„Niemand möchte seine Heimat verlassen“

Henriette Kretz wurde 1934 in Polen geboren und lebt heute in Antwerpen. Sie berichtet im zeichen-Interview mit dem ASF-Freiwilligen Paul-Simon Ruhmann über ihre Kindheit als jüdisches Mädchen im besetzten Polen.

zeichen: Als Kind einer jüdischen Familie in Polen waren Sie auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Wie haben Sie und Ihre Familie diese Zeit erlebt?

Leider sind wir nicht weit genug geflohen. Am Ende haben uns die Nationalsozialisten doch erwischt. Wir lebten in einem kleinen Städtchen mitten in Polen. Nach dem Überfall der Deutschen flohen wir nach Lemberg, wo ein Großteil unserer Familie lebte. Ich war damals fünf Jahre alt. Mir sind von dieser Flucht nur einige Bilder und unzusammenhängende Erinnerungen geblieben. Ich erinnere mich an die vielen Menschen auf den Straßen, die Luftangriffe und auch an den Hunger. Doch wir schafften es nach Lemberg und dort ging das Leben seinen gewohnten Gang. Die Geschäfte waren offen: Brot, Fleisch, alles war da – und ich war begeistert! Doch mit dem Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion war auch Lemberg bald nicht mehr sicher. Wir sind dann nach Sambor weiter geflohen, ein kleiner Ort 40 Kilometer von Lemberg entfernt, der noch nicht von den Deutschen besetzt war. Mein Vater, der Arzt war und in Wien studiert hatte, bekam dort eine Stelle als Direktor in einer Klinik für tuberkulosekranke Kinder. Doch nachdem die Deutschen auch Sambor eingenommen hatten, kamen wir in ein Ghetto.

zeichen: Gab es Menschen, die Ihnen auf der Flucht geholfen haben? Und haben Sie umgekehrt auch Verrat und Ablehnung erfahren?

In meiner Geschichte gab es beides. Doch zunächst gab es glücklicherweise ganz viele Leute, die uns geholfen haben. Da gab es einen ukrainischen Arzt, der zusammen mit meinem Vater in Sambor gearbeitet hatte. Dieser Mann hatte sehr gute Kontakte zu den Deutschen. Er war Nationalist und Hitler hatte schließlich eine freie Ukraine versprochen. Bis zur Übernahme durch die Deutschen war er in Sambor von den Sowjets gesucht worden. Mein Vater hatte ihn versteckt und ihm so das Leben gerettet. Als wir dann ins Ghetto kamen, nahm mein Vater Kontakt zu diesem Arzt auf, in dem Wissen, dass dieser noch in seiner Schuld stand. Und tatsächlich, dieser Mann organisierte uns ein Versteck bei einer ukrainischen Familie. Er holte mich und meine Mutter im Ghetto ab. Mein Vater ist geblieben, da er der letzte Arzt im Ghetto war und die vielen Menschen nicht zurücklassen wollte. Das Ghetto wurde aber einige Wochen später liquidiert. Meinem Vater gelang es zu fliehen und er kam zu uns ins Versteck. Dort haben wir einen ganzen Winter im Kohlenkeller gesessen, es war stockdunkel und sehr eng. Wir konnten nur sitzen, liegen oder stehen, uns jedoch nicht bewegen. In dieser Zeit erzählten mir meine Eltern ununterbrochen aus Büchern, aus ihrem Leben, von unserer Familie, von ihren Reisen. All das erlebte ich in diesem Winter in dem kalten Keller – und nur so konnte ich diese Zeit überstehen. Erst als der Winter endete und es wieder wärmer wurde, konnten wir auf den Dachboden gehen. Das war dann ein Paradies für uns. Wir konnten wieder richtig sehen.

Henriette Kretz in Berlin bei der ASF-Jahresversammlung im Mai 2011.

Eines Nachts kamen jedoch zwei Soldaten und nahmen uns fest. Wir waren verraten worden. Mit dem größten Vergnügen erzählte uns ein Soldat, dass uns ein Jude verraten hätte. Und in der Tat, für ein paar Tage war ein Mann in unser Versteck gekommen, der dann aber weitergezogen war. Er wurde gefasst und verriet uns. Mein Vater weigerte sich mitzukommen. Wenn sie ihn erschießen wollten, sollten sie es an Ort und Stelle tun. Der Soldat zog seinen Revolver. Da warf sich mein Vater, schwach und ausgehungert wie er war, auf den Soldaten und rief mir zu: „Lauf, Henriette, lauf!“ Und das habe ich getan. Ich hörte Schüsse. Hörte meine Mutter schreien und dann wieder Schüsse. Da war mir klar, dass ich keine Eltern mehr hatte. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Niemals werde ich die Einsamkeit vergessen, die ich damals verspürte. Es war eine bedrückende, quälende und bedrohliche Einsamkeit. Jeder Mensch, dem ich auf der Straße begegnete, war eine potenzielle Gefahr für mich.

