Luther wird kein Demokrat

Gedanken zum so genannten Lutherjubiläum und die Frage, ob der Staat dieses mit Millionen Euro unterstützen sollte

Einer traut sich. Verschränkte Arme statt "Führergruß". Auch eine Form des Widerstandes in Hamburg, 1936

Einer traut sich. Verschränkte Arme statt "Führergruß". Auch eine Form des Widerstandes in Hamburg, 1936

Der demokratische Staat Deutschland feiert die Reformation und damit einen vor-demokratischen Vorgang. Warum tut er das? Es scheint so, als glaube er, das nütze ihm: So fördert er finanziell eine Vielzahl von Ausstellungen – im Jahr 2017 sind es über 70. Wie nützt dem Staat das Feiern einer Zeit, die Menschenrechte und Gewaltenteilung noch nicht kannte? Wäre es nicht besser für ihn, er würde sich an diese Zeit lediglich erinnern?

Bisher war die Frühe Neuzeit keine übermäßig boomende Geschichtsepoche. Luther ist vielen ein Begriff, was aber die Reformation genau war, können wahrscheinlich wenige Menschen sagen. Noch weniger wissen die meisten wahrscheinlich vom Investiturstreit im Mittelalter oder von der Weltreise des chinesischen Admirals Zhèng Hé im 15. Jahrhundert. Insofern ist es interessant, dass das deutsche Parlament 2011 beschlossen hat, jedes Jahr mehrere Millionen Euro für das so genannte Luther- Jubiläum auszugeben.

Eine Doppelstruktur von kirchlicher und staatlicher Geschäftsstelle »Luther 2017« ist entstanden. Renommierte Wissenschaftler beraten, Ministerpräsidenten und hochrangige Regierungsmitglieder lassen darauf achten, dass das rote Logo »Luther 2017« überall da zu sehen ist, wo staatliche Gelder drin stecken. Die Hoffnung: Am Ende erkennen die Menschen an verschiedenen Orten »Luther und Reformation« so wie sie Shampoo und Deodorant an Hand des blauen Rechtecks der Marke »Nivea« zuordnen können.

Eine Doppelstruktur von Staat und Kirche hat es schon einmal gegeben: 1980 gründete Erich Honecker ein Komitee, dass die offizielle »Luther Ehrung der Deutschen Demokratischen Republik« vorbereiten sollte. Damals halfen sozialistische Wissenschaftler den Beweis zu führen, dass Luther und die Reformation am Anfang der klassenkämpferischen Geschichte der DDR stünden. Die Kirche in der DDR gründete wiederum ihr eigenes Komitee, um der staatlichen »Heldenverehrung« 1 zu entgehen. 2008 hingegen kam der Impuls, Luther großflächig zu feiern, aus der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nun gibt der Staat Geld dafür aus, um Konfessionsgründer zu bejubeln, denn nichts anderes bedeutet ja das Wort »Jubiläum«. Das Jahr 1517 lässt sich nicht von Martin Luther lösen. Er war es, der die 95 Thesen schrieb und veröffentlichte.

Er war es, der den Konflikt im Anschluss mit der römischen Papstkirche soweit eskalierte, dass am Ende seine Exkommunikation stand. Insofern kann 2017 zwar auch der Reformation in Gänze gedacht werden – aber immer nur mittelbar und nur durch die historische Biografie Martin Luthers hindurch. Mit seiner Person handelt man sich jedoch auch Themen ein, die gar nicht nach einem Jubiläum schreien. So sind Luthers Antisemitismus oder seine Forderung, dass man die Bauern erschlagen solle, da sie dazu aufrufen würden, alle Menschen gleich zu behandeln (WA 18, 327, Z. 21–23), oder seine streckenweise brutale Position zu den Täufern nicht feierlich, sondern schauerlich.

