Antisemitismus: In der Mitte der Gesellschaft

Ein Gespräch mit der Historikerin Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU-Berlin. Sie forscht zu Rechtsextremismus und aktuellen Formen des Antisemitismus, Jüdinnen und Juden unter der NS-Verfolgung und jüdischer Nachkriegsgeschichte.

Ist Antisemitismus heute an politische Einstellungen gebunden?

Antisemitismus tritt in allen politischen Spektren auf. Im Rechtsextremismus ist er fester Bestandteil. In der Linken etwa können Debatten über den Nahostkonflikt oder Kapitalismuskritik immer wieder dazu führen, dass antijüdische Vorurteile verwendet werden. Antisemitismus findet sich in der Mitte der Gesellschaft und in allen politischen Lagern.

Zu welchen Anlässe werden antijüdische Vorurteile und Judenhass geäußert?

Seit der Zweiten Intifada begegnen wir in Debatten über den Nahostkonflikt immer wieder antijüdischen Stereotypen. Dabei spreche ich nicht von legitimer Kritik an der Politik der israelischen Regierung, sondern um ständige Grenzüberschreitung.

Holocaust-Vergleiche wie 'Die Israelis machen heute mit den Palästinensern, was die Deutschen mit den Jüdinnen und Juden gemacht haben‘ werden bemüht. Der Nahostkonflikt wird als Plattform genutzt sich antisemitisch äußern zu können, häufig gepaart mit sekundärem Antisemitismus und Entschuldungsstrategien. Die Holocaust-Vergleiche entbinden die deutsche Gesellschaft von ihrer Verantwortung.

Die Beschneidungsdebatte 2012 hat gezeigt, dass vor dem Hintergrund von Kinder- und Menschenrechten Stereotypisierungen gegen Jüdinnen und Juden geäußert werden. Islam und Judentum wurden als archaische Religionen bezeichnet. Sehr schnell folgten Reaktionen unter der Überschrift ‚was ich schon immer mal gegen Jüdinnen und Juden sagen wollte‘, zu sehen etwa in Leser_innenkommentaren von seriösen Tageszeitungen.

Zu welchen Ergebnissen kommen aktuelle Untersuchungen zum Antisemitismus?

Umfragen zeigen, dass das Level antisemitischer Haltungen im Durchschnitt in Deutschland in den letzten 30 Jahren immer bei 15-20 Prozent liegt. Es nimmt nicht zu, ein leichter Anstieg kann aber während thematischer Debatten beobachtet werden. Wenn es zu einer Radikalisierung im Nahostkonflikt kommt wie in diesem Sommer, steigt neben latenten verbalen Formen von Antisemitismus auch die Zahl der Straf- und Gewalttaten.

90 Prozent dieser Straftaten in Deutschland haben einen rechtsextremen Hintergrund. Im Unterschied zu den Medienberichten spiegelt sich muslimischer Antisemitismus in den Statistiken kaum wieder. Natürlich finden wir auch unter Muslimen einzelne Taten und verbale Hetze gegen Jüdinnen und Juden. Neu scheint mir zu sein, dass diese auf Deutsch geäußert werden wie in diesem Sommer.

Wir müssen jedoch vorsichtig sein, allein die Muslime als einzige Täter zu stigmatisieren. Hier finden wir wiederum eine Entschuldungsstrategie für die Mehrheitsgesellschaft.

Was können wir antisemitischen Äußerungen konkret entgegensetzen?

Antisemitische Aussprüche sind immer daran zu erkennen, dass antijüdische Stereotype geäußert werden. Wir müssen versuchen, diese Stereotype zu dekonstruieren. Das ist auch die Aufgabe unseres Bildungssystems. Leider sind Lehrende dazu selten vorgebildet. Gedenkstättenbesuche als einzige Reaktion auf einen Vorfall wie die Beschimpfung eines Schülers mit ‚Du Jude‘ funktionieren nicht. Häufig geht es um aktuelle Formen von Antisemitismus und sehr selten sind Lehrer_innen für solche Diskussionen geschult. Und es gibt dazu noch zu wenige Unterrichtsmaterialien.

Das Interview führte Friederike Schmidt, Öffentlichkeitsreferentin von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

  • Gefördert vom
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •