Mein Judentum ist privat

Herman Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum.

Herman Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum.

Wenn die Sonne auf die goldene Kuppel der ‚Neuen Synagoge‘ fällt, strahlt es in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Es ist ein Glitzern, das anzieht. Touristen bleiben für einen Moment stehen, ehrfürchtig, um dann ihre Kameras zu zücken. Studiengruppen kommen zusammen, um Vorträge auf Englisch, Deutsch oder Spanisch über die bewegende Geschichte dieses Baus zu hören. Aufbau, Glanzzeit, Brandschatzung, Zerstörung, Ruine und Wiederaufbau. Es ist eine Geschichte, die stellvertretend für das jüdische Leben ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland steht. „Im Grunde ist das Judentum hierzulande ein zartes Pflänzchen, von dem man hoffen kann, dass es sich entwickelt“, sagt Dr. Hermann Simon, Direktor der Stiftung Centrum Judaicum – Neue Synagoge.

Seit 28 Jahren ist sein Leben mit diesem Haus verbunden. Wer ihn in seinem Leben besuchen möchte, muss erst an Polizeiposten vorbei und dann durch eine Sicherheitsschleuse. Vor einiger Zeit stand sogar ein gepanzertes Fahrzeug mit Maschinengewehr vor der Tür. Das Pflänzchen wächst zwar, aber noch müssen jüdische Einrichtungen geschützt werden. „Wir sind schon auf dem richtigen Weg“, sagt Hermann Simon, „aber ich wünsche mir, dass wir eine Selbstverständlichkeit werden und nicht mehr den Charakter von Exoten haben“, sagt er.

In diesen Worten steckt eine Sehnsucht nach Normalität. Nichts Besonderes zu sein. Für Hermann Simon ist sein Judentum sowieso eine Privatsache. Damit ich besser verstehe, was er meint, sucht er ein Zitat aus dem Computer heraus. Ein jüdisch-deutscher Schriftsteller schrieb es im Jahr 1935, zwei Jahre zuvor waren seine Bücher verbrannt worden, ein paar Jahre später wurde er in einem Konzentrationslager ermordet. „Ich hatte es [das Judentum] immer als eine Weste getragen, die man unter dem zugeknöpften Rock hat, die warm gibt und die selbstverständlich ist.“ Nah dran, am Körper, aber von außen unsichtbar. „So haben meine Eltern es auch gehandhabt. Mir persönlich ganz sympathisch“, sagt Hermann Simon.

Sein Lieblingsort in diesem Haus ist ein Erker. Darin steht ein niedriger Tisch mit ehrwürdigen Sesseln und einer gemütlichen Couch. Eine alte Wanduhr verwandelt mit einem Gong die Minuten in Stunden. „Wer hier schon alles gesessen hat“, sagt er. Politiker, Künstler, Rabbiner, Wissenschaftler, Menschen aus aller Welt, Hermann Simon ist ein gefragter Mann. Das Telefon klingelt, die Sekretärin klopft, Besucher warten, auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher und Briefe. „Wann soll ich das alles lesen?“, murrt er. Der Computer meldet neue Mails, auch das iPhone gibt keine Ruhe. Unser Gespräch über das jüdische Leben in Deutschland kommt mir vor wie das ruhige Auge eines ausgewachsenen Sturms. Wenn Hermann Simon spricht, senkt sich seine Stimme zu einem Flüstern.

Neue Synagoge im goldenen Sonnenlicht

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Neue Synagoge im goldenen Sonnenlicht

1949 wird er geboren. Sein Vater hatte den Holocaust überlebt, weil er in letzter Minute nach Kriegsausbruch nach Palästina auswanderte, seine Mutter, weil sie in den Berliner Untergrund abgetaucht war. Erst Jahrzehnte später, kurz vor ihrem Tod, wird sie ihrem Sohn alles aus dieser Zeit berichten. Aus den Aufnahmen entstand ein Buch.

Hermann Simon wuchs in Ostberlin auf und lebte „absolut normal, mit den Schwierigkeiten, die alle in der DDR hatten“, sagt er. Vor den jüdischen Feiertagen schrieb der Vater der Lehrerin einen Brief. Keine Entschuldigung und auch keine vorgeschützte Erkältung, sondern eine Erklärung: „Aufgrund des Neujahrsfestes wird mein Sohn nicht zur Schule kommen.“ Kein Problem. Als er mit 13 seine Bar Mitzwa hatte, die Feier der religiösen Mündigkeit, legte die Lehrerin einen Blumenstrauß und eine Gratulation vor die Wohnungstür.

Von außen unterschied sich die Familienwohnung nicht von denen der Nachbarn. Drinnen aber hing an jedem Türrahmen auf der rechten Seite eine Mesusah. Das ist ein Torah-Text, der auf die Vorderseite einer kleinen Pergamentrolle geschrieben wird. Auf deren Rückseite steht das Wort „Schadai“. Es bedeutet „Hüter der Tore Israels“, ein Schutz für die Bewohner des Hauses. Die Rolle wird in ein Kästchen geschoben und am Türrahmen angebracht, Toilette und Küche ausgenommen. Traditionell auch an der Eingangstür, aber nicht bei Simons, denn Jüdisch sein ist eben eine Privatangelegenheit.

„Die Tradition spielte bei uns eine große Rolle. Wir orientierten uns an dem Fest- und Feiertagszyklus, dem Schabbat sowieso. Außerdem waren wir ein quasi koscherer Haushalt.“ Und so, wie seine Eltern mit ihm Schabbat feierten, den jüdischen Ruhetag von Freitagabend bis Samstagabend, gab er es später an seine Kinder weiter. „Freitagabend haben wir die Kerzen angezündet, den Kiddusch, also den Segensspruch über Brot und Wein gesprochen. Ansonsten saßen wir als Familie beieinander. Der Abend sollte sich von den anderen in der Woche unterscheiden.“ Seine Mutter buk sogar das Brot selber, zwei Zopfbrote, Hefe mit Mohn. Nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, werden die Brote rund gebacken, „damit das Jahr rund sein möge“. Von seiner Mutter inspiriert, sammelte er zusammen mit seiner Frau jüdische Familienrezepte und veröffentlichte sie in einem Kochbuch. Das Motto: Koscher ist gut, schmecken soll es aber auch.

Als ich ihn frage, was das jüdische Leben überhaupt sei, lacht er und sagt: „Das wollte ich Sie fragen!“ Ein Gemisch aus Tradition, Religion, Herkunft? „Ja“, sagt er, „für mich ist es vor allem die Tradition. Aber lassen sie mich eine Geschichte erzählen.“ Nach dem letzten Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, gingen seine Frau und er nach der Synagoge in ein neues russisches Restaurant gegenüber. Es heißt Masseltopf. Eine Verballhornung des jiddischen Ausdrucks ‚Masel tov‘, was ‚viel Glück‘ bedeutet.

„Kaum war ich drin, fühlte ich mich wie in Russland“, sagt er. An jedem Tisch saßen russischsprachige Juden, die Männer mit einer Kippah auf dem Kopf. Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, alte Menschen – drei Generationen waren gekommen, um das jüdische Neujahrsfest zu feiern. „Aber nur eine Handvoll war vorher in der Synagoge.“ Das Ehepaar fand noch ein freies Séparée und bekam als erstes Apfel mit Honig serviert, „möge das Jahr süß beginnen“. Die beiden Simons sahen sich den Trubel an, verwundert, interessiert. „Da saß eine komplett neue jüdische Gemeinschaft.“ Für Hermann Simon ist es eine Geschichte, die zeigt, wie sehr sich in den letzten Jahren die jüdischen Gemeinden in Deutschland verändert haben.

Es sind die russischsprachigen Juden, die ab den 1990er Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen und die jetzt die Gemeinden wachsen lassen. Es sind aber auch immer mehr junge Israelis, die in Berlin landen und ihre eigene Essenz dazugeben. Die Wanduhr gongt die nächste Stunde, die Besucher vor der Tür drängeln. So viel wäre noch zu erzählen: über das Laubhüttenfest, das Hermann Simon von allen Feiertagen am meisten mag, über die Renovierung der Neuen Jüdischen Synagoge, über die Wende, über das liberale Judentum. Beim nächsten Mal. Draußen strahlt immer noch die Sonne auf die Kuppel der Synagoge.

Von: Karl Grünberg, ehemals Freiwilliger in den USA, freier Mitarbeiter im Öffentlichkeitsreferat von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Journalist und Historiker.

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