Tage des Maidan

Wie die Freiwillige Carina Schweikart die letzten Protesttage in Kiew miterlebte und lernen musste, dass es immer mehr als eine Wahrheit gibt.

Helme, Protektoren und Schlagstöcke – die 50 Demonstranten sehen aus, als ob sie in die Schlacht ziehen. Eigentlich wollte ich Wolle kaufen, doch als ich aus der Metro steige, entdecke ich die Gruppe direkt neben meinem Lieblingsgeschäft. Was wollen sie hier, soweit vom Maidan entfernt? Ich bin neugierig und frage einen der vermummten Männer. „Im Nachbargebäude ist eine Polizeistation. Dort werden Demonstranten gefangen gehalten, die werden wir jetzt befreien“, erklärt er mir. Während wir reden, kommen immer mehr Menschen auf den Platz. Eine junge Frau tauscht ihr Pelzmützchen gegen einen Bauhelm und ihre Handtasche gegen einen Schlagstock. „Na dann, viel Glück!“, rufe ich noch und gehe in den Laden. Erst später wird mir klar, wie selbstverständlich solche Begegnungen für mich geworden sind. Der „Euromaidan“ ist Alltag.

Wochen später, Dienstag, der 18. Februar, 26 Menschen sind bis jetzt gestorben, die Kämpfe rund um den Maidan dauern an, es sind die schwersten seit Beginn der Proteste. Ich sitze abends vor dem PC und aktualisiere alle fünf Minuten den Liveticker, mal wieder. Zum Glück habe ich die Metro nach Hause noch bekommen, nun sind alle Stationen im Zentrum geschlossen, mal wieder. Normalerweise lasse ich die vielen verschiedenen Meinungen, die hier alle haben, auf mich einprasseln, und wäge lange ab, bevor ich mir eine eigene bilde. Das Machtchaos, die Verstrickungen einzelner Clans in die Politik sind sehr unübersichtlich. Doch dieser Dienstag ist anders, soviel ist passiert, soviel muss ich verarbeiten.

Wenn mir eine „meiner“ Großmütter erklärte, sie möge diese „Banditos“ auf dem Maidan nicht, schließlich sei dieser schöne große Platz jetzt so furchtbar schmutzig. Dann stimmte ich ihr zu. 90- jährige Babuschkas, die die Anfänge der Sowjetzeit, einen Weltkrieg, politische Repression, den Kalten Krieg und das Ende der Sowjetunion miterlebten, haben ausnahmslos immer recht.

Wenn mir der Großvater beim Eintreten in die Wohnung einen Empfang aus schnellem geschrienen Russisch bereitete, blieb ich ruhig und wunderte mich. Nach und nach konnte ich den Grund der Aufregung – die Zusicherung Merkels von finanzieller Hilfe an die ukrainische Opposition – heraushören. Und auch ihm stimmte ich zu. „Von der Bühne des Maidan schreien sie herunter: ‚Bringt die Juden und Russen um!‘ Dass ich das noch erleben muss und deine Merkel gibt den Faschisten auch noch Geld! Nach allem, was geschehen ist...“, erboste sich der sonst immer so langsame und freundliche alte Mann. Er überlebte drei verschiedene Konzentrationslager.

Wenn sie in der Kirche, in der ich arbeite, Hilfe beim Suppe kochen für die Demonstranten brauchten. Wochenlang harren sie bei minus 20 Grad und eisigem Wind aus. Als sie mir erklärten, dass Präsident Janukowitsch einfach keine andere Sprache als die der Gewalt verstehe. Sie hätten es nun schon so lange friedlich versucht. Ja, selbst dann, sagte ich nur beschwichtigende Worte.

Wir gingen über den Platz in die nahegelegene Wohnung eines Demonstranten. Menschen mit rußgeschwärzten Gesichtern schleppten Autoreifen zur „Front“, hektisch und in konzentrierter Anspannung zugleich. Frauen pflegten Verwundete oder brachten sie in die Kirchen zu den Ärzten, die freiwillig halfen. Männer schlugen Steine aus dem Boden. Wie immer in der Ukraine bekomme ich noch während der Begrüßung eine Tasse Tee. Ein Fernseher läuft, Liveübertragung der „Gefechte“. Um mich herum sitzen Demonstranten, wärmen sich kurz auf, andere nehmen eine Dusche. Die Solidarität untereinander ist groß, auch diese Wohnung ist zum Allgemeingut geworden. Ich schaue in den riesigen Bildschirm, die Bilder sind schrecklich. Neben mir diskutieren Mutter und Tochter. Die Mutter will los, mitkämpfen, sie kann sich nicht hier verstecken, wenn andere ihr Leben lassen. Sie geht. Die Tochter ist den Tränen nahe. Ich schaue aus dem Fenster. Blauer Himmel, die Sonne blendet mich, 700 Meter weiter sterben Menschen.

Wenn mir meine Chefin erklärte, dass ich die rechtsextreme Swoboda-Partei nicht so kritisch sehen dürfe, da es viele gute, gemäßigte Menschen in ihr gäbe, blickte ich nur ungläubig. Sie sagte, dass man zwischen rechtsradikal, was schlecht ist, und nationalistisch, wogegen nichts einzuwenden sei, differenzieren müsse. Mein Gesichtsausdruck änderte sich wohl wenig, denn sie fügte eilig hinzu: „Ich kenne sogar eine hohes Mitglied dieser Partei, der auf Knien eine Jüdin anbettelte ihn zu heiraten. Dieser Mann wusste, wer ich bin, denn jetzt sind wir verheiratet.“

Aber als ich vorhin der zarten, kleinen Marina in die Augen sah, hätte ich weinen können. Als Polizisten in die Kirche kamen, um sich aufzuwärmen, zog sie mich und einen anderen Freiwilligen aus dem Gewusel. „Wie kann es sein, dass ich in dieser Kirche den Polizisten Tee und Essen servieren soll? Jenen Menschen, die morgen meine Freunde erschießen!“ Wir standen in der Kälte vor der Kirche. Ihre Stimme zitterte: „Wegen einem einfachen Gummigeschoss hat ein Bekannter jetzt nur noch ein Auge.” Die immer so liebreizende Marina berichtete, wie sie einen der Polizisten gefragt hatte, ob er auf sie schießen würde, wenn er morgen den Befehl dazu bekäme. Der Polizist sagte: „Ich habe meine Pflicht! Ich habe Frau und Kinder, die ernährt werden müssen.” Da wurde sie richtig wütend: „Und was glaubst du, wofür die Menschen auf dem Maidan sind? Sie stehen dort für ihre Kinder.“

Wir gingen über den Platz in die nahegelegene Wohnung eines Demonstranten. Menschen mit rußgeschwärzten Gesichtern schleppten Autoreifen zur „Front“, hektisch und in konzentrierter Anspannung zugleich. Frauen pflegten Verwundete oder brachten sie in die Kirchen zu den Ärzten, die freiwillig halfen. Männer schlugen Steine aus dem Boden.

Wie immer in der Ukraine bekomme ich noch während der Begrüßung eine Tasse Tee. Ein Fernseher läuft, Liveübertragung der „Gefechte“. Um mich herum sitzen Demonstranten, wärmen sich kurz auf, andere nehmen eine Dusche. Die Solidarität untereinander ist groß, auch diese Wohnung ist zum Allgemeingut geworden. Ich schaue in den riesigen Bildschirm, die Bilder sind schrecklich. Neben mir diskutieren Mutter und Tochter. Die Mutter will los, mitkämpfen, sie kann sich nicht hier verstecken, wenn andere ihr Leben lassen. Sie geht. Die Tochter ist den Tränen nahe. Ich schaue aus dem Fenster. Blauer Himmel, die Sonne blendet mich, 700 Meter weiter sterben Menschen.

Von: Carina Schweikart, Jahrgang 1993, ist als Freiwillige in Kiew tätig. Sie arbeitet in einem Jüdischen Zentrum, betreut Senior_innen und unterrichtet in Schulen. Am 20. Februar 2014, als die Situation in der Ukraine eskalierte, flog sie mit den anderen Freiwilligen in Kiew nach Deutschland. Knapp drei Wochen später kehrte sie zurück und setzte ihren Freiwilligendienst fort.

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