Wo ist Aktion Sühnezeichen Friedensdienste am europäischsten?

Wir haben gefragt und vier Freiwillige haben geantwortet. Herausgekommen
ist ein Mix, der zeigt, wie unterschiedlich Europa sein kann und wie sehr es auf die jeweilige Perspektive ankommt.

Europäisch zu sein, ist ein Privileg

Ich bin für meinen Freiwilligendienst in die Niederlande gegangen – ein Nachbarland von Deutschland, gar nicht so weit weg. In meinem Projekt treffe ich aber Menschen aus der ganzen Welt. Europa kann im Idealfall genau das sein: etwas, das Menschen verbindet. Ein Verbund, in dem man sich unterstützt, egal welcher Nationalität man angehört. In diesem Sinne ist die Seemannsmission sehr europäisch: Wir besuchen die Schiffe unabhängig von den Nationalitäten der Besatzung und bieten unsere Unterstützung an.

Die Frage „Europäer oder Nichteuropäer“ kann für Seeleute aber auch existenziell werden. Europa als Wirtschaftsverbund und Gesetzgeber setzt für seine Bürger_innen bessere Arbeitnehmer_innenrechte durch. Das schlägt sich direkt auf die Verträge und das Gehalt der Seeleute nieder: Ein deutscher Kapitän ist immer zwei Monate an Bord und hat dann zwei Monate frei. Philippinos arbeiten hingegen bis zu zehn Monate am Stück auf einem Schiff. Danach sind sie drei Monate zu Hause und dann geht es schon wieder los.

Ich kann gut verstehen, dass viele das ungerecht finden. Im Kontakt mit den Seeleuten ist mir bewusst geworden, dass es ein Privileg ist, europäisch zu sein. Als Europäer_innen haben wir viele Möglichkeiten, die andere nicht haben. Ohne allzu viel Aufwand kann ich zum Beispiel gerade ein Jahr im Ausland wohnen und arbeiten. Und dennoch gibt es Menschen, wie zum Beispiel ukrainische Seefahrer, die ganz bewusst sagen, dass sie nicht zu Europa gehören wollen. Die Tatsache, dass Europa so stark ist und es uns gut geht, grenzt diejenigen Menschen aus, die nicht daran teilhaben können. Dessen müssen wir uns bewusst werden.

Autor: Jonas Rusche, Freiwilliger in Rotterdam, Niederlanden.

 

Europa in Israel

Es ist zehn Uhr und ich klopfe an Frau Kellermanns Tür im Altenheim für sogenannte „mitteleuropäische Einwanderer_innen“ in Tel Aviv. „Sie sind viel zu spät“, sagt sie, als sie öffnet. „Ich habe Ihr Frühstück schon wieder weggeräumt.“ Frau Kellermann ist verstimmt. Ich schaue auf die große Kuckucksuhr aus dunklem Holz, die an der Wand hängt. Direkt über dem karierten Ohrensessel. Es ist drei Minuten nach zehn – ich bin drei Minuten zu spät. Doch ich protestiere nicht, sondern entschuldige mich nur.

Szenenwechsel, um 16 Uhr gibt es Kirschkuchen und Kaffee, alle Bewohner_innen kommen zusammen. Um mich herum höre ich Jiddisch, Polnisch, Tschechisch, Englisch und Deutsch. Wenn jemand hinzukommt, der die Sprache nicht versteht, wechselt man zu Hebräisch. Frau Kellermann und ich spielen Rummikub. Sie fragt, ob ich das Spiel kenne, und ich verneine, obwohl ich mich dunkel an weit zurückliegende Spieleabende mit meinen Großeltern erinnern kann. Aber ich weiß ohnehin nicht mehr, wie es geht, also ist es keine schlimme Lüge.

Später gehe ich in die Bibliothek des Heimes. Hier gibt es englische, hebräische und deutsche Bücher. Zwei Bewohnerinnen kommen dazu. „Ich lese nicht gern hebräische Bücher“, sagt die eine. „Für Goethe gibt es keine gute Übersetzung“, sagt die andere. Feierabend, ich verlasse das Heim durch das Foyer. Dort findet inzwischen ein Konzert statt, eine junge Israelin spielt Bach auf dem Klavier. Ich erkenne die Symphonie, weil ich sie erst am Tag zuvor mit Frau Kellermann auf Youtube angehört habe.

Die Tür tut sich vor mir auf und ich trete nach draußen in die Abendsonne. Sie ist immer noch sehr stark, die Luft staubtrocken. Ein paar Meter weiter befindet sich der arabische Gemüsestand, auf der Straße hupen die Autos, die Fahrer wedeln aufgeregt mit den Händen und schreien sich an. Lächelnd mache ich mich auf den Heimweg.

Mal wieder hätte ich fast vergessen, dass ich mich nicht in Europa befinde. Jetzt erst erinnert mich Israel wieder daran.

Von: Johanna Blender, ehemalige Freiwillige in Tel Aviv, Israel.

 

 

Kein „großes Ganzes“

zeichen: Pia, du arbeitest in Ostrava mit Roma-Kindern. Wie erlebst du die Situation der Kinder in Tschechien?
Pia: Roma geht es in den wenigsten Ländern in Europa wirklich gut. Hier in Tschechien gibt es einen unbegreiflich starken Rassismus gegenüber Roma. Vorurteile, Ausgrenzung und leider auch Gewalt sind
allgegenwärtig. Es scheint nahezu unmöglich, als Roma einen angesehenen Status zu erlangen. Von der Seite der Roma selbst kommen deshalb auch keine großen Anstrengungen – ein Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Welchen Einfluss können die EU und die europäische Öffentlichkeit darauf ausüben?

Auf Druck der EU gibt es mittlerweile ein paar Lösungsansätze, um die Situation der Roma in Tschechien zu verbessern – zum Beispiel mein Projekt. Manche funktionieren, andere wiederum lassen die Konflikte weiter anschwellen. Aber sie sind immerhin vorhanden!

Hat sich dein Bild von Europa durch deine Erfahrungen im Projekt verändert?

Auf jeden Fall! Trotz der EU und der Errungenschaften, die sie für unseren Kontinent mit sich bringt, sind noch längst nicht alle Menschen gleichberechtigt. In den Augen der Roma ist Europa kein „großes Ganzes“, wie wir es uns manchmal vorstellen. Gleichzeitig kann ich mich nun mit der europäischen Idee des friedlichen Miteinanders und des gegenseitigen Respekts viel besser identifizieren.

Von: Pia Lüken, Freiwillige in Ostrava, Tschechien.

 

Als Bürger_innen Europas
teilen wir die Geschichte

Europa ist hier in Coventry für mich Alltag geworden. Mein Projekt ist Teil des trilateralen Programms von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Ich arbeite und wohne mit einem polnischen Freiwilligen zusammen. Dadurch setzte ich mich gleich mit drei europäischen Kulturen auseinander: der englischen, der polnischen und meiner eigenen, der deutschen.

Klar, wir bemerken immer wieder Unterschiede, aber erstaunlicherweise werden vor allem die Gemeinsamkeiten deutlicher. Das beginnt schon bei der Sprache. Nicht nur zum Englischen, auch zwischen dem Polnischen und Deutschen gibt es Überschneidungen. Unsere WG-Sprache ist Englisch, aber wir greifen auch auf andere europäische Sprachen zurück. Und irgendwie verstehen wir uns am Ende meistens doch. Auch kulturell gibt es einige spannende Entdeckungen. Gerade in der Weihnachtszeit hatten wir viel Spaß dabei, möglichst viele Traditionen zum Leben zu erwecken: Geschenke aus England, Adventskranz und Plätzchen aus Deutschland, Essen und gute Wünsche aus Polen. Und doch – auch hier gab es viele Ähnlichkeiten, zum Beispiel bei Kerzen, Weihnachtsbaum und Musik. Die meisten Gemeinsamkeiten lassen sich aus der Geschichte heraus erklären. Die heutigen Ländergrenzen sind ein junges Konstrukt, entstanden aus den vielen Gebietsverschiebungen der letzten Jahrhunderte. Tradition und Kultur entstehen im Laufe der Geschichte, und diese teilen wir doch als Bürger_innen Europas an vielen Stellen.

Das ist für mich europäische Identität. Ich stelle hier immer mehr fest, wie sehr ich selbst ein Teil dieser europäischen Identität bin – oder vielleicht sie von mir? Mein Freiwilligenjahr zeigt mir bisher unbekannte Facetten von Europa. Es macht mir jedoch auch deutlich, wie viel ich noch nicht kenne. Ich freue mich darauf die Grenzen meines Bildes auch in Zukunft zu erweitern und empfehle jedem, dasselbe zu tun.

Von: Maike Böning, Freiwillige in Coventry, Großbritannien.

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