»Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben …«

Doğan Akhanlı. Foto: Manfred Wegener
Doğan Akhanlı. Foto: Manfred Wegener

Eines der wichtigstes Ereignisse, das mich begeisterte und prägte, war der Gründungsaufruf von Aktion Sühnezeichen. Von diesem Aufruf erfuhr ich 2002. Bis dahin beschäftigte ich mich fast ausschließlich mit der türkischen Gewaltgeschichte. Die Geschichtsaufarbeitung der Türkei war immer noch eine Erfahrung der Leugnung, die eine wissenschaftliche Untersuchung wert wäre. Gemeinsam mit ein paar Bekannten, die bereit waren, über den Völkermord an den Armeniern zu diskutieren, begann ich in Köln, mich Mitte der 1990er Jahre für die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern einzusetzen. Dank der Führungen, die ich in dem heutigen NS-Dokumentationszentrum, des früheren Gestapo- Zentrums, in Köln durchgeführt habe, lernte ich den Gründungsaufruf von ASF kennen.

Die Beschäftigung mit der NS-Geschichte prägte mein Ankommen in Deutschland: Ich erfuhr von der Gedenkstätte Sachsenhausen, wo auf ausdrücklichen Wunsch zweier höherer Beauftragter der türkischen Sicherheitskräfte im Januar/Februar 1943 eine Besichtigung ins Besuchsprogramm genommen wurde. Von
der Gedenkstätte Ravensbrück, wo unter anderem am 26. Oktober 1943 zwölf türkische Jüdinnen aus Berlin mit drei Kindern eingeliefert wurden. Ich besuchte die Gedenkstätte im Haus der Wannseekonferenz, wo fünfzehn Spitzenbeamte der Ministerialbürokratie und der SS über die organisatorische Durchführung
der »Endlösung« gesprochen haben, die Gedenkstätten Majdanek, Sobibor und nicht zuletzt Auschwitz, aus dem ich als retraumatisierter Mensch zurückkehrte. Mir half nicht, dass ich kein Deutscher war, dass ich nicht einmal geboren war, als die Nazis einen Teil der Menschheit ausgelöscht hatten. Dort, in Auschwitz-Birkenau, war ich nicht mehr Türke, Linker, Flüchtling oder Folteropfer.

Deutschland hat sich durch die Aufarbeitung seiner Geschichte verändert. Trotz der unverzeihlichen Schwächen der Sicherheitsbehörden, die die NSU-Morde sowie ähnliche Übergriffe und Anschläge nicht verhindern konnten, hat die heutige Erinnerungskultur Deutschlands nicht nur für das Land selbst, sondern auch auf internationaler Ebene große Bedeutung. Die NSU-Morde sind gleichzeitig auch eine bittere Warnung, nicht zu vergessen, dass Erinnerungskultur nicht statisch ist, sondern ein Prozess, in dessen
Verlauf jede Generation ihre Art, ihre Mittel der Geschichtsaufarbeitung immer wieder überdenken und weiterentwickeln muss. Der Gründungsaufruf von Aktion Sühnezeichen war für mich erleuchtend. Das Projekt »Erinnerung – Konflikt – Toleranz«, das in Zusammenarbeit mit deutschen, türkischen und kurdischen Gruppen und Initiativen der Armenischen und der Griechischen Gemeinde in Köln und ASF in Berlin entstanden ist, beschäftigte sich mit den Gewaltgeschichten der Länder und hat die Hardenbergstraße in Berlin von 2004 bis 2014 als transnationalen Begegnungsraum für die historisch-politische Bildung genutzt. In der Berliner Hardenbergstraße überlagern sich viele Geschichten
von Flucht, Exil und Verfolgung. Es ist ein Ort, an dem die armenisch-deutsch-türkische Beziehungsgeschichte vor dem Hintergrund der Völkermorde an Juden und Armeniern treffend erzählt werden kann.

Diesen Erfahrungsschatz meiner Arbeit mit ASF habe ich ausgewertet und am 24. April 2011 in einer Gedenkrede in der Paulskirche in Frankfurt am Main angeregt, Deutschlands Aufarbeitung der eigenen Geschichte mit der Aufarbeitung der Geschichten der Armenier, der Herero und der deutschen Kolonialgeschichte zu vertiefen. Die langjährige Arbeit von ASF hat mich so tief beeindruckt, dass ich in meiner Rede zu einem Erinnerungsaufstand aufgerufen habe. Darüber hinaus, dass wir eine »türkische
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste« brauchen, »damit wir mit unseren Händen (kendiellerimizle), mit unseren Mitteln (kendikaynaklarımızla) für die Ehre der Opfer und Nachkommen etwas Gutes tun (kurbanlarınonuruvehayattakalantorunlarıicin); ein Dorf, eine Siedlung, eine Kirche, ein Krankenhaus oder was sie sonst Gemeinnütziges wollen, als Versöhnungszeichen zu errichten (bir köy, bir okul, bir hastane, bir kilise ya da kamuyararına herhangi bir gönüllü iş yapabilmemize izin vermelerini rica ederiz).«

Doğan Akhanlı, geb. 1957, ist ein türkischstämmiger deutscher Schriftsteller. Er wurde in der Türkei politisch verfolgt und in der Haft gefoltert. 1991 kam er als politischer Flüchtling nach Deutschland, 1998 wurde er aus der Türkei ausgebürgert und seit 2001 besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Er war einige Jahre Kooperationspartner von ASF in dem historisch-interkulturellen Projekt »Erinnerung – Konflikt – Toleranz« und entwickelte die historischen Stadtrundgänge rund um den Hardenbergplatz in Berlin.

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