Sechzig Jahre Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Sechzig Jahre alt wird Aktion Sühnezeichen Friedensdienste: Welche Zeitenwenden, Umbrüche, dramatischen Entwicklungen im Weltgeschehen und in unserem Lande hat diese wunderbare Initiative überstanden! von Dr. h. c. Wolfgang Thierse

Dr. h.c. Wolfgang Thierse (c) Deutscher Bundestag
Dr. h.c. Wolfgang Thierse (c) Deutscher Bundestag

Begründet in Zeiten der Spaltung Deutschlands und der Welt – noch Nachkriegszeit und schon Zeit des Kalten Krieges – ging es um einen Beitrag »von unten«, den junge Deutsche leisten sollten gegenüber den Opfern der deutschen Verbrechen. Es ging um einen kleinen Beitrag dafür, Versöhnung und Frieden zu ermöglichen und zu befördern. Dieser Auftrag ist auch nach sechzig Jahren ganz offensichtlich nicht obsolet, nicht erledigt. Im Gegenteil.

Die welthistorische Wende von 1989/90 hat – gegen mancherlei Hoffnung – nicht ein goldenes Zeitalter des Friedens gebracht. Wir erleben gegenwärtig eine Welt in Unordnung: Alte und neue, ungelöste oder geradezu unlösbar erscheinende Konflikte, eine Zunahme von Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzung, vermehrte Waffenexporte, eine neue (von China, Russland, den Vereinigten Staaten ausgehende) Aufrüstungsdynamik bei gleichzeitiger beklagenswerter Schwäche der internationalen Organisationen
(vor allem der UNO) und die Krise der EU. All dies bestimmt das globale Szenario.

Unsere vertraute liberale, rechts- und sozialstaatliche Demokratie ist gefährdet, jedenfalls nicht mehr so selbstverständlich wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir erleben die Wahlerfolge populistischer Parteien und die Wiederkehr alter Geister, des Nationalismus, des Rassismus, der autoritären Politik, sowie das Erstarken von Antisemitismus, von Minderheiten- und Ausländerfeindlichkeit. Die sozialen Medien sind auch zu Echoräumen der eigenen Vorurteile, der Entladung von Hass und der Steigerung von Aggressivität geworden. Dies alles betrifft nicht nur unser Land, wie der Blick in unsere europäischen und globalen Nachbarschaften zeigt.

Keine gemütliche Zeit, keine idyllischen Verhältnisse. Heftige, kräftige Herausforderungen auf jeden Fall für eine Aktion, der es seit ihrer Gründung um Frieden und Versöhnung geht. Politische Bildung und Demokratieerziehung, theoretisch wie vor allem praktisch, werden noch wichtiger. Erfahrungsmöglichkeiten politischen Engagements für die Demokratie und gegen die weltweite Tendenz schrumpfender Räume zivilgesellschaftlichen Engagements zu verteidigen und zu gewinnen, das wird geradezu lebensnotwendig für die Zukunft der Demokratie. Internationalismus ganz konkret zu praktizieren und nicht nur als Losungswort (das unter Ideologie- oder Nostalgieverdacht steht) vor sich herzutragen, das wird lebensnotwendig zur Überwindung von kulturellen Vorurteilen und nationalistischem Chauvinismus. Mit
Vielfalt, mit Widersprüchen, mit Pluralismus insgesamt friedlich und produktiv umzugehen, also eine offene Gesellschaft zu verteidigen und für eine offene Welt zu arbeiten, das ist eine der Herausforderungen gerade der jungen Generation.

Junge Menschen für diese Aufgaben zu gewinnen und zu befähigen, das war die staunenswerte Leistung von ASF in den vergangenen sechs Jahrzehnten und das muss die Leistung für die nächsten Jahrzehnte bleiben, in ungemütlichen Zeiten erst recht!

Dr. h. c. Wolfgang Thierse, geb. 1943 in Breslau, war von 1990 bis 2013 Mitglied des Bundestags, dessen
Präsident von 1998 bis 2005. Er war stellvertretender Parteivorsitzender der SPD und ist Mitglied des Kuratoriums von ASF.

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