Solche Themen kommen 2017 zwar vor, werden aber stets eingehegt von Forderungen, dass Luther hier kontextualisiert betrachtet werden müsse. Die Frage aber bleibt: Reicht nicht eine Gedenkveranstaltung? Warum muss so etwas gefeiert werden? Der Staat hat anderes im Sinn: Die staatliche Geschäftsstelle »Luther 2017« und die kirchliche Geschäftsstelle »Luther 2017 – 500 Jahre Reformation« behaupten auf ihrer Website unter der Überschrift »Das Reformationsjubiläum 2017. Staunen – Entdecken – Jubeln«: »Die Aufklärung und die Menschenrechte wurden – wie auch die Demokratie heutiger Prägung – durch die Reformation entscheidend beeinflusst.«  

Dergleichen gewagte Thesen sind scheinbar hilfreich zur Rechtfertigung solch einer Feier in einem demokratischen Staat. Luther, die Aufklärung, die Menschenrechte stehen im direkten Zusammenhang, ganz ohne Kontext. Vor diesem Hintergrund finanziert die Politik eine Vielzahl von Ausstellungsprojekten. In den geförderten Museen kann solche Förderung Projektionen auslösen: Was hat denn der Staat eigentlich mit seinem Geldgeben intendiert? Welche Zwecke verfolgt er? Wie schaffen wir es, dass er uns erneut Geld gibt? Dieses Denken hat in Museen Tradition, denn sie sind seltsame Zwitterwesen. Museen entspringen dem Wunsch vormoderner Fürsten, ihre Macht mit teuren Kunstwerken zu repräsentieren. Ursprünglich waren Ausstellungen nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern nur für den Adelsstand. Als die Französische Revolution den König köpfte, köpfte sie damit auch die adelige Legitimation von Kunstsammlungen.

Seitdem sollen Museen »für das Volk« da sein, so wollen es die Demokraten. Die Paläste wurden geöffnet und die Öffentlichkeit darf Kunst sehen. Heute sind die immens teuren Ausstellungsprojekte demokratisch, da sie die Bürger_innen bilden sollen. Gleichzeitig gerinnt in historischen Ausstellungen oft Geschichtspolitik: Sie betrachten Geschichte aus Sicht der derzeitig Mächtigen und machen Geschichte nützlich. Nun wird krampfhaft in der Reformation nach Demokratie gesucht und die politische Agenda hinter dem Jubiläum scheint »Luther war Demokrat!« zu lauten.

Dieser fromme Wunsch fällt – ob Zufall oder nicht – mit der heimlichen Erleichterung der deutschen Seele zusammen, dass man sich mit dem Reformator endlich einmal nicht an Hitler erinnern muss. Das untergründige Suchen nach Positivem, Konstruktivem und Unkritischem kollidiert jedoch mit der Sache, mit der Geschichte selbst: Die blutige Reformationshistorie sperrt sich gegen solche Vereinnahmungen. Darum sind Stadtmarketingkampagnen wie »Luther rules« (Leipzig) eher peinlich.

Sie versuchen mit ihrem glatten Geschichtsbild Identität hervorzubringen. Wer sich an die Reformation erinnert und hierbei Aufklärung und Luther aufeinander beziehen möchte, könnte der Kausalkette »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, der pietistischen Erziehung Immanuel Kants und Kants Freiheitsbegriff als Möglichkeitsbedingung von moralischem Handeln folgen. 3 Das zu tun führt vor Augen, dass zwischen dieser und jener Person nicht nur 250 Jahre liegen, sondern beide auch verschiedene Vorstellungen von Freiheit hatten. Wer sich erinnern möchte, könnte aber auch der undemokratischen Tradition der deutschen Protestanten nachgehen und erforschen, wie sie nach 1918 auf der Suche nach einer Obrigkeit waren: Der Kaiser und damit auch der oberste Kirchenherr war ja ins Exil gegangen. Das zu tun führt vor Augen, wie die Kirche Demokratie erst lernen musste. Durch den staatlichen Zwang zum Feiern eines Reformationsjubiläums könnte man vermuten, dass das landesherrliche Kirchenregiment fortwirkt. Staat und Kirche bilden eine Allianz.

Solcher Feierzwang ist für eine Demokratie schädlich, denn er läuft auf Identitätspolitik hinaus. 

 

Robert Kluth, Jahrgang 1982, Historiker, Ausstellungskurator, Lehramtsreferendariat. Er war 2002–2003 Freiwilliger in den Niederlanden. Bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste engagiert er sich in der AG Theologie.

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