Ein Lernprozess zum Thema Inklusion

Maritt Merfort, bei der Freiwilligenarbeit im südnorwegischen Granly

Maritt Merfort, rechts, bei der Freiwilligenarbeit im südnorwegischen Granly.

»Respekt, dass du dich das traust mit so behinderten Menschen! Ich könnte das ja nicht«, sagte eine Bekannte zu mir. Im Sommer 2005 begann ich meinen Freiwilligendienst. In Granly – einer Lebensgemeinschaft für Menschen mit Behinderung in Süd-Norwegen. Die Aussage meiner Bekannten irritierte mich. Menschen mit Beeinträchtigungen gehörten zu meiner alltäglichen Lebenswelt. Ich kannte sie von Kindergeburtstagen und Schulfesten meiner Schwester, die selbst mit einem Handicap lebt. Deswegen wollte ich unbedingt in so einem Projekt arbeiten. Ich stellte mir das Leben in Granly nett, witzig, gemütlich und, naja, alltäglich vor.

Ein Jahr lebte ich mit Sören, Tove, Aina, Dagvin und Emil, meinen Mitbewohner*innen mit besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen, in einem großen alten Landhaus zusammen. Zwölf Jahre ist das her. Ich erinnere mich an das Kichern von Aina, nachdem sie mir einen schallenden Kuss auf die Wange gegeben
hat. An das Knirschen von Schnee bei minus 25 Grad. An das gemeinsame Frühstück mit meinen fünf bezaubernden Mitbewohner*innen. Schnell lernte ich, wie man erwachsene Menschen duscht, wickelt und füttert. Aufgaben, die nicht in jeder WG anfallen. Meine Mitbewohner*innen brachten mir im Gegenzug viele andere Dinge bei: Norwegisch, Gelassenheit und Freude an den kleinen Dingen. Über Inklusion dachte ich dabei nicht nach.

Nach dem Freiwilligendienst studierte ich Heilpädagogik. Hier lernte ich das Konzept der Inklusion kennen. Ich fand die Idee der gleichberechtigten, unterstützenden Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung sinnvoll und gut. Meine beschauliche Lebensgemeinschaft analysierte ich daraufhin kritisch. Inwiefern
hatten Sören, Tove, Aina, Dagvin und Emil die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Partizipation? Habe ich sie dabei unterstützt, an politischen Prozessen teilzuhaben? Durften sie selbst entscheiden, was sie wollen? Hatten sie Zugang zum Bildungssystem? Der Abgleich zwischen Theorie und tatsächlichem Alltag frustrierte mich. Ich stellte fest, dass mein wundervolles Granly überhaupt nicht inklusiv war: Die Bewohner*innen hatten kaum die Möglichkeit, ihren individuellen Tagesablauf mitzugestalten. Ich hatte nie mit ihnen darüber gesprochen, wen sie wählen würden; wusste nicht, ob sie überhaupt wählen durften. Die Erkenntnis, dass mein Ideal der Inklusion nicht mit meiner erlebten Praxis zusammenpasste, tat weh. Dennoch fand ich beides gut: Granly und Inklusion.

Heute arbeite ich als Sonderpädagogin. Das inklusive gemeinsame Lernen von Schüler*innen mit und ohne Behinderung prägt meinen Arbeitsalltag. Die Lehrer*innen an der Schule finden Inklusion gut, sind aber oft von der Umsetzung herausgefordert. Es gibt schöne Momente, etwa wenn die ganze Klasse den Unterricht
schwänzt und ein autistischer Junge dabei ist, den es enorme Überwindung kostet, dem Lehrer nicht von diesem Regelbruch zu erzählen. Es gibt aber auch unbefriedigende Situationen, wenn etwa eine Schülerin wegen ihrer lauten, chaotischen Klasse mit 32 Schüler*innen im Unterricht überfordert und reizüberflutet
ist. Auch hier ist nicht alles inklusiv.

Meine Erfahrung aus Granly hilft mir, den Abgleich zwischen Theorie und gelebtem Schulalltag auszuhalten. Gelassenheit, Fröhlichkeit und Akzeptanz für eigene Grenzen habe ich von meinen ganz besonderen Mitbewohner*innen gelernt. Dafür bin ich heute sehr dankbar. Und am Ende frage ich mich, ob Granly nicht doch inklusiver ist, als ich auf den ersten Blick dachte. Freundschaften über Grenzen hinweg sind doch vielleicht auch ein Kriterium für Inklusion.

Maritt Merfort, Jahrgang 1985, ist Heilpädagogin und Bildungswissenschaftlerin. Derzeit arbeitet sie als Sonderpädagogin an einem Berliner Gymnasium. 2005/06 war sie Freiwillige in einer Lebensgemeinschaft mit Menschen mit Beeinträchtigung in Norwegen.

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