Europa ist die Antwort...

Leo Buddeberg (20 Jahre) aus Münster war bis August ASF-Freiwilliger in Belgien. Dort hat er im Staatsarchiv Eupen gearbeitet. Jeden Donnerstag besuchte er im Alten- und Pflegeheim Sankt Joseph ältere Menschen, um sie im Alltag zu unterstützen.

Leo Buddeberg Foto: privat

„Das ist so viele Jahre her, das war alles ganz unvorstellbar anders!“ Frau V. lehnte den Kopf zurück und schaute mich an. Während meiner Besuche im Eupener Altenheim saß sie eigentlich immer am gleichen Platz. Die Ostbelgierin erzählte oft von früher. Von der Zeit, in der ihre Heimat durch Annexion wieder deutsch wurde. Von der Zeit, in der ein Miteinander der Staaten in Europa unvorstellbar war und in der heute das Motiv eines jeden Friedensdienstes mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) begründet liegt. Es waren diese Begegnungen und Gespräche, die mir auch während meiner Arbeitstage im Belgischen Staatsarchiv im Bewusstsein blieben: Bei der Auseinandersetzung mit Akten und Dokumenten, die die europäische Gewaltgeschichte überliefern. Und auch bei der Mitarbeit an Ausstellungen, die diese Erinnerungen heute wach und bewusst halten.

Auseinandersetzung mit europäischer Gewaltgeschichte

Die Beschäftigung mit europäischer Gewaltgeschichte und der ihr entspringenden Verantwortung nahm den größten Teil meiner Zeit in Belgien ein. Sie charakterisieren jeden Dienst mit ASF für den Frieden. Diese tägliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit veränderte auch meinen Blick auf die Gegenwart. Der Kontrast zwischen dieser  Gewaltgeschichte und dem Leben und Alltag in Belgien sensibilisierte mich. Er machte mir bewusst, dass die Situationen und Umstände, von denen ich heute profitiere, deutlich weniger gegeben, unveränderbar und sicher sind, als ich sie einmal hingenommen habe. Gerade die Errungenschaften der Europäischen Union verloren in meinem Bewusstsein ihre Selbstverständlichkeit. „Europa ist die Antwort“, heißt es oft. Und doch erscheint es mir heute, als konnte ich die Tragweite dieses Satzes erst richtig verstehen, als ich mir über seine Vervollständigung bewusst wurde: Europa ist die Antwort auf Nationalsozialismus und unendliches Leid.

Aufkommender Populismus oder längerfristiger Frieden

Am 26. Mai dieses Jahres wählen die Bürger*innen Europas ein neues Parlament. Ich verstehe die Wahl als Gradmesser der Perspektive, auf die wir uns zubewegen. Aufkommender Populismus und Nationalismus sowie fehlende Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten bedrohen die Versprechen, die uns die EU für langfristigen Frieden und Internationalismus in Europa gibt. Gleichzeitig bietet die Europäische Union immer mehr Gründe, an ihr zu Zweifeln. So wurde strukturelle Ungleichheit nicht beseitigt und mit der Abschottungspolitik der „Festung Europa“ ein Weg einschlagen, der der humanitären Verpflichtung immer weniger nachkommt.

Wahrung europäischer Werte

Abschottung, Hass und Ignoranz gefährden die Werte, auf die die Europäische Union sich stützt: die Abkehr von Nationalismus und das Miteinander. Sinnbildlich dafür stehen  die europäische Freizügigkeit und die Überwindung von „harten“ Ländergrenzen. Kulturelle Diversität, Austausch und Annäherung, die sich in der Vielfalt europäischer Bildungs- und Freiwilligenprogramme niederschlagen. Und vor allem der so wertvolle Frieden, der heute aus der europäischen Zusammenarbeit hervorgeht. Sie waren die Antwort auf Krieg und Vernichtung. Diese Werte sind es daher auch, die dem Engagement von ASF zu Grunde liegen. Zu Völkerverständigung, Verantwortungsbewusstsein und Erinnerung kommt daher nach einer modernen Auslegung des Gründungsaufrufes von Lothar Kreyssig noch ein weiterer Auftrag hinzu, den ASF erfüllt: Europäischen Werten die Gleichgültigkeit, die Selbstverständlichkeit zu nehmen und für die Notwendigkeit ihrer Wahrung zu sensibilisieren.

Wir haben uns vorgenommen, möglichst vielen jungen Menschen einen  kurz- oder langfristigen Friedensdienst zu ermöglichen. Jungen Menschen, die, ähnlich wie Leo, über die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte eine Motivation für ihr politisches Bewusstsein und heutiges Engagement ziehen. Somit sind die Friedensdienste von Aktion Sühnezeichen ein Beitrag für ein vereintes, vielfältiges, kritisches Europa. Bitte spenden Sie jetzt!

Herzlichen Dank!

Spenden für ASF

Spenden Sie jetzt für Vielfalt, Solidarität und ein demokratisches Miteinander.

Spenden

Stimmen aus Belgien

"Das Europäische Projekt wäre nicht denkbar ohne das klare Bekenntnis zu unserer Geschichte, insbesondere dem Verbrechen der Shoah. Angriffe auf die Erinnerungskultur sind immer auch Angriffe auf das Fundament des Friedensprojekts Europa. Den Beitrag den ASF leistet durch Völkerverständigung und Friedensdienst ist in seinem Umfang und Reichweite einzigartig und trägt zu einem friedlichen, verbundenem und verantwortungsvollen europäischen Gesellschaft von morgen bei. Dafür möchte ich mich bei ASF herzlich bedanken und macht weiter eure tolle Arbeit."

Johannes Börmann, Referent in der Europäischen Kommission

  • Gefördert vom:
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •  
  •