Blog | ASF erhält den Westfälischen Friedenspreis | 08. Oktober 2016

ASF erhält den Westfälischen Friedenspreis

Die ehemaligen Freiwilligen Sally, David und Eva

Bei einer feierlichen Veranstaltung in Münster wurde der Preis des Westfälischen Friedens verliehen. Bundespräsident Joachim Gauck hielt die Laudatio auf den Jordanischen König Abdullah II. Er lobte dessen Einsatz für den Frieden. "Jordanien geht bis an die Grenzen, um zu helfen. Damit setzt das Königreich Maßstäbe für Menschlichkeit", so Gauck in seiner Ansprache. "König Abdullah II. hat sich auch in schwierigen Zeiten für eine Zweistaatenlösung und das Existenzrechts Israels ausgesprochen."

In seiner Rede nahm der jordanische König Bezug auf ASF: "Die Zukunft des Weltfriedens liegt in den Händen der Jugend. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung an die jungen Preisträgerinnen von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste." 

Thomas Oppermann, SPD-Fraktionsvorsitzender und ehemaliger ASF-Freiwilliger, hielt die Laudatio auf Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. "Nichts hat mich so sehr geprägt auf dem Weg in die Politik wie mein Friedensdienst mit ASF.", so Oppermann. "Gegen das Verdrängen und Vergessen kämpften die Gründer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. (...) ASF begreift Geschichte als Verpflichtung für ihr Handeln in der Gegenwart." (Die vollständige Laudatio können Sie hier nachlesen.)

Die drei Freiwilligen Sally (Israel-FW), Eva (Tschechien-FW) und David (Niederlande-FW) nahmen stellvertretend den Preis in Empfang. Sie berichteten von ihrem Freiwilligendienst mit ASF. Alle drei seien verändert zurückgekommen mit jeder Menge Lebenserfahrung, abgebauten Vorurteilen, neuen Sprachkenntnissen und bedeutsamen Begegnungen im Gepäck.

Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung und teilen Sie mit allen, die sich mit uns gegen Antisemitismus und Rassismus und für Verständigung und Frieden durch konkretes Tun im Alltag einsetzen. Download ASF-Pressemitteilung zur Auszeichnung mit dem Preis des Westfälischen Friedens.

 

Am Sonntag, dem 9. Oktober lud ASF nach einem Gottesdienst mit einer Predigt der Geschäftsführerin Dr. Dagmar Pruin, zu einem Empfang im Gemeindehaus der Apostelkirche Münster ein. 
Prof. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees Deutscher Katholiken sprach zu diesem Anlass. Seine Rede können Sie hier nachlesen:

Liebe Frau Superintendentin Friedrich und Pfarrerin Ulrike Krüger, liebe Freiwillige, Ehren- und Hauptamtliche der ASF, zunächst einmal ein herzlicher Glückwunsch der „Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste“ zu diesem bedeutenden Preis! Es ist keineswegs der erste, aber doch ein besonderer Preis, den Sie gestern hier in Münster erhalten haben.

Gestern bei der Verleihung berichtete David über seine Zeit in einer niederländischen Obdachloseneinrichtung. Die Moderatorin sagte daraufhin: „das klingt nach Dienstleistung“. – Ja, genau so ist es, denn hier geht es um „Friedensdienste“! Warum ist das so wichtig?  Christen sind durch ihren Dienst charakterisiert. Der Grund dafür findet sich in der Bibel: Paulus nennt sich zu Beginn des Römerbriefs „Diener Jesu Christi“ (Röm 1,1). Diener sein zu wollen, ist ein Kennzeichen kirchlicher Aktivität auf allen Ebenen.

„Dienst“ gehört zum Kern des Christentums. Jesus selbst hat durch Wort und Beispiel das Verhältnis von Dienen und Sich-bedienen-Lassen umgekehrt. Die Haltung Jesu, „Ich bin unter Euch als Diener“, bringt eine ganz neue Beziehung zwischen den Menschen zum Ausdruck. Und dieses ‚Dienen’ macht Menschen zu Jüngern Christi.  Im Markusevangelium (10, 43-45) heißt es:  „Wer bei euch groß sein will, der soll den anderen dienen, und wer der Erste sein will, der soll der Diener aller sein. Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“  Für Christen gibt es nur einen Weg zur Größe, den als Diener. Das ist eine Umkehrung der traditionellen Begriffe von Größe und Rang. Die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern zeigt das ganz deutlich. Der den elendigsten Tod seiner Zeit erleidet, der am Kreuz verreckt, der ist der Höchste: das ist die Umwertung aller Werte!