Erst ging ich zu unserem alten Haus zurück, in dem wir vor unserer Zeit im Ghetto von Sambor eine Wohnung gemietet hatten. Ich klingelte und sagte durch das Sprechgerät: „Ich bin’s, Henriette.“ Ich war damals acht Jahre alt. Nach einem Moment der Stille antwortete auf einmal ein Mann mit zorniger Stimme: „Du verfluchte Jüdin, lauf oder ich zeige dich bei den Deutschen an!“ Dann bin ich zu dem Haus einer Freundin gerannt, mit der ich viel gespielt hatte. Die Mutter öffnete mir und ich erzählte ihr meine Geschichte. Sie sah mich mitleidsvoll an, sagte jedoch, dass ich nicht bei ihnen bleiben könne, da ihr Mann mich direkt anzeigen würde, wenn er von der Arbeit käme. Ich durfte allerdings kurz zu ihnen ins Haus kommen, um meine Freundin wiederzusehen. Als ich in ihr Kinderzimmer kam und sah, dass sie in einem Federbett schlief, Spielsachen und all das hatte, wurde mir erstmals wieder klar, dass es diese andere Welt, die normale Welt, auch noch gab. Auf der Flucht und im Versteck fühlte ich mich wie in einem ständigem Albtraum, aus dem ich glaubte, bald aufzuwachen und wieder in der normalen Welt zu sein.

Letzten Endes beschloss ich, ins Waisenhaus zu gehen. Ich war schließlich eine Waise. Außerdem erinnerte ich mich, dass eine Schwester des Hauses Patientin bei meinem Vater gewesen war. Glücklicherweise fand ich dort tatsächlich Unterschlupf und mit mir noch elf weitere jüdische sowie drei Roma-Kinder.

zeichen: Warum sind Sie nach dem Krieg nach Antwerpen gekommen, und wie gestaltete sich Ihr Leben in der neuen Heimat Belgien?

Ein Onkel hatte überlebt. Ich traf ihn in Krakau. In Polen konnten wir jedoch aufgrund der antisemitischen Ausschreitungen und Pogrome nicht bleiben. Die Leute hatten Angst, die Juden würden zurückkehren und Anspruch auf ihr Eigentum erheben. Ursprünglich sind wir nach Antwerpen gekommen, um von dort aus weiter mit dem Schiff nach Kuba zu fahren, blieben dann aber doch dort. Natürlich wurden wir als Flüchtlinge nicht herzlich aufgenommen. Wir hatten Schwierigkeiten eine Wohnung zu finden. Auf nahezu jeder Tür stand der Vermerk ‚keine Fremden‘. Die Fremden, das waren die Juden.

zeichen: Die Menschen in Antwerpen konnten sich keine Vorstellung davon machen, was Sie durchgemacht hatten. Waren Sie allein mit Ihrer Geschichte?

Völlig allein. Alle Kinder des Holocaust mussten da dieselbe Erfahrung machen. Keiner wollte unsere Geschichte hören, nicht einmal die Erwachsenen, die selber dem Vernichtungsapparat entkommen waren. Man hat es einfach nicht für nötig erachtet. Damals sagte man sich, wir seien halt nur Kinder, die die Kriegsjahre nicht so schlimm mitbekommen hätten wie die Älteren. Wir mussten ganz alleine mit unseren Problemen zurechtkommen – manche haben es geschafft, manche nicht.

zeichen: Angesichts der Erfahrungen, die Sie damals machen mussten, wie beurteilen Sie die europäische Politik gegenüber den Flüchtlingen von heute?

Also, eine Sache weiß ich ganz genau und das aus persönlicher Erfahrung: Niemand möchte seine Heimat verlassen, den Ort, an dem er geboren wurde, wo er die Sprache spricht, wo er Familie hat. Wenn Menschen fliehen, dann nur aus dem einen Grund, dass sie in ihren Ländern nicht mehr hoffen können und ihr Leben in Gefahr ist. Tagtäglich wird bei uns Nahrung weggeworfen, wir leben im Überfluss und haben damit das Migrationsproblem auch selbst verschuldet. Hermetisch geschlossene Grenzen können hier nicht die Lösung sein. Durch die Globalisierung ist die Welt klein geworden und wird immer mehr zusammenrücken. Die Entwicklungsländer sind nicht mehr völlig aus der Welt. Deshalb müssen sich die reichen Industrienationen dafür einsetzen, dass alle Menschen auf diesem kleinen Planeten ein menschenwürdiges Leben führen können. Das ist die Herausforderung unserer Zeit, die unsere Zivilisation meistern muss. Aktuell bleibt aber zunächst das Flüchtlingsproblem und das ist immer dann schwierig, wenn Menschen aus völlig anderen Lebenssituationen plötzlich auf eine Gesellschaft treffen, in der bereits feste Normen und Regeln bestehen.

AutorPaul-Simon Ruhmann, Jahrgang 1990, war bis September 2010 ASF-Freiwilliger beim Jüdischen Sozialdienst in Brüssel und studiert heute Politikwissenschaft in Lille und Münster.

  • Gefördert vom
  • im Rahmen des Bundesprogramm
  •  
  •  
  •