen gegeben. Albert Schäfer starb an den Folgen seiner KZ-Haft.

Die jüdische Familie Schäfer führte bis 1933 ein behagliches Familienleben. Sie besaßen zusammen mit einer weiteren Familie ein Damenbekleidungsgeschäft, das direkt vor der Stiftskirche ansässig war.

Mit beginn der NS-Zeit wurde die Situation der Familie Schäfer immer schwieriger: die Menschen wandten sich ab, das Bekleidungsgeschäft wurde seltener aufgesucht, die Tübinger kauften nicht mehr bei der jüdischen Familie ein. Während die beiden Töchter Liselotte und Hertha frühzeitig die Gefahr erkannten und in die USA und nach Israel, damals Palästina, flüchteten, waren die Eltern weiterhin davon überzeugt, dass sich alles wieder bessern würde und dieser Zustand nur eine Phase sei. Sie wollten Tübingen nicht verlassen und fühlten sich, wie alle Bürger, als Deutsche.

Liselotte war bei ihrer Flucht gerade 16 Jahre alt und konnte ihre Eltern nur schwer dazu bringen, sie mit der Jugend-Alijah ins weit entfernte, damalige Palästina gehen zu lassen. Auch wenn es für beide jungen Frauen die richtige Entscheidung war, aus ihrer Heimat zu fliehen, so war es eine Entscheidung, die ihr Leben radikal veränderte. Sie mussten ihre Eltern zurücklassen, Liselotte konnte ihre Schule nicht beenden und beide verließen den Ort, an dem sie aufgewachsen sind und der ihnen vertraut war.

Tübingen ist mit dem Auto ca. 40 km von Stuttgart entfernt.  Auch in Stuttgart haben sich  solche und viele andere Geschichten abgespielt. Deutschland war in der Zeit des Nationalsozialismus selber Ursache von Flucht und politischer Verfolgung. Vor der systematischen Vernichtung von Millionen stand die Verfolgung und Vertreibung von Menschen wegen ihrer Herkunft, politischen Überzeugung oder Religion. Das alles ist noch nicht lange her. Liselotte hat ihre jüdische Identität mit einer Namensänderung bestärkt und heißt heute Michal Wager, sie ist 94 Jahre alt und lebt in Jerusalem.

Heute leben wir in einem der sichersten Länder der Welt, wir müssen keine Sekunde mit Krieg oder Unterdrückung rechnen. Doch wir können genau diese Zustände in anderen Ländern verfolgen. Im Asylzentrum höre ich immer wieder Geschichten von Menschen, die fliehen müssen, weil in ihrer Heimat bomben fallen, sie zu einer Minderheit gehören oder sich als politisch Verfolgte vor der  Regierung verstecken müssen. Sie müssen sich von ihren Familien trennen und ihre zerstörte Heimat verlassen. Die Bedingungen unter denen sie fliehen müssen, sind oft mehr als unmenschlich. Das hören wir spätestens dann, wenn tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind.

Ich habe die Geschichte von Familie Schäfer vor Augen. Sie erinnert uns an unsere Verantwortung gegenüber Menschen, die auf der Flucht sind. Sollten wir sie nicht willkommen heißen, ihnen menschlich begegnen und ein Gefühl der Sicherheit vermitteln?

2. Politische Analyse

Die Herausforderung von Flucht und Migration
Wolfgang Thierse

Erinnern wir uns – an das Jahr der Wunder 1989/90: Friedliche Revolution, Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Europa und des Apartheid-Regimes in Südafrika, Schleifung von Mauern, Ende des gefährlichen (und auch kostspieligen) Ost-West-Gegensatzes, Ende der Zweiteilung der Welt und unseres Landes. Welche Hoffnung damals! Ein goldenes Zeitalter des Friedens schien möglich, Friedensdividende wollten wir ernten, nun endlich die wirklich eine Welt gestalten.

Und heute, 25 Jahre später? Ja, wir leben tatsächlich in einer Welt. Sie heißt Globalisierung und das meint eine entgrenzte Welt voller beschleunigter, widersprüchlicher Entwicklungen. Und die ist unübersehbar und schmerzlich keine Welt des Friedens, sondern eine Welt voller neuer und alter Probleme und Konflikte. Die auch bei uns ankommen, in unserem materiell und politisch so erfolgreichen Land. Und Unsicherheit, Ängste, Entheimatungsbefürchtungen bei nicht wenigen erzeugen – angesichts der sozialen und kulturellen Veränderungen, der anstrengenden Herausforderungen durch das Fremde und die Fremden, die uns näherrücken und nahegerückt sind: durch die offenen Grenzen, die Zuwanderer, die Flüchtlinge. Pluralismus ist eben keine Idylle.

50 Millionen Menschen sind gegenwärtig weltweit auf der Flucht. Das ist die negative, traurige Seite jener Globalisierung, von der der reiche Westen und gerade auch Deutschland so sehr profitieren.

Die konkreten Fluchtursachen sind gewiss unterschiedlich: Bürgerkriege, religiös motivierte oder verkleidete Konflikte, Korruption und schlechte Regierungsführung, vor allem auch die ungleiche Verteilung von Lebenschancen auf der Welt, die dramatischen Niveauunterschiede zwischen armen und reichen Ländern. Der nüchterne Blick sagt uns: So sehr die Weltgemeinschaft sich anstrengt und anstrengen muss, die Fluchtursachen werden nicht so schnell und so gründlich zu überwinden sein, wie wir es wünschen. Flucht, Migration, Wanderungsbewegungen werden also Teil der Realität der globalisierten Welt bleiben und eine ihrer großen Herausforderungen.

Und die europäische, die deutsche Reaktion? Sie kann und darf nicht weiter schwanken zwischen Zynismus und Hilflosigkeit angesichts der humanitären Katastrophen im Mittelmeer. Sie kann und darf nicht in einer Militarisierung der Flüchtlingspolitik bestehen: Wem hilft die Zerstörung von Booten? Wer kriminelle Schlepper erfolgreich bekämpfen will, muss andere, legale Zuwanderungsmöglichkeiten schaffen. Sie kann und darf nicht nationale Egoismen mobilisieren oder diesen gegenüber nachgiebig sein. Der aktuelle mühselig-peinliche Streit zwischen den EU-Staaten um die Verteilung von 60.000 Flüchtlingen (die in Italien und Griechenland angekommen sind) kann und darf nicht das Paradigma europäischer Flüchtlingspolitik werden (so sehr Fairness bei der Lastenverteilung notwendig und sinnvoll ist).

Deutschland hat als Zielland von Migration an Attraktivität gewonnen. Könnten wir darauf auch ein wenig stolz sein und dies nicht nur als Bedrohung empfinden, ohne die Probleme zu übersehen und zu verdrängen? Wäre das möglich? Schließlich sind wir ein reiches, freies, stabiles demokratisches Land. Und haben Erfahrung: Nach dem 2. Weltkrieg hat dieses Land über 12 Millionen Flüchtlinge aus dem verlorenen Osten Deutschlands aufgenommen und integriert. Eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Und in den Jahrzehnten danach Millionen Arbeitskräfte, also Menschen nach Deutschland geholt, so dass heute jeder 5. Einwohner einen Migrationshintergrund hat. Auch das hat Deutschland reich und modern gemacht.

Gewiss, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und kultureller Prägung ist keine Idylle, sondern kann eine anstrengende Herausforderung sein. Die Neuaufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen, je größer die Zahl und der Zeitdruck, läuft nicht ohne Probleme ab. Kommunal- und Landespolitik müssen große Lasten schultern, praktische Fragen müssen gelöst und Finanzierungsfragen geklärt werden, das geht offensichtlich nicht ganz ohne Fehler und ohne Streit.

Aber rechtfertigt dies alles das Ausmaß an ausländerfeindlichem Hass, an aggressiver Ablehnung von Flüchtlingen, wie es auf Demonstrationen (von Pegida und anderen) hörbar und in Anschlägen gegen Flüchtlingsunterkünfte sichtbar wurde. Eben nicht. Ihnen ist entschieden zu widersprechen und zu widerstehen. Unsicherheiten, Ängste, Vorurteile aber sind ernstzunehmen, man überwindet sie nicht durch Beschimpfungen und Schulterklopfen, sondern man baut sie ab durch Gespräch, durch Begegnung, durch gemeinsames Tun.

Politik, also Politiker dürfen Ängste und Vorurteile durch ihr öffentliches Reden und Handeln nicht noch verstärken, im Gegenteil. Sie haben die Pflicht, nüchtern und entschieden zugleich Problemlösungen zu organisieren und dabei nicht Bürokratie zu fördern, sondern Aufnahmemöglichkeiten und Aufnahmebereitschaft. Und Politik hat mittelfristige und langfristige Strategien zur Überwindung der Fluchtursachen zu entwickeln in internationaler Kooperation.

Und die Bürger? Sie sollten nicht (einfach) auf die Politik, den Staat, die Anderen zeigen. Sie selbst, wir selbst sind gemeint. Unser zivilgesellschaftliches Engagement!

Was sind wir, die Bürger, die Christen zumal, zu leisten bereit für die Aufnahme von Flüchtlingen, für die Bekämpfung von Fluchtursachen, für ein solidarisches Zusammenleben einer pluralistischen Gesellschaft? Das ist die unbequeme Frage an uns Bürger

Ich glaube, nein, ich bin überzeugt, dass die Stimmung in unserem Land besser, die Solidaritätsbereitschaft größer ist als in den 90er Jahren. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Denn für eine demokratische Gesellschaft gilt: Je größer ein Problem, eine Herausforderung, umso dringender ist es, dass eine Mehrheit in der Gesellschaft (nicht nur in der Politik) die Lösung mitzutragen bereit ist!

