Paul und ich, eine Begegnung

Der Freiwillige Jakob Güntter liest Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ und entdeckt, dass es nur der Zufall ist, der ihn nicht an der Westfront enden lässt.

Paul Bäumer und ich, wir sind beide 20 Jahre alt, sind fertig mit der Schule und stehen am Anfang unseres Lebens. Es ist die Zeit, in der wir herausfinden, was wir tun wollen und wer wir sein werden. Ich bin in die Niederlande gegangen, um als Freiwilliger Obdachlosen zu helfen. Paul Bäumer zog in den Krieg. Oder wäre in den Krieg gezogen, wenn er nicht „nur“ die Hauptfigur im Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque wäre. 100 Jahre Erster Weltkrieg, Paul und ich – auch wenn solche Vergleiche mit Vorsicht zu genießen sind, will ich wissen, was wir gemeinsam haben und was uns unterscheidet. Wir sind voller Ideale, Werte und Ziele. Und beide sind wir angefüllt mit dem Wunsch, diese Werte und Ziele auch in die Tat umzusetzen.

Doch was uns trennt, sind die Voraussetzungen, die Erziehung, das Umfeld – und vor allem wohl die Entscheidungsfreiheit, die bei uns so grundverschieden ist. Aber es ist auch reiner Zufall, denn wir konnten beide nicht bestimmen, in welchem Jahrhundert wir geboren werden. Und so lebt er in einer Zeit, in welcher der Krieg glorifiziert wird. Märchen vom Heldentod und dem Recht und der Pflicht, fürs Vaterland zu kämpfen und zu sterben, werden ihm in der Schule eingetrichtert. So zieht er gemeinsam mit seiner ganzen Klasse zum Bezirksbüro, um sich einschreiben zu lassen. Für Ruhm, Ehre und Abenteuer, wie sie sich alle gegenseitig weismachen. Und dann landen sie in der Maschinerie der Westfront, in der auf brutalste Weise Menschen aufeinander losgehetzt werden. Alles Menschliche der jeweils anderen Seite wird verdrängt, reduziert, entfremdet.

Und dann ist es wieder nur der Zufall, der die Gegner voneinander unterscheidet. Immer wieder blitzt in Paul Bäumer kurz die Erkenntnis auf, dass es genau das ist: Zufall. Zufall, der den anderen zum Feind macht, den es zu töten gilt. Und der Wahnsinn, dass Millionen Menschen, von denen keiner völlig überzeugt ist von seiner Sache, sich gegenseitig das schlimmst möglich Mögliche antun. Die Idee, dass das nur daran liegen könne, dass irgendwo zwanzig Menschen ein Papier unterzeichnen, wird, wie alle Schimmer der Reflexion, sofort verdrängt, denn anders geht es nicht. Bäumer und die anderen werden mehr und mehr gebrochen. Sie reagieren nur noch, befolgen Befehle und würgen jede Reflexion ab. Pauls und mein Umfeld unterscheiden sich riesig, und dennoch kann ich seinen Gedanken folgen. Ich habe nicht die gleichen Gedanken, aber ich könnte sie haben – und das ist das Entscheidende. Denn trotz allem ist Paul nicht anders als ich und alle anderen, die ich in meinem Alter kenne. Die mit den ihnen gegebenen Umständen und mit dem Erwachsensein beginnen.

Das Buch von Erich Maria Remarque zeigt auf, unter welchen Umständen eine ganze Generation zerstört werden kann. Was passieren muss, damit Menschen aus ganz Europa die Chance auf ein normales Leben oder schlicht das Weiterleben verwehrt bleibt. Und ich, der ich durch Zufall an einer anderen Stelle in der Geschichte geboren bin, muss jetzt sehen, was ich damit anfange. Ich lebe in einer Zeit, in der mir kein Lehrer den Krieg als erstrebenswert verkauft. Ich lebe in einer Zeit, in der ich mich frei und nach eigenem Wissen und Gewissen für oder gegen den Wehrdienst entscheiden kann. In einer Zeit, in der die Völkerverständigung weiter ist als je zuvor.

Und so kann ich mich dafür entscheiden, daran zu arbeiten, dass jeder Mensch diese Entscheidungsfreiheit hat. Dass nicht wieder Völker von einigen wenigen gegeneinander aufgehetzt werden. Dass der Krieg nie wieder anders dargestellt wird als so, wie er eigentlich ist: sinnlos.

Jakob Güntter, 20, leistet seinen Freiwilligendienst in den Niederlanden und hilft Obdachlosen in Amsterdam.

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