Es begann mit einem defekten Telefon.

Philipp van Slobbe (21 Jahre) war bis August 2018 Freiwilliger im Altenheim Beth Shalom in Amsterdam in den Niederlanden. Beth Shalom ist eine Pflegeeinrichtung für jüdische ältere Menschen. Philipp hat den Bewohner*innen beim Essen geholfen und sie bei Aktivitäten wie Arztbesuche und Spaziergängen begleitet.

Philipp van Slobbe und die Holocaustüberlebende Alida im Altersheim Beth Shalom. Foto: privat

Alida ist eine ältere Dame, die den Kontakt zu mir anfangs abgelehnt hat, weil ich aus Deutschland komme und sie mit allem Deutschen nichts zu tun haben wollte. Dann bat sie mich, ihr Telefon zu reparieren. Das Telefon hatte ein loses Kabel und ging immer dann kaputt, wenn die Pfleger*innen Alida aus dem Bett hoben. Ich reparierte also täglich ihr Telefon. Nach und nach kamen wir ins Gespräch und sie erzählte mir ihre Geschichte:

Alida wurde als achtjähriges Mädchen mit ihrer Familie 1943 von Amsterdam erst nach Westerbork und dann Mitte 1944 weiter nach Bergen-Belsen deportiert. Ihre Eltern wurden weiter deportiert, der Vater starb in Sachsenhausen und die Mutter kurz nach der Befreiung aus einem Arbeitslager.

Zusammen mit ihrer Schwester überlebte Alida in Bergen-Belsen, geplagt von Krankheiten und Erschöpfung. Sie mussten mit anderen Kindern gemeinsam die Leichen wegräumen, die überall lagen, und das als gerade mal 12-jähriges Mädchen. Nach der Befreiung werden die beiden von ihren Großeltern aufgenommen und großgezogen.

Der Holocaust ist für viele noch nicht vorbei

„Nach dem Krieg begann mein Krieg. Meine Eltern kamen nicht zurück. Mit meiner Trauer konnte ich nicht zu meinen Großeltern gehen, sie hatten drei Kinder verloren. Sie haben nie auch nur ein Wort verloren über den Krieg oder über ihre Trauer.“

Die Äußerung, dass der Krieg für die Überlebenden des Holocausts überhaupt erst so richtig nach dem Krieg begann, höre ich öfter. Manche haben einen für sie besseren Weg gefunden mit den schweren Verbrechen an ihnen und ihrer Familie umzugehen, als andere, aber für sie alle ist der Holocaust noch täglich ein Thema.

Irgendwann äußerte Alida den Wunsch,  meine Eltern kennen zu lernen. Trotz mehrfacher Erklärung verstand Alida nicht, dass mein Vater Niederländer ist, und dass meine Eltern beide nach dem Krieg geboren wurden. Für Alida war der Besuch meiner Eltern so als ob sie sich mit Tätern oder wenigstens Mitläufern träfe. Da sie dachte, dass meine Eltern nur Deutsch sprechen, begann sie dann – zum ersten Mal seit 73 Jahren – Deutsch mit ihnen zu reden. Die Sprache, die sie im Konzentrationslager gelernt hat.

Geschichtsbücher kann man zuschlagen

Ich bin erschüttert über die politischen Auswüchse und menschlichen Rückschritte, die Rechtspopulismus und Rechtsextremismus im Augenblick in Europa bewirken. Ich schäme mich vor Alida – ich erzähle ihr so gut wie nichts darüber, weil ich sie nicht damit belasten will und ich auch nicht weiß, wie ich das erklären soll. Deshalb finde ich es umso wichtiger, in Deutschland von meinen Erfahrungen zu berichten, vom Holocaust, der für seine Opfer noch lange nicht beendet ist, der alltäglich ein Thema für sie ist, und auch für die nachfolgenden Generationen Thema bleiben wird.

Meine Beziehung zu Alida das beste Beispiel dafür, dass die Idee von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste funktioniert. ASF hat es ermöglicht, dass Alida und ich uns trotz ihrer Geschichte verständigen und Freunde werden konnten. Geschichtsbücher kann man einfach zuschlagen und die darin beschriebene Geschichte für beendet erklären. In den Seelen der Menschen, mit denen ich alltäglich arbeitete, lebt sie spürbar fort, Tag für Tag und das jeden Tag, den sie überlebt haben. Das ist eine Erfahrung für mich, die ich sicher nie vergessen werde. Dafür bin ich sehr dankbar.

Der Friedensdienst von Philipp ist durch die Unterstützung vieler ermöglicht worden.

Allen, die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in diesem Jahr schon unterstützt haben, danken wir daher von Herzen. Ihre Hilfe kommt an und trägt uns gut ins neue Jahr hinein.

Am Jahresende bitten wir Sie um Ihre (weitere) Beteiligung. Bitte spenden Sie für die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Ihre Hilfe ermöglicht, dass sich junge Menschen wie Philipp mit den noch heute spürbaren Folgen der Naziherrschaft auseinander setzen und in vielfältigen Begegnungen mit Menschen von- und miteinander lernen.

Herzlichen Dank.

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