3. Konfrontation mit dem Bibeltext

Predigt zu Gen 35,19: Rahels Grab am Weg – Mutter der Heimatlosen
Dr. Dagmar Pruin und Marie Hecke

Im 1. Buch Mose 35,19 lesen wir in einer Randnotiz von Rahels Tod:

Und so starb Rahel. Und sie wurde begraben am Weg nach Efrata, das ist heute Bethlehem.“

Rachel – sie ist die Mutter der Heimatlosen, der Flüchtenden, der Ruhelosen und der Menschen im Exil. Sie stirbt nach der Geburt ihres zweiten Sohnes Benjamins. Ihre Geschichte bricht abrupt ab. Sie ist unterwegs, fern der Heimat, am Wegrand gestorben und begraben. Nur wenige Zeilen im Text weiter liegt Mamre, die Grabstätte im Land der Verheißung, in der die Mütter und Väter Israels begraben liegen: Abraham und Sara, Rebekka und Isaak liegen dort und dort wird auch ihre Schwester Lea mit ihrem gemeinsamen Mann Jakob ruhen. Nur Rahel ist auf der Strecke geblieben. Ihre Gebeine werden nicht mitgenommen, sondern zurückgelassen. Ihr Grab ist am Weg. Und so ist Rachel in die Geschichte Israels eingegangen: Sie steht für die Menschen, die unterwegs auf der Strecke bleiben, und ihr Grab ist das Symbol für alle, die im Exil auf Rückkehr warten.

Hermann Bang schreibt in seinem Roman „Am Weg“ zu Rachels Tod und Begräbnis folgendes Gedicht:

„Dort, wo die Telegraphendrähte im Wind surren und wo es bloß Abreisende, aber so gut wie nie Ankommende gibt, dort liegt er, der tote Winkel der Sehnsucht.“

Rahel liegt in diesem toten Winkel der Sehnsucht begraben. Bei ihr gibt es nur Abreisenden, nur Flüchtende. Würde Rachel heute begraben werden, wäre ihr Grab vielleicht das Mittelmeer. Namenlos würde sie dort liegen mit den unzähligen Anderen. Wir hätten von ihr noch nie gehört und würden weder ihren Namen noch ihre Geschichte kennen.

Der Prophet Jeremia schreibt in Jer 31 die Tradition ihres Grabes am Weg weiter. Dort lesen wir:

„Rahel weint um ihre Kinder, sie will sich nicht trösten lassen wegen ihrer Kinder, denn keines ist mehr da.“

Rachels Stimme wird klagen bis alle Zuhause, bis alle im verheißenen Land angekommen sind. Auch heute noch hören wir Rahel klagt: Sie weint um ihre Kinder, die auf der Flucht sind, die im Exil leben und auf die Rückkehr warten. Sie weint für Mohamed, der in Deutschland auf das Ende des Krieges in Syrien und seine Rückkehr nach Aleppo wartet und keine Heimat in Deutschland findet. Jeremia setzt gegen Rachels weinen eine Stimme der Hoffnung, die Stimme Adonajs, die ihr antwortet:

„Verwehre deiner Stimme das Weinen und deinen Augen die Tränen. Denn es gibt Lohn für deine Arbeit: die Kinder werden aus dem feindlichen Land zurückkehren. Es gibt Hoffnung für deine Zukunft: die Kinder werden zurückkehren in ihre Heimat.“

Es gibt Hoffnung. Die Flüchtenden werden eine Heimat finden, in der sie willkommen geheißen werden und in Sicherheit leben können. Wir klammern uns mit Jeremia an diesen Satz. Er formuliert diese Worte in einer Zeit, in der es in Israel eigentlich keinen Grund zur Hoffnung gab: Der Text wird zwischen die erste und die zweite Eroberung Jerusalems datiert. Inmitten des Zusammenbruchs des Staates Juda, der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung und Flucht von großen Teilen der Bevölkerung, sagt er: es gibt Hoffnung, es gibt Bleibendes, das darüber hinaus trägt. Auch dafür steht Rachel und ihre Stimme: für ein bleibendes Trotzdem, für ein Ja zum Leben. Sie klagt für alle, die keine Kraft zu klagen mehr haben, die nicht gehört werden in dieser Welt. Allzu oft auch nicht von uns. Der Name רָחֵל bedeutet „Mutterschaf“: Rachel ist der weibliche, tolerante, bei-stehende und mit-leidende Blick auf die Welt und die Stellung des Menschen in ihr.

Auch im Ort des Grabes von Rachel liegt ein Hauch von dieser Hoffnung: Nach biblischer Tradition kommt der Messias aus Bethlehem-Efrata. Der Messias kommt nicht aus dem abgeschotteten, reichen Europa, auch nicht aus dem wohlbehüteten Stuttgart, sondern wird am Weg, bei denen, die auf der Strecke geblieben sind, geboren. Würde der Messias heute geboren, wäre vielleicht Lampedusa sein Geburtsort. Er ist selber ist heimatlos auf dieser Erde. So sagt er im Matthäusevangelium zu einem Toragelehrten, der ihm nachfolgen will:

„Die Füchse haben Höhlen und die Vögel der Lüfte haben Nester. Der Menschensohn hat keinen Platz, wo er seinen Kopf hinlegen kann.“

Rachels Grab ist uns ein Ort der Erinnerung an unsere Verantwortung für alle die keine Heimat haben. Es kann uns Zukunft und Hoffnung geben. Zukunft, die in der Erinnerung an ihr Grab wuzelt, Hoffnung, die über uns selbst hinausweist, auf eine Welt, in der es keine Unterdrückung, keinen Tod, keine Heimatlosigkeit und keine Menschen, die auf der Flucht sind, mehr gibt.

Amen.

 

4. Fürbitten

Marie Hecke

Gott Abrahams und Sarahs

Wir bitten dich für alle Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Vertreibung und Gewalt sind, halte deine schützende Hand über sie auf ihren Fluchtwegen.

Stell ihnen Menschen zur Seite, die ihnen solidarisch helfen und sie nicht ausnutzen.

Wir bitten dich für alle Asylsuchenden hier,

Hilf, dass sie eine Heimat finden, in der sie sich sicher aufgehoben und willkommen fühlen.

Lass sie nicht verzagen, angesichts des Hasses und des Rassismuses, der ihnen immer wieder entgegenweht.

Erhalte in ihnen die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben und gib ihnen die Kraft, für ihre Rechte aufzustehen und zu kämpfen.

Gemeinsam rufen wir: Kyrie…

           

Gott Isaaks und Rebeccas

Erinnere uns daran, dass wir nicht allein sind, sondern viele, wenn wir uns für die Vorstellung einer offenen Gesellschaft und eines vielfältigen Zusammenleben aller, die hier leben, einsetzen. Hilf uns, dass unser „Ja“ zum Recht der Flüchtlinge hierher zu kommen, zu bleiben und geschützt zu werden, sichtbar und hörbar wird. Segne alles Tun von Menschen und Organisationen vor Ort, die sich für Flüchtlinge einsetzen.

Stelle uns in den Dienst der Solidarität mit diskriminierten Minderheiten und Menschen, die von Abschiebung bedroht sind. Übe Wachsamkeit mit uns ein gegen Juden- und Islamfeindlichkeit und gegen rassistische Gedanken, Worte und Taten.

Gemeinsam rufen wir: Kyrie…

 

Gott Jakobs, Leas und Rachels

Du willst uns Zukunft und Hoffnung geben, Zukunft, die in der Erinnerung wurzelt, Hoffnung, die über uns selbst hinausweist.

Der Blick in die Vergangenheit ist oft schwer auszuhalten. Wir sehen Gewalt, Krieg und Tod, begegnen den Opfern der Geschichte. Wir spüren die Last, nichts vom Gewesenen ungeschehen machen zu können. Gib uns deinen Mut und deine Zartheit, dem Schmerzhaften nicht auszuweichen, sondern dem, was vor uns war, mit offenen Ohren zu begegnen.

Wir bitten dich für alle Überlebenden und ihre Nachkommen: hilf ihnen Worte für das Unsagbare zu finden, stell ihnen Menschen zur Seite, die ihre Geschichten anhören, und Menschen, die das Schweigen aushalten.

Gemeinsam rufen wir: Kyrie…

 

Gott Israels und Vater Jesu Christi,

Wir bitten dich, für unsere Kirche,

Lass uns, als deine Gemeinde, zur Fluchtburg für die Schwachen und zum Hafen für die Verfolgten werden. Segne das Tun aller Gemeinden, die im Kirchenasyl oder auf anderen Wegen Flüchtlinge unterstützen und schützen. Hilf uns, uns gemeinsam auf den Weg zu deiner Gerechtigkeit zu machen und beschleunige den Tag deiner Gerechtigkeit.

Rüttele unsere Kirche immer wieder wach, so dass sie benennt und aufzeigt, wo es zu Ausgrenzung in unserer Gesellschaft kommt und gib ihr den Mut für deine Gerechtigkeit ein- und aufzustehen und aktiv zu werden.

Gemeinsam beten wir: Vater unser …

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