„Der Erfolg der Idee Sühnezeichen liegt in der Dimension der tätigen Umsetzung“

Eine aktuelle Rezension von Prof. Aleida Assmann

Zum 50. Jubiläum der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist ein Buch erschienen, das die Geschichte dieser Organisation von der ersten Idee und den Anstrengungen und Erfolge ihrer Umsetzungen bis zum heutigen Tag zusammenfasst. Was die Autorin daraus gemacht hat, ist weit mehr als ein Rechenschaftsbericht; sie hat ein eindrucksvolles Kapitel deutscher Geistesgeschichte und der Geschichte internationaler Beziehungen unterhalb der Schwelle offizieller Diplomatie geschrieben.

Die Hartnäckigkeit der Gründer

Die Studie beginnt mit der Vorstellung des Gründervaters Lothar Kreyssig, Jurist und zeitweiliger Präses der Evangelischen Kirche in Ost- und Westdeutschland, der seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Bekennenden Kirche nach 1945 in praktische Formen einer tätigen Erinnerungsarbeit verlängerte. Für seine Mission hat er allerdings nicht das Wort Erinnerung, sondern die christlich geprägten Begriffe Versöhnung und Sühne gewählt. Dabei sollte der Unterschied zwischen beiden Worten nicht untergehen, weil “Sühne vom Schuldigen ausgeht, während Versöhnung wesentlich zweiseitig und ohne Zustimmung des Verletzten als Zeichen nicht zu denken ist.” (14-15) Kreyssigs Mission war entsprechend doppelt motiviert: sie sollte ein anhaltendes sichtbares Zeichen der Anerkennung und Reue der deutschen Schuld gegenüber den jüdischen und europäischen Opfern setzen und freiwillige Friedensdienste als Mittel einer internationalen Versöhnungsarbeit ins Leben zu rufen. Der Erfolg der Idee Sühnezeichen liegt in der Dimension der tätigen Umsetzung; hier wird Frieden nicht wie üblich durch den Dialog von Experten, sondern durch den Schweiß Jugendlicher gesichert.  Denn wie die Praxis immer wieder lehrt, gehört man erst zueinander und hört auch aufeinander, wenn man “miteinander geschuftet hat”. (17)

Die Stimme von Lothar Kreyssig in den 1950er Jahren war eine vereinzelte, die sich durchsetzen musste gegen einen starken Konsens des Schweigens und Vergessens.  Das Ethos der Anerkennung einer historischen Schuld und gar die Setzung eines weithin sichtbaren Zeichens für diese Schuld waren in der Adenauer-Ära nicht eben verbreitet. Dass es zu der Aktion und ihrer 50-jährigen Erfolgsgeschichte kam, war allein der ‘Besessenheit’ des Gründers und seinem hohen Einfluss in evangelischen Kirchenkreisen zu verdanken. Umgekehrt zeigt die Geschichte Lothar Kreyssigs und seiner Idee im Rückblick, dass die Stimmung der 1950er und 1960er Jahre mit Labels wie ‘Wirtschaftsboom und Vergessen’ bzw. ‘Unfähigkeit zu trauern’ nicht ganz adäquat beschrieben ist.

Zeitüberdauernde Idealisten und Praktiker

Das Buch erzählt die Geschichten von vielen Generationen junger Deutscher, die zugleich Zeitüberdauernde Idealisten und Praktiker gewesen sind. Was diese Botschafter des Friedens auf kleinstem Radius an exponierten Orten auf unspektakuläre Weise für das Bild der Deutschen im Ausland getan haben, kann nicht überschätzt werden. Sie haben für den Frieden nicht nur gearbeitet, sondern auch gelitten wie die Gruppe, deren Bus 1978 in Nablus von einer Bombe getroffen wurde. Seit den 1980er Jahren ist Aktion Sühnezeichen ein wichtiges Ferment in größeren sozialen Bewegungen geworden. Sie war Teil der großen Friedensbewegung, die z.B. 1981 eine Viertelmillion Menschen in Bonn mobilisierte, um gegen den NATO-Doppelbeschluss zu protestieren. Und sie war nicht nur Teil, sondern wurde seit den 1980er Jahren zu einer wichtigen Schaltstelle der Gedenkstättenarbeit mit einem klaren Profil der Stärkung lokaler Geschichts- und Gedenkinitiativen im Inland. Der mit vielen Quellen und Fotos ausgestattete, packend geschriebene und in einem inspirierenden Layout präsentierte Band zeigt, dass deutsche Geschichte nicht nur von Staatsmännern, sondern auch von Jugendlichen gemacht wird.

Prof. Aleida Assmann ist Anglistin, Ägyptologin und Literatur- und Kulturwissenschaftlerin; sie lehrt Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.

Gabriele Kammerer, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste – Aber man kann es einfach tun, Göttingen, Lamuv Verlag 2008, 272 Seiten
(Das Buch kann bestellt werden per E-Mail an: infobuero[at]asf-ev.de)

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