Refugium - Ein Wohnprojekt für Flüchtlinge

Regine Vogl war 1997 ASF-Freiwillige in Dachau. Die ehemalige Freiwillige engagiert sich heute bei dem Projekt Refugium in Berlin. In einem Interview berichtet sie von diesem Wohnprojekt für Flüchtlinge.

Wie bist du zum Refugium gekommen?

Während meines Studiums habe ich ein studentisches Ehrenamtsprojekt im damaligen Paul Gerhardt Heim mit aufgebaut. Das Heim wurde 2004 geschlossen und wurde zum Refugium - ein kleines Wohnprojekt für Flüchtlinge. Nach meinem Studium habe ich Ende 2005 dort als Sozialarbeiterin angefangen. Seit 2010 leite ich die Einrichtung. Refugium war lange ein ganz kleines Wohnheim. Aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen haben wir seit 2013 unser Wohnheim vergrößert. Aktuell leben 100 Menschen bei uns, ab April wollen wir 135 Plätze anbieten.

Was genau bietet eure Beratungsstelle Flüchtlingen und Migrantinnen?

Refugium ist keine offene Beratungsstelle. Wir sind ein Wohnheim für Flüchtlinge, eigentlich klassische Gemeinschaftsunterkunft. Besonders ist daran, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Bewohner*innen – fast alles Familien -  in Wohnungen und Apartments unterzubringen. Auf einer eigenen Etage leben 8 Frauen mit ihren Kindern zusammen in einer großen WG. Diese Etage ist z.B. für Frauen gedacht, die entweder allein mit ihren Kindern geflüchtet sind oder sich von den Ehemännern getrennt haben. Dort leben auch Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution oder Genitalverstümmelung geworden sind. Für diese Frauen und Kinder wollen wir einen geschützten Raum anbieten, daher ist der Zugang zu dieser Etage für Männer verboten.Im Beratungsbüro unterstützen die Sozialarbeiterinnen die Bewohner*innen in allen sozialen Fragen und Belangen. Das kann die Suche nach einem Schul- oder Kitaplatz für ein Kind sein, Anträge auf Leistungen bei Sozialbehörden oder die Organisation gesundheitlicher Versorgung. Bei sehr spezifischen und komplexen Problemen wird zusätzliche Hilfe von außen dazu geholt, zum Beispiel Familienberatung oder Psychotherapeuten.Von den bei uns lebenden Menschen, sind mehr als die Hälfte Kinder und Jugendliche, die zusammen mit ihren Eltern hier sind. Wir arbeiten mit etwa 35 Ehrenamtlichen zusammen, von denen die meisten Hausaufgabenhilfe und Nachhilfe anbieten. Aber auch die Betreuung der Kleiderkammer und der Deutschunterricht für Erwachsene wird von Ehrenamtlichen geleistet.Unsere Bewohner*innen leben auf dem Gelände des Paul Gerhardt Stifts in verschiedenen Häusern, in direkter Nachbarschaft mit betreutem Seniorenwohnen, einer Kita und dem Stadtteil- und Familienzentrum. Wir versuchen mit den Kolleg*innen aus allen Bereichen zusammen zu arbeiten und Angebote zu schaffen, die letztendlich mehr sind als die Unterbringung von Flüchtlingen und ein Ankommen in der Nachbarschaft ermöglichen.

Wie kommen die Menschen zu euch?

Da wir ein Vertragswohnheim des Landes Berlin sind, werden uns die Menschen vom LAGeSo zugewiesen. Niemand kann sich aussuchen, in welchem Wohnheim er oder sie unterkommt.

Kannst du eine Begegnung im Refugium beschreiben, die dich besonders bewegt hat?

Was mich immer wieder mitnimmt, ist die Auswirkung, die ein Bescheid zum Asylverfahren haben kann. Ein Stück Papier in einem gelben Briefumschlag, das bedeutet alles oder nichts. Bei uns wohnt gerade eine Familie aus Serbien, die von Anfang an keine Chance hatte. Dennoch hat das Asylverfahren lange gedauert, die Menschen sind angekommen, die Jungs haben einen super Start in der Schule hingelegt. Wenn dann der Ablehnungsbescheid kommt und das Land binnen einer Woche verlassen werden soll, dann bricht plötzlich alles zusammen. Die Leute wollen hier nicht viel. Einen sicheren Platz zum Leben, etwas lernen, eine Arbeit. Zu sehen, dass die ganze Hoffnung mit einem einzigen Brief zerstört wird, ist für mich auch nach 10 Jahren schwer auszuhalten.

Wie geht es deinen Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen in der momentanen Situation / den derzeitigen politischen Diskussionen?

Wir erleben die oft beklagte Überforderung der zuständigen Behörden unmittelbar mit. Bewohner*innen kommen völlig aufgelöst ins Büro, weil sie einen ganzen Tag vor dem LAGeSo verbracht haben und trotz Termin wieder nicht reingekommen sind. Das bedeutet: keine Krankenscheine, keine Sozialhilfe. Wir haben Schwierigkeiten, Hebammen für die Betreuung schwangerer Frauen zu finden, weil die Hebammen nach Abrechnung monatelang auf ihr Geld vom Sozialamt warten müssen. Frisch entbundene Frauen stehen tagelang vor dem Amt, um ihre Babys anmelden zu können. Das ist kein erträglicher Zustand, das geht auch an uns nicht spurlos vorbei. Für die Sozialarbeiterinnen ist die Arbeitsbelastung enorm. Leistungen, die rechtlich klar geregelt sind und als Grundbedürfnisse für jeden Menschen selbstverständlich sein sollten, sind im Moment nur mit viel Mühe und Aufwand durchzusetzen.Gleichwohl erleben wir auch eine große Welle der Unterstützung. Seit letztem Sommer haben sich viele Menschen gemeldet, die uns ehrenamtlich unterstützen. Das ist in vielen Bereichen eine große Hilfe. Auch die Spendenbereitschaft ist hoch. Ganz unverhofft erreichen uns Sachspenden oder finanzielle Unterstützung, damit können wir zusätzliche Projekte finanzieren, Kinder mit Schulmaterial ausstatten oder Ausflüge ermöglichen.

Du warst als Freiwillige mit ASF 1997 in Dachau. Wie hat dich das Jahr geprägt?

In Dachau habe ich viel gelernt. An einem Ort mit so hässlicher Geschichte hatte sich ganz viel Bewegung und Initiative entwickelt, dort einsteigen und mitarbeiten zu dürfen war spannend. Neben vielen interessanten Begegnungen waren die Gespräche mit den Zeitzeugen für mich besonders bewegend. Von ihnen habe ich auch gelernt, dass die Zeitspanne ihrer Verfolgung von sehr großer Bedeutung ist, sie beinhaltet aber nicht ihr ganzes Leben. Es gibt auch ein Leben „davor“ und „danach“, das ist wichtig. Diese Erfahrung – Menschen nicht auf eine Opferrolle zu reduzieren - nehme ich in meine jetzige Arbeit mit. Alle Menschen, die bei uns wohnen, haben ihre eigene Geschichte. Die Erfahrung von Krieg und Verfolgung schleppen alle ihr Leben lang mit sich rum, damit wird wohl niemand je fertig. Manche unserer Bewohner*innen sind extrem belastet und werden dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sein. Es ist aber auch für viele möglich, wieder ein selbstbestimmtes Leben „danach“ zu führen, in einem sicheren Umfeld anzukommen und Stabilität zu gewinnen.

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