Ein Gesicht erzählt Vergangenheit –
Warum Luigi Toscano über 200 Überlebende fotografiert hat und was ihn dabei am meisten bewegte.

zeichen: Was war eine besondere Begegnung, die Sie als Fotograf mit den Überlebenden hatten?

Luigi Toscano: Das war bei einer alten Frau in der Ukraine. Ich trug meine Ausrüstung in ihr Wohnzimmer. Sie saß auf dem Sofa, um sie herum ihre Familie, 30 Leute, bis zu den Urenkeln. Alle waren gekommen, um ihre Geschichte zu hören, die sie niemals zuvor erzählt hatte. Ihrem Gesicht habe ich angesehen, dass es ihr gut getan hat, dass es sie befreit hat. Gerade in der Ukraine habe ich arme Menschen besucht, die einfach leben. Denen es aber viel bedeutete, dass ich sie mit meiner Kamera in den Fokus gerückt habe.

Worum geht es in Ihrem Fotoprojekt „Gegen das Vergessen“?

70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager habe ich 70 Fotos von Überlebenden der ehemaligen NS-Konzentrationsund Arbeitslager außen an der alten Feuerwache in Mannheim aufhängen lassen. Die Fotos sind groß, so groß, dass sich die Passanten und die Überlebenden auf der Straße begegnen. Es sind stille, nachdenkliche Begegnungen. Menschen schauen sich die Gesichter an. Sie sehen, dass die Opfer von damals weiter leben. Sie sehen die Menschen hinter den Zahlen und hinter der unbegreiflichen Unmenschlichkeit des Völkermordes.

Warum haben Sie das Projekt initiiert?

Als Jugendlicher habe ich Auschwitz angeschaut. Ich war betroffen, aber auch wütend. Ich konnte die Monstrosität des Verbrechens nicht fassen. Pegida, AfD und Menschen, die den Holocaust leugnen, darüber bin ich heute wütend. Nun bin ich keiner, der auf der Straße protestiert. Mein Werkzeug ist die Kamera, mit der ich die Opfer von damals in den Blick nehme.

War es schwierig, die 70 Überlebenden zu finden?

Es sind insgesamt über 200 Porträts geworden. Am Anfang war es schwer. Doch dann konnte ich Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und andere Organisationen überzeugen. Schließlich schaffte ich es, die Herzen der Überlebenden zu gewinnen. In Israel zum Beispiel haben sie herumtelefoniert und von sich aus gefragt, wer noch mitmachen möchte. Mein Projekt hat etwas ausgelöst. In den Überlebenden und in mir. Ihre Geschichten haben mich mitgenommen. Oft saßen wir zusammen und haben geweint.

Das Gespräch führte Karl Grünberg.

Interview mit: Luigi Toscano, Fotograf und Filmemacher aus Mannheim. „Gegen das Vergessen“ erschien als Buch und wird demnächst als Film veröffentlicht.

Informationen: gegen-das-vergessen.gdv-2015.de

ASF half ihm, Kontakte zu Überlebenden von Konzentrations- und Arbeitslagern herzustellen. In der Ausstellung „Heimat Asyl“ zeigte er die Gesichter von Flüchtlingen in Mannheim, ebenfalls an der Fassade der Feuerwache.

Vier der 200 Porträtierten

Gertrud Roche

Gertrud Roche

Marcel D.

Marcel D.

Boris Tschalisch

Boris Tschalisch

Anna Grosz

Anna Grosz

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