Frieden den Nahen und den Fernen

Wir haben fünf Überlebende des Nationalsozialismus gefragt, wie sie auf Aktion Sühnezeichen Friedensdienste blicken, was sie sich von
und für ASF wünschen.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist eine Organisation mit der Möglichkeit, sehr viel Gutes zu tun. In meinem Leben habe ich Menschen getroffen, die einen großen Einfluss auf mich hatten. Einen positiven Einfluss. Über das muss man sprechen. Und die, die beeinflusst wurden, müssen versuchen ihre Erfahrungen zu teilen, aber immer den Anderen in seinem Anderssein zu akzeptieren und zu bestätigen. Das ist die Bedeutung von pädagogischer Arbeit und das sind die zentralen Ziele von ASF: etwas Positives zu lernen und es weiterzugeben. Zum 60. Geburtstag wünsche ich Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, sich immer aufs Neue zu prüfen und den Sinn des Wortes Sühnezeichen noch tiefer, weiter zu verwirklichen. Denn ich fühle, dass daran noch nicht genug getan wurde.

Yehuda Bacon, Israel

 

Mein Name ist Michaela Vidláková, geb. Lauscherová. Schon als kleines Kind habe ich unter den Anordnungen und Verboten der antijüdischen Maßnahmen im Protektorat Böhmen und Mähren leben müssen, die unsere Familie und auch mich persönlich tief betroffen haben. Mit sechs Jahren bin ich dann mit den Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden und nur ganz knapp bin ich dort dem Tode entkommen, da ich schwere Krankheiten überstanden habe und mir die Transporte in die Vernichtungslager mit Glück erspart blieben. Es ist gut verständlich, dass ich nach dem Krieg, als ich erfuhr, wie meine Spielkameraden und Verwandte grausam ermordet wurden, jeden Deutschen als Feind betrachtete. Es hat dann mehr als zwanzig Jahre gedauert, ehe ich zugab, dass es auch andere Deutsche gibt als Mengele und seinesgleichen.

Das geschah, als ich bei meinen Eltern junge Mitglieder von ASZ kennenlernte, wo ich mich nach dem Tode meiner Eltern auch aktiv engagierte. Bis heute gefällt es mir nicht ganz so sehr, dass ASZ später zu ASF umwandelt wurde, denn der ursprüngliche Gedanke ging verloren: die Bitte um Sühne vonseiten des Volks der Täter sowie Bitte um Versöhnung von den Opfern. Frieden ergibt sich dadurch doch ganz natürlich. Und: "Frieden, Frieden den Nahen und den Fernen", das ist ja schon ein uralter jüdischer Wunsch.
Die deutschen Schüler sagen oft: „Wir schämen uns dafür, was unsere Vorfahren getan hatten.“ Ihnen antworte ich: "Ihr seid nicht schuld an den schrecklichen Taten Eurer Vorfahren, ihr seid dafür nicht verantwortlich. Verantwortlich seid ihr für die Zukunft, ihr sollt euch nie so verhalten, dass Eure Nachfahren sich für Euch schämen müssen.“

Michaela Vidláková, Tschechien

 

Obwohl ich ein großes Opfer des Nationalsozialismus war, wollte ich dem deutschen Volk nie Böses. Ich war den Nazis, den Faschisten, den Rassisten gram, sie gab es nicht nur in Deutschland - und es gibt immer noch welche. Deshalb geht der Kampf weiter für Erinnerung, für Demokratie, Frieden, den Respekt zwischen den Menschen und auch für Versöhnung und Entschuldigung. Die Aktion der Freunde von ASF ist wunderbar: für viele/s ist sie symbolisch: für mich ist sie normal. Ich danke ihnen von ganzem Herzen und sende ihnen meine Freundschaft,

Simon Gronowski, Belgien

 

Mein Name ist Jack Eljon und ich bin fast 81 Jahre alt. Ich wohne schon mein ganzes Leben in Amsterdam, außer zwischen 1940 und 1945. In dieser Zeit lebte ich in mehr als zehn Verstecken. 1941, ich war gerade vier Jahre alt, wurde ich von meinen Eltern getrennt. Zunächst wohnte ich bei einer Tante in Haarlem. Bei einer Razzia wurde ich von Nachbarn gerettet, die dem niederländischen Nationalsozialistischen Bund (NSB) angehörten. Dort ging es mir schlecht. Als ich verraten wurde, war ich froh, gehen zu können. Es folgten mehrere Verstecke, in denen ich manchmal nur wenige Wochen bleiben konnte. Einen Moment großer Angst erlebte ich während einer Hausdurchsuchung in Friesland. Dort war ich unter den Dachziegeln versteckt und konnte die Stiefel der Nazis sehen, nur wenige Zentimeter von mir entfernt.

Nach dem Krieg fand ich wieder mit meinen Eltern zusammen. Sie waren beide beschädigt aus dem Krieg zurückgekehrt. Mit meiner Jugend verbinde ich keine schönen Erinnerungen, ich hatte ein großes Bedürfnis nach Freiheit. Zum Glück traf ich meine spätere Frau Betty, die auch jüdisch war, ebenfalls versteckt überlebt und beide Eltern verloren hatte. Wir verstanden gegenseitig unsere Frustrationen. Ich wurde Buchhändler und gründete eine Familie. Wir bekamen Zwillinge, die wir jüdisch erzogen. Leider ist meine Frau im Jahr 2010 verstorben.

Die Zeitzeugengespräche, die ich seit 13 Jahren über das Herinneringscentrum Kamp Westerbork in Grund- und weiterführenden Schulen halte, erfüllen mich sehr. Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit dort wurde ASF auf mich aufmerksam und fragte vor mehr als fünf Jahren, ob ich an ihrer Unterstützung interessiert sei. Ich habe großartige Erfahrungen gemacht: Die ASF-Freiwilligen sind motiviert und sprechen nach einem Jahr gut Niederländisch. Sie helfen mir bei kleinen Arbeiten im Haushalt und danach essen wir meistens gemeinsam zu Mittag. Mit eigentlich allen habe ich mich gut verstanden, mit manchen natürlich besser als mit anderen. Ich hoffe, dass ich das noch viele Jahre machen kann.

Jack Eljon, Niederlande

 

Es ist erstaunlich wie sich diese jungen Menschen, beinahe Kinder, für die reinen, absolut uneigennützigen Beziehungen zu alten Menschen begeistern, die so viel Tragisches in ihrem Leben durchmachen mussten.  

Margarita Petrova-Blagoweschtschenskaja, Russland

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