Illegalisiert in den USA

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© Flickr-Lizenz / Zoriah

Während seines ASF-Freiwilligendienstes begegnete Ruben Staffa zwei
Brüdern aus Guatemala, die illegalisiert in der USA leben.

Ich werde niemals die Nacht vergessen, die ich zusammen mit den Bermudez-Brüdern und meinem Mitfreiwilligen Sebastian in der Küche unserer Wohngemeinschaft in Camden verbracht habe. Die beiden heißen eigentlich anders, aber ihre richtigen Namen möchte ich hier lieber nicht nennen. Die Brüder kommen aus Guatemala und halten sich nun nach zwei langen und gefährlichen Reisen ohne legalen Aufenthalt in den USA auf.

Zum ersten Mal begegnete ich Hector Bermudez im Gottesdienst der Christus Lutheran Church in Camden, der ärmsten Stadt der USA und Ort meines Freiwilligendienstes. In einer der Reihen saß ein Mann, der offensichtlich aus Lateinamerika stammte. Neugierig schaute er sich in der Kirche um. Seine Augen standen im starken Kontrast zu seiner heruntergekommen en Erscheinung. Die Pastorin erzählte mir dann nach dem Gottesdienst, Hector sei erst vor einem Monat aus Guatemala nach Camden gekommen.

Ich war glücklich, mein Spanisch wieder auffrischen zu können, setzte ich mich neben Hector und begann schnell eine Unterhaltung. Dieser freundliche Mann hatte ein Jahr unglaublicher Entbehrungen erlebt, um in die USA zu gelangen. Er hat es geschafft, andere nicht.

Ich lud ihn noch am selben Abend zum Essen in unsere Freiwilligen- Wohngemeinschaft ein. Blauäugig fragte ich, ob er oder sein Bruder Präferenzen bezüglich des Essens hätten. Woraufhin Hector lächelnd antwortete, dass er auf seiner Reise aus Wassermangel Kuhjauche hatte trinken und vertrocknetes Dornengestrüpp verspeisen müssen. Und solange ich nicht vorhätte dergleichen zu servieren, seien er und sein Bruder glückliche Gäste.

Die Geschichte der Bermudez-Brüder

Vor acht Jahren war die Familie Bermudez ruiniert. Ricardo hatte kein Geld mehr, um seine Familie zu ernähren. Sein Verdienst reichte nur, um die Miete zu bezahlen. In der ländlichen Region Guatemalas herrscht eine Arbeitslosigkeit von 60 Prozent. Der einzige Ausweg: die Emigration in die USA. Ricardo, der Frau und drei Kinder zurückließ, ging zuerst. Er brauchte ein Jahr, um nach Camden zu kommen. Unterwegs musste er Misshandlungen korrupter Polizisten aushalten und war ständig unterernährt. Kurz vor der Grenze geriet er in die Hände von Gangmitgliedern, die mit Waffengewalt seine letzte Habe raubten, ihn demütigten und dann gehen ließen. Und damit hatte er noch Glück, er hätte auch getötet werden können. Irgendwann erreichte Ricardo dann Camden.

Ruben Staffa arbeitete mit Kindern und Jugendlichen in Camden

Lebensfroh und unbeirrt

Die erste Nachricht, die Ricardo nach seiner Ankunft in Camden von zuhause erreichte, war die Information vom Tod seiner Eltern. Aber Ricardo hatte nicht viel Zeit zu trauern, denn er musste arbeiten. Dafür war er ja in die USA gekommen. Als illegalisierter Arbeiter in einer Metallfabrik galten für ihn nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie für US-Bürger. Gleich im ersten Monat hatte Ricardo einen Arbeitsunfall. Am Hals trägt er seitdem eine tiefe Narbe, der schnell anzusehen ist, dass die Wunde nicht richtig behandelt wurde. Inzwischen lebt Ricardo schon seit acht Jahren in den USA. Seine Familie hat er seitdem nicht mehr gesehen. Das Geld, das übrig bleibt, schickt er nach Hause.

Vor wenigen Monaten hat sich dann auch sein Bruder Hector, der trotz einer Ausbildung zum IT-Fachmann in Guatemala keine Arbeit fand, auf den Weg nach Camden gemacht. Auch er erlebte auf dem Weg in die USA viele Entbehrungen. Doch trotz der Gewalt, des Leidens, der Trennung von der Familie und der schrecklichen Erinnerungen, die beide Brüder durchleben müssen: Beide sind lebensfrohe Menschen mit einem unbeirrbaren Glauben in Gott. Das hat mich am meisten verblüfft.

Autor: Ruben Staffa, Jahrgang 1991, kommt aus Berlin und war bis September 2011 Freiwilliger in Camden, USA. Hier arbeitete er mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien.

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