Dienst, das bedeutet aber nicht nur Aufopferung und Entbehrung. Ein anderer Akzent wurde gestern deutlich: Eine der Freiwilligen sagte, es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Die Feststellung, gebraucht zu sein mit seinem Dienst, verschafft auch eine tiefe Zufriedenheit. Mit der Hinordnung auf die Anderen, mit dem  Dienst, wir sind mitten im Kern des Christentums.

Die Aktion Sühnezeichen versteht sich von Anfang an als eine christliche Bewegung in ökumenischem Geist. Danke möchte ich hier sagen für ein gutes ökumenisches Miteinander. Ich bin dankbar für so viele Aktionen und so vielfältige Friedensdienste. Die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ hat im Nachkriegsdeutschland neue Wege der Versöhnungsarbeit aufgewiesen. Die Organisation mit ihren vielen Freiwilligen ist von Anfang an in die herausfordernden und oft auch schmerzhafte Bereiche eingestiegen.

Israel und Polen sind dafür prominente Beispiele.

Die Aussöhnung zwischen Christen und Juden bleibt eine wichtige Aufgabe, die nicht von den so wichtigen aktuellen Dialogen zwischen Muslimen du Christen vernachlässigt werde darf.  Aber auch die ersten Schritte in die Sowjetunion unter den Bedingungen des Kalten Krieges, waren wichtige Wegbereiter, um später auch zu politischen Einigungen auf staatlicher Ebene kommen zu können. Dazu gehörten Mut und eine große Portion Gottvertrauen. Die Freiwilligen waren als Deutsche nicht überall willkommen.

Ihr persönlicher Einsatz und ihre Bereitschaft sich mit der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit ernsthaft und konsequent auseinander zu setzen, haben zu einer neuen Völkerverständigung beigetragen.

Besonders möchte ich heute einmal den Einsatz in Polen herausheben. Das ZdK wird sich in der kommenden Zeit besonders um das Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn kümmern. Die fruchtbare Verständigung, die vor 50 Jahren nicht zuletzt mit christlichen Männern und Frauen begann darf nicht gefährdet werden, die Freundschaft zu unseren Nachbarn dürfen wir angesichts politischer Differenzen nicht verlorengehen lassen. Zentral sind bei diesen Bemühungen von Anfang an die persönlichen Kontakte. Sie müssen mit einer neuen Generation neu belebt werden. Daran arbeiten Sie mit immer neuen jungen Menschen.

Friedensdienste: sie sind am Ort des Westfälischen Friedens, der hier und in Osnabrück vor 368 Jahren geschlossen wurde, von besonderer Wichtigkeit. Damals ging es um die Suche nach einer Übereinkunft, die die Frage nach der Wahrheit ausklammerte und Pluralität zuließ.  Nicht, dass nicht jeder eine lebenstragende Wahrheit hätte, aber sie wird nicht mehr anderen aufgezwungen und verwendet keine Gewalt zu ihrer Durchsetzung und Verbreitung: was für ein moderner Gedanke!

 Es wird wieder schwerer, über Frieden zu sprechen angesichts einer neuen weltweitern Verantwortung Deutschlands in der Welt. Wer hätte vor dreißig Jahren daran gedacht, d hier aus Münster, aus dem Deutsch-Niederländischen Corps Männer und Frauen in Kriegsgebiete auf dem Balkan, in Afghanistan, in Somalia geschickt würden. Hinzu kommen neue Konflikte und kaum gekannte Brutalitäten, die auch noch unter Missbrauch des Gottesnamens begangen werden! Und das Erstarken nationalistischer Parteien und ausländerfeindlicher Sammelbewegungen in Europa unterstreicht die aktuelle Bedeutung von Friedensarbeit.

In zwei Jahren, 2018, feiert die Aktion Sühnezeichen ihr sechzig jähriges Bestehen; 2018 findet hier in Münster nach 88 Jahren wieder ein Katholikentag statt, zu dem ich schon heute einlade. Das Motto haben wir bereits festgelegt: es ist aus dem Psalm 34 entnommen, der auch im ersten Petrusbrief zitiert wird: „Suche Frieden“. Im Psalm ist das mit einem Rufzeichen versehen, ein Imperativ: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ – Als Leitwort, es ist aber auch zugleich die erste Person Singular: „ich suche Frieden“.

In dieser Doppelung wünsche ich Ihnen und denen, die in der Aktion als Freiwillige nachfolgen werden, aber auch denen, die in der Geschäftsstelle, in der Organisation und in der Verantwortung die ASF tragen, alles Gute, Glück und Segen und danke Ihnen für Ihren Dienst.