Luther wird kein Demokrat

Wie Theologen 1917 in Luther den Heilsbringer »eines deutschen Wesens« und »des deutschen Sieges« sahen. Doch es gab auch Widerspruch. Ein Beitrag von Eike Stegen.

1917 ging der Erste Weltkrieg ins vierte Jahr. Viele Familien hatten Kriegstote zu beklagen. Mangelernährung und Hunger gehörten zum Alltag. Im Deutschen Reich spitzten sich die sozialen und politischen Gegensätze zu, die Arbeiter streikten. In Russland veränderten sie die Machtverhältnisse, mit der Februarrevolution stürzte der Zar und die Oktoberrevolution warf bereits ihre Schatten voraus.

Ab April waren die USA Weltkriegspartei geworden. In historischen Darstellungen Europas markiert das Jahr 1917 häufig den Beginn eines so genannten kurzen 20. Jahrhunderts, das mit dem Ende der Sowjetunion 1991 schließen würde. Die entscheidende Weichenstellung dafür fand 1917 statt: Das Ende des Krieges, des Deutschen Reiches, und auch die Revolution von 1918/1919 waren von hier aus vorgezeichnet. 1917 war ein Jahr der politischen und gesellschaftlichen Veränderung, in der die Religion keinen Platz zu haben schien. Doch die Religion sollte 1917 eine bedeutende Rolle spielen. Jedenfalls hatten noch vor Kriegsbeginn die Planungen zu einer großen Feier zum 400. Jahrestag der Reformation begonnen. Sie sollte am 31. Oktober in Wittenberg stattfinden.

Welche Antworten konnte der deutsche Protestantismus in seinem Jubeljahr auf die Krise geben? Welche Orientierung bot in solch katastrophaler Zeit die Besinnung und Rückschau auf die Reformation und den Reformator Martin Luther? Auf den ersten Blick zeichnete sich, wenn man die Ereignisgeschichte betrachtet, ein Desaster ab: Im Sommer 1917 wurde die Feier in Wittenberg kriegsbedingt auf 1918 verschoben und 1918 abgesagt. Ausgerechnet am 400. Jahrestag, am 31. Oktober 1917, trat der protestantische Reichskanzler Michaelis zurück und ein Katholik, der Zentrumspolitiker Hertling, übernahm die Regierungsgeschäfte. Der zweite Blick lässt erkennen, dass für das Jubiläum eine Vielzahl von Schriften publiziert wurde.

Als wollten die Schriften die ausgefallene Feier kompensieren, gab es 1917 kaum ein Thema, das nicht vor dem Hintergrund der Reformation reflektiert wurde. Es gab Luther in allen Literaturgattungen, es gab Luther auf Münzen, Plaketten, Medaillen, Bildern, Postkarten, Kalendern. Das dominante Thema der Luther-Publizistik 1917 war: Deutschland. Luther wurde als deutsche Identifikationsfigur angeboten, nicht nur für die Protestanten, wie der Theologe Hans von Schubert schrieb:

»Kann man sich einen Charakter denken, der reiner als Luther das deutsche Wesen im Unterschied zu dem der anderen Völker darstellt? Er hat es erst recht an den Tag gebracht, und deshalb gehört der Mensch Luther nicht nur dem Evangelischen, sondern allen Deutschen. Seine sieghafte Persönlichkeit selbst ist ein nationaler Besitz, ein Stück unserer Kultur geworden.«

Doch Luther ist nicht nur als deutsche und als sieghafte Persönlichkeit von Bedeutung. Der Kampf im Weltkrieg wäre für die ganze Welt bedeutend, denn die Ideen von 1517 würden mit den Ideen von 1789 ringen.

Die Ideen der Reformation rangen mit den Ideen der Revolution (Frankreich), mit dem Utilitarismus (Großbritannien) und der Despotie (Russland), so der Theologe Ernst Cremer: »[...] indem so unser Volk im Mittelpunkt wie des Weltkrieges so dieses Geisteskampfes ist, muss ihm ja das Gedächtnis der Tat Luthers zum Siegel des Berufs werden, den ihm Gott heute immer noch zugedacht hat. An ihm liegt es, die Frage zu beantworten, ob die Weltgeschichte die Bahnen weitergehen soll, die Luther ihr gewiesen hat.«

Luthers Kampfgeist und die Kampfbereitschaft sollten den Kampfeswillen der Deutschen beflügeln. Hinzu sollte eine Siegesgewissheit treten, die auf Luthers Gewissheit im Glauben, auf seine Frömmigkeit bezogen wurde.

»Aber wie unsere todesmutigen Krieger gegen den äußeren Feind, so haben auch wir in der Heimat gegen den alten, bösen Feind der Sünde, des Übermuts, der Schlaffheit und der Verzagtheit [...] unsere besten Kräfte aufzubieten [...]«, so der Theologie- Professor Otto Ritschl.

Und weiter:

»Das allein ziemt einem Protestanten, der Luthers religiöses Vermächtnis hochhält, um es im eigenen Verhalten immer wieder zur wirklichen Tat umzusetzen. Daher Trotz und Abwehr [...] allen denen, die nach Frieden schreien, wo nach Gottes Willen doch noch kein Friede in allernächster Aussicht steht, um den es sich lohnt, so entsetzlich heiß gekämpft und so unendlich schwere Opfer gebracht zu haben.«

1917 engagierte sich Ritschl in der rechtsradikalen Deutschen Vaterlandspartei, die gegen einen Verständigungsfrieden agitierte und auf Annexionen drang. Ritschl war als Professor in Bonn Ernst Troeltsch nachgefolgt.

Der liberale Theologe Troeltsch war, obschon er 1914 den Krieg begrüßte, 1917 ein Gegenpol zu den hier zitierten Stimmen. Troeltsch widersprach 1917 der Deutung des »deutschen Wesens« Luthers. Vielmehr deutete er ihn global. Ein »deutsches Wesen« habe zwar mächtig und herzbewegend aus ihm herausgesprochen, aber:

»Es war nicht die Hauptsache. Die Hauptsache war sein Evangelium, seine religiöse Predigt in ihrer Bedeutung für die Seele überhaupt und für die Gemeinschaft der Seelen, wo immer in aller Welt sie im Glauben und Aufblick zu dem Herrn der Kirche sich treffen und aus diesem Glauben die Welt der Sünde zu ertragen und zu überwinden wissen.«

Ein Auseinanderfallen von Religiosität und kirchlicher Religion sah Troeltsch als vornehmstes Problem, das das Reformationsjubiläum angehen müsste. Außerdem schimpfte er über seine bellizistischen Kollegen:

»Die Leichtfertigkeit und Verantwortungslosigkeit, mit der in Prosa und Versen, in Wissenschaft und Literatur an diesen Dingen herumexperimentiert und dilettantiert wird, ist grenzenlos und grauenvoll. Es ist, als ob hier jeder Einfall beliebig und ohne Schaden in die Welt geschleudert werden könnte [...]. Da ergeht an uns alle beim Reformationsjubiläum in schwerster und ernstester Zeit, die ihre Folgen für das Leben der Seele nur ganz langsam und in heute nicht berechenbarer Weise entfalten wird, die Mahnung vor allem zum Ernste, zur Ehrfurcht und zum Verantwortungsgefühl in der Behandlung des religiösen Lebens und Denkens unseres Volkes.«

Troeltsch klagte 1911 über fehlende Freiheit, als deren Garant er die Reformation empfahl: »Unsere großen Militär- und Verwaltungsstaaten sind trotz aller Parlamente dem Geist der Freiheit nicht lediglich günstig. (...) Es bleibt in kommenden Zeiten des Druckes und des Rückganges der Freiheit vor allem (...) die religiöse Metaphysik der Freiheit und der persönlichen Glaubensüberzeugung, die die Freiheit aufbaut auf (...) den Glauben an Gott als die Kraft, von der uns Freiheit und Persönlichkeit zukommt: der Protestantismus.«

Und im Januar 1919 formulierte er, weit über den Protestantismus hinausgehend, dass die Demokratie mit ihrer »Schätzung der Persönlichkeit und Menschenwürde gerade mit dem religiösen Gedanken aller christlichen und jüdischen Konfessionskirchen (...) wahlverwandt« wäre.

So findet sich im Reformationsjubiläum im deutschen Protestantismus zweierlei: zum einen die Inanspruchnahme Luthers als Zeugen des deutschen Sonderwegs in Abgrenzung zu den liberalen parlamentarischen Staatsentwicklungen in Frankreich und Großbritannien, seine Inanspruchnahme als Sinnstifter für eine siegesgewisse Fortsetzung des massenhaften Sterbens. Zum anderen, bei wenigen, eine Kritik dieser einseitigen Inanspruchnahme. Die Reformation verstand sich als eine Besserung. Sie wollte die Gläubigen auf ihrem Weg zur Gnade Gottes unterstützen, indem sie von ihr als falsch begriffene Entwicklungen der katholischen Kirche revidierte.

Die Selbstvergewisserung durch Rückschau und durch eine zeitgemäße Deutung Luthers war 1917 und ist 2017 für evangelische Theolog_innen eine Selbstverständlichkeit. 1917 ging eine große Zahl von ihnen mit der Aktualisierung unverantwortlich um. Deutsches Wesen und deutscher Sonderweg: Das waren Töne, die es ein Jahr später der Republik außerordentlich schwer machen sollten und die den völkischen Gegner_ innen Weimars Munition lieferten.

Eike Stegen, Jahrgang 1973, Historiker und ASF-Referent für die Auswahl- und Vorbereitungsseminare sowie die Länderarbeit Niederlande und Frankreich